Håkan Nesser: "Krimi-Autoren sind freundliche Menschen"

Nessers erster Krimi: Das grobmaschige Netz - © Random House
Nessers erster Krimi: Das grobmaschige Netz - © Random House
Ein Interview mit dem schwedischen Bestseller-Autor Håkan Nesser über Filme, Krimis und seine Arbeit als Schriftsteller

TK: Herr Nesser, viele Ihrer Romane wurden verfilmt. Inwieweit wirken Sie vorher auf die Filme ein?

Nesser: Gar nicht. Ich wurde vorher gefragt, ob ich das möchte. Aber ich habe das abgelehnt, weil ich keine Ahnung davon habe, wie man Filme macht.

TK: Stellen Sie inhaltliche Bedingungen?

Nesser: Nein, ich vertraue den Filmleuten. Ein Roman hat 400 bis 500 Seiten. Daraus einen Film zu machen ist ein komplizierter Vorgang. Im Buch kann man 15 Charakter darstellen, im Film wäre das verwirrend. Man muss vereinfachen.

TK: Lesen Sie denn die Drehbücher?

Nesser: Nicht alle. Ich habe darum nicht gebeten. Ich bin kein Drehbuchautor. Wenn man das liest, muss man die Filmbilder vor Augen haben. Die Fähigkeit fehlt mir. Es wäre also dumm, auf meinen Rat zu hören.

TK: Einigen Kritikern gefallen Ihre Romane deutlich besser als die Filme?

Nesser: Ja, aber der Vergleich macht keinen Sinn. Wenn man ein Buch mag, ist man vom Film doch fast immer enttäuscht, weil man ganz andere Bilder im Kopf hat.

TK: Schaut man sich die skandinavische Literatur an, hat man den Eindruck, dass Schweden ein düsteres, deprimierendes Land ist?

Nesser: Wir haben dieses Image. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich stimmt. Deutsche Romane sind ja vielleicht auch nicht immer nur hell und heiter. Aber es ist ein guter Background für einen Krimi: „Always Look On The Dark Site Of Life“. Es ist besser dunkel anzufangen und ein wenig Licht in die Geschichte zu bringen, als mit hellem Sonnenschein zu beginnen. Nach meiner Vorstellung ist das Leben kompliziert und verwirrend, dunkel und schwierig. Für mich ist das die passende Herangehensweise ans Leben – und an Bücher und Filme.

TK: Sie haben viele Jahre lang als Lehrer gearbeitet, wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Nesser: Die Berufe haben nichts miteinander zu tun. Ich war in erster Linie ein Büchernarr, ein Vielleser. Irgendwann wollte ich selbst schreiben. Lesen und Schreiben gehören sehr eng zusammen. Es ist der gleiche Antrieb.

TK: Nämlich?

Nesser: Wissen zu wollen, wie die Geschichte weiter geht.

TK: Stimmt es, dass Sie während des Unterrichts geschrieben haben?

Nesser: Das ist eine schöne Geschichte. Und es ist wirklich passiert, als die Schüler einen Aufsatz geschrieben haben. Was hätte ich tun sollen? Ich hätte sie auch beobachten können. Aber ich habe die Zeit lieber zum Schreiben genutzt. Das war aber nicht der Normalfall, sondern kam nur sehr selten vor. Ich habe üblicherweise nach der Schule geschrieben.

TK: Als Ihre Bücher populär wurden, haben sie zunächst trotzdem noch als Lehrer weiter gearbeitet. Trauten Sie dem Erfolg nicht?

Nesser: Ich mochte meinen Beruf, ich wollte ihn nicht aufgeben. Zu Anfang habe ich die langen Ferien genutzt. Wir hatten von Weihnachten bis Ende Februar Ferien. Wundervoll.

TK: Ihr erster Roman erschien 1988. Ihr erster Krimi 1993. Warum haben Sie so spät angefangen mit dem Schreiben?

