„Kennen Sie Australien? Wenn die Abendsonne die Erde in ein kräftiges bräunliches Orangerot taucht – genau den Farbton hätte ich gerne an dieser Wand hier.“ Kundenwünsche dieser Art sind für die Farbdesignerin und Malerin Tine Marten nichts Außergewöhnliches. Oft beschreiben ihre Kunden eine bestimmte Farbe, meinen aber eher einen atmosphärischen Eindruck. Dabei erinnert der „Farblaie“ höchstens acht Farbtöne, das System aber, mit dem Farbdesigner arbeiten, weist allein 60 Blautöne aus.
Die hohe Kunst der Farbwahl
Bei der Farbgestaltung muss vor allem das Licht berücksichtigt werden, aber auch Formen, Raumhöhen und Wechselwirkung mit anderen Farbflächen oder Materialien. Farbe ist mit Musik vergleichbar, die richtigen Töne zu finden eine Kunst. Wer sich keinen Farbdesigner leisten will, kann auch den Mischservice vom Fachhandel in Anspruch nehmen. Doch wenn die häuslichen vier Wände zu streichen sind, entscheiden sich die meisten Menschen immer noch für Weiß: Alpina-Weiß ist Europas meistgekaufte Innenwandfarbe. Dabei unterfordert eine weiße Wand permanent das Sehvermögen. Kinder zum Beispiel benötigen für die Entwicklung ihres Sehvermögens die Farbe Grün. Farbgeschmack ist individuell und dennoch gelten allgemeingültige Regeln. Ein Farbmetriker kann Farben nach Wellenlänge, Helligkeit und Sättigung messen.
Bunte Architekturgeschichte
Bauherren und Architekten beweisen in den letzten Jahren mehr Mut zur Farbe. Spätestens seit der Restaurierung der Meisterhäuser in Dessau ist bekannt, dass die Klassische Moderne nicht nur weiß war. 170 verschiedene Farbtöne rekonstruierten Wissenschaftler in den Wohnhäusern von Paul Klee und Wassily Kandinsky. Doch geblieben ist eine gewisse Chromophobie: die Farbangst, wie Farbpsychologen es nennen.
Farbigkeit in der Architektur war lange Zeit verpönt. In der Ausbildung von Architekten kommt das Thema Farbigkeit allenfalls am Rande vor. Dabei war in den vergangenen Epochen die Sprache der Farbe in allen Baubereichen selbstverständlich. Die alten Ägypter, Sumerer oder Assyrer benutzten für ihre Bauten farbige Fliesen mit Ornamenten. Die Fassaden und Innenräume griechischer und römischer Bauten zeigten sich mit farbigen Fresken und Marmor. Lange herrschte die Theorie einer „weißen Antike“ - erst die Ausgrabungen in Pompeji und anderen antiken Stätten brachten den Beweis: Römer und Griechen hatten eine Vorliebe für farbenprächtige Mosaike und Wandgemälde in ihren Häusern.In der Abendländischen Epoche zeugen die Farbspuren romanischer und gotischer Kathedralen und Sakralräume von einer ausgeprägten Farbigkeit ebenso wie farbige Glasmalereien, die das Innere der Gebäude in ein atemberaubendes Farbenspiel tauchten. Die Profanbauten der deutschen Renaissance waren farblich reich gegliedert, die Farbe barocker Bauten ist bis heute sichtbar. In den 1830er Jahren setzte sich der deutsche Architekt Gottfried Semper kritisch mit dem Zustand der zeitgenössischen farblosen Architektur auseinander: „Der häufige Missbrauch, der mit Farben und Materialien so leicht gemacht wird, darf für uns kein Grund sein, jede Farbe zu verbannen, und alles, was nicht grau, weiß oder erdfahl ist, kurzweg für bunt zu erklären.“
Natürlich farbig
In früheren Epochen wurden Farben nur aus natürlichen Ressourcen gewonnen. In der Zeit brennender Umweltprobleme steigt der Wunsch nach umweltverträglichen Naturfarben. Denn Wände sind nicht nur Reflektoren für Licht, ihr Oberflächenmaterial bestimmt auch das Raumklima. Der Preis von Naturfarben ist heute zwar höher als bei herkömmlichen Anstrichen, liest man jedoch die Zutatenliste, wird ihr Wert bewusst: edle Öle und Essenzen, Naturharze und -wachse, Farbstoffe aus Walnussschalen, Kurkuma-Pulver, Krappwurzeln oder geriebenen Erden der Provence. Dem gegenüber stehen konventionelle Farben aus Erdölderivaten, Kohlenstoffen und Fungiziden. Den Unterschied sieht, riecht und spürt man. Zu beachten ist auch bei Naturfarben ein ausgewiesenes Bio-Gütesiegel, gerade für Allergiker wichtig, rät ÖkoPlus, der Güteverbund für wohngesunde Baustoffe. Immer mehr Firmen stellen emissionsarme Dispersionsfarben her. Farben gegen Elektrosmogbelastung reduzieren die elektromagnetische Strahlung um 99 Prozent, „Wellness-Farben“ sind klimaaktive Innenwandfarben, die durch photokatalytisch wirkende Pigmente Bakterien und Schadstoffe abbauen und Gerüche vermindern.
Der Urmensch sah rot
Der Mensch hat sich aus farbigen Landschaften heraus entwickelt. Das Farbensehen diente zum Überleben: als Warnfarbe, Lockfarbe oder zum Auffinden von Nahrung. Sollen Menschen spontan eine Farbe nennen, antworten 80 Prozent mit „Rot“. Vor circa 30 Millionen Jahren entwickelten die Vorfahren der Primaten die Fähigkeit des Rot-Grün-Sehens, da sie kleine rote Früchte auf grünem Pflanzenhintergrund aufspüren mussten. Farben beeinflussen unser Bewusstsein: Blutdruck, Puls und Atemfrequenz ändern sich, wenn man verschiedenfarbige Räume betritt. Neu sind die Erkenntnisse der Farbenpsychologie nicht: In China legte man Epileptiker schon vor Hunderten von Jahren auf violette Teppiche, um die Anfälle zu lindern, Darmpatienten wurden mit gelber Farbe bestrichen.
Für einen Zahnarzt hat die Farbdesignerin Marten die Praxis in changierenden Türkistönen gestaltet, was krampflösend und schmerzlindernd wirken soll. Manchmal wird es allerdings auch der Malerin „zu bunt“: Als ein Kunde sich „so ein Graugrün von verwittertem Holz mit einem Stich ins Rötliche“ wünschte. Da zitierte sie einen ihrer Lieblingsmaler, Philipp Otto Runge, der im 18. Jahrhundert schrieb: „Wenn man sich ein bläuliches Orange, ein rötliches Grün oder ein gelbliches Violett denken will, wird einem so zumute wie bei einem südwestlichen Nordwinde“.