Nesser: Es gibt eine ganz einfache Erklärung: Ich hatte vorher einfach keine Zeit. Ich musste arbeiten, hatte einen Beruf und eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Als ich geschieden wurde, hatte ich plötzlich jeden Abend Zeit.

TK: Der erste Roman „Koreografen“ war nicht übermäßig erfolgreich?

Nesser: Sie sagen es, es wurden ungefähr 100 Bücher verkauft. Mit 43 Jahren habe ich meinen ersten Krimi veröffentlicht: „Das grobmaschige Netz“.

TK: Weil Sie sich von einem Krimi mehr Erfolg versprachen?

Nesser: Nein, ich hatte die Geschichte, und sie musste als Krimi erzählt werden. Ich mag das Genre, weil man schnell und leicht bei den philosophischen Grundfragen des Lebens diskutieren kann: Was ist das Leben, warum sind wir hier, was ist der Sinn des Lebens. Als ich damit anfing, merkte ich, dass es mir liegt und dass ich mehr schreiben wollte.

TK: Das Genre Kriminalroman wird in der Literaturgeschichte eher gering geachtet. Stört Sie das?

Nesser: Ach, nichts ist schlechter als ein schlechter Krimi. Aber nichts ist besser als ein guter Krimi. Dostojewskis „Schuld und Sühne“, Shakespeares „Hamlet“ und „Macbeth“ sind auch Krimis. Sie hießen nur nicht so, weil es das Genre noch nicht gab. Aber die Menschen waren immer interessiert an Geschichten voller Geheimnissen und Tod. Es ist nichts falsch an Krimis. Das Problem ist, dass zu viele schlechte Krimis veröffentlicht werden. Es ist ein Marketingproblem.

TK: Sie sind sehr erfolgreich, das dürfte für Sie nicht das Problem sein?

Nesser: Wenn ich einen Krimi schreibe, dann tue ich das mit dem gleichen Anspruch wie bei anderen Romanen. Ich versuche, immer so gut wie möglich zu schreiben. Ich versuche immer, den höchsten Level zu erreichen. Ich schreibe nie etwas locker mit links und sage; des wird ja sowieso veröffentlicht. Ich habe 20 Bücher geschrieben und ich würde nie eines schreiben, das ich nicht selbst gern lesen würde. Und ich schreibe nicht, wenn ich keine gute Geschichte habe.

TK: Haben Sie Spaß beim Schreiben eines Krimis?

Nesser: Spaß kann ich es nicht nennen. Ich schreibe nicht wirklich aus Spaß. Ich muss es tun, es ist ein innerer Antrieb, kein Vergnügen. Na gut, manchmal ist es Spaß, aber manchmal ein Alptraum. Aber es ist wichtig und bedeutend für mich

TK: Wie entstehen Ihre Geschichten, wie sieht Ihr Arbeitsprozess aus?

Nesser: Am Anfang gibt es eine Grundidee. Ich habe nicht viele Notizen, es passiert automatisch. Die Idee kann ein Charakter sein, ein Plot oder die Form, der Erzähler. Ich denke dabei zunächst nicht viel, es ist ein automatischer Prozess. Dann gibt es oft einen Stillstand, man muss sich Klarheit verschaffen. Der Anfang ist nicht schwer, das Fortsetzen ist das Problem.

Ich entwerfe dann schon einen Plan. Aber man muss flexibel genug sein, den Plan während des Schreibens wieder zu ändern. Das ist ein kreativer Prozess. Wenn es nicht so wäre, fände ich es langweilig. Aber während des Schreibens entstehen ständig neue Ideen.

TK: Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Kollegen und Landsmann Henning Mankell?

Nesser: Wir haben uns mehrfach getroffen. Wir verstehen uns nicht als Konkurrenten. Poeten möchten sich gegenseitig töten, weil sie keine Bücher verkaufen. Sie fühlen sich nicht gewürdigt oder missverstanden. Krimiautoren sind dagegen die freundlichsten Schriftsteller, weil wir viele Bücher verkaufen und es uns gut geht.

zur Website von Håkan Nesser