Hochsensibilität im Beruf

Zahlt sich hohe Empfindsamkeit in der Arbeitswelt aus?

Sensibel kompetent - www.festland-verlag.com
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Feingefühl, Gründlichkeit und überdurchschnittliche Arbeitsethik, aber auch Mobbing und Burnout prägen den Berufsalltag von hochsensiblen Menschen.

Karriere machen setzt oft Ellenbogeneinsatz voraus. Nur die Harten kommen schließlich in den Garten. Wirklich? Als Führungsqualitäten gelten vorrangig Fachkompetenz, Durchsetzungsstärke und ein selbstsicheres Auftreten. Nach Sensibilität wird in Stellenanzeigen meist erst gar nicht gefragt. Sie fristet in der Wirtschaftswelt eher ein Schattendasein und bleibt häufig den Literaten, Musikern und Künstlern vorbehalten. Wie also können hochsensible Menschen den Anforderungen des Berufslebens gerecht werden? Die österreichische Autorin Dr. Marianne Skarics bietet in ihrem Arbeitsbuch "Sensibel kompetent" hochsensiblen Menschen Wege an, aus ihrem vermeintlichen Dilemma zu kommen. Ihr Fazit: Hochsensibilität und Erfolg müssen sich nicht ausschließen. Hochsensibilität ist schließlich auch eine Gabe, die den Menschen bereichert.

Das Phänomen der Hochsensibilität

Der Begriff der Hochsensibilität wurde erstmals von der amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron in dem Bestseller "The highly sensitive person. How to thrive when the world overwhelms you" entwickelt. Demnach ist jemand hochsensibel, wenn er aufgrund einer physiologischen Disposition eine erhöhte Empfänglichkeit für Reize besitzt. Hochsensible Menschen nehmen Geräusche, Gerüche, aber auch Berührungen intensiver wahr. Aber auch Erinnerungen, Vorstellungen und Gedanken wirken stärker auf sie ein. Dadurch sind sie oft auch weniger belastbar. Nach Aron verarbeiten hochsensible Menschen Informationen wesentlich tiefer und gründlicher als normal sensible Menschen. Häufig sei ihr Arbeitstempo dadurch verlangsamt und ihre Stresstoleranz geringer. Aron beruft sich auf Forschungen, die belegen, dass etwa 15 Prozent aller Säuglinge Außenreize ganz offensichtlich intensiver verarbeiten als die restlichen 85 Prozent. Das Gehirn von hochsensiblen Babys sei wachsamer, rascher angeregt und häufiger alarmiert als das normalsensibler Säuglinge. Die hochsensiblen Babys hätten weniger Schutz vor dem, was an sie herankomme.

Hochsensible Menschen sind auch seit einigen Jahren zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Jedoch bleibt hier festzuhalten, dass es noch viele offene Forschungsfragen zu diesem relativ neuen Begriff gibt.

Global unterschiedliche Wertschätzung von Sensibilität

Die gesellschaftliche Wertschätzung hochsensibler Menschen ist sehr kulturabhängig. Eine cross-kulturelle Studie unter Schulkindern in China und Kanada kam zu dem Ergebnis, dass in China Schüchternheit und Sensibilität zu den beliebtesten Eigenschaften zählten, in Amerika und Kanada hingegen stehen hochsensible Schulkinder ganz unten in der Rangordnung. Hinzuzufügen ist hierbei, dass man in der Sprache Mandarin "sensibel" mit "verständnisvoll" als Lob für einen Menschen übersetzen kann. In China würden Hochsensible daher bereits in der Schule von Mitschülern und Lehrern sehr geachtet. Man kann folglich davon ausgehen, dass sich die berufliche Wertschätzung von hochsensiblen Menschen auch in Europa anders beurteilt als in Asien oder Amerika.

Vor- und Nachteile hochsensibler Menschen in der Arbeitswelt

Skarics geht der Verträglichkeit von Hochsensibilität und beruflichem Erfolg auf den Grund. Sie beschreibt Eigenschaften hochsensibler Menschen und plädiert für die Anerkennung von Hochsensibilität als wertbildender Qualifikation in der Berufswelt. Sie konstatiert, dass gerade hochsensible Menschen aufgrund ihrer Dispositionen besonders anfällig für Mobbing und Burnout sein können. Häufig können sie sich nur schwer von den Meinungen ihrer Kollegen abgrenzen und müssen lernen "Nein" zu sagen. Sie überfordern sich bisweilen aufgrund ihrer hohen Ansprüche. Viele Hochsensible müssen immer wieder erleben, dass sie abfällig als Sensibelchen oder Gutmenschen bezeichnet werden, obwohl gerade sie es sind, die in ganzheitlicheren und detailorientierten Zusammenhängen denken können und durch ihr integratives und kreatives Wirken Arbeitsprozesse in Unternehmen voranbringen. Sie arbeiten sehr gewissenhaft und meist verfügen sie über eine gute Intuition und Innovationspotential.

In Branchen, die jedoch auf kurzfristige Erfolge anstelle nachhaltiger Lösungen setzen, werde das Potenzial hochsensibler Menschen häufig verkannt. Hochsensible Menschen sind hier scheinbar der Hektik der Arbeitsprozesse nicht gewachsen, sie können sich weniger lautstark durchsetzen und auch schlechter vermarkten. Eine weitere Tragik besteht für Hochsensible darin, in Berufen zu verweilen, mit denen sie eine Sinnentleerung verbinden. Im Kapitel "Beruf als Fron" sei hier nur exemplarisch der Fall eines intelligenten jungen Mannes genannt, der als Telefonist in einem Callcenter verharrte, obgleich die Tätigkeit seinem Wesen und seinen Talenten in keiner Weise entsprach. Risikoscheue und Zaghaftigkeit verlängerten sein Leiden, bis er schließlich die Flucht nach vorn antrat und kündigte.

Fundierte Hilfestellungen für hochsensible Menschen in der Berufsorientierung und am Arbeitsplatz

Skarics bietet in "Sensibel kompetent" fundierte Hilfestellungen für die Herausforderungen der Arbeitswelt, denen sich Hochsensible stellen sollten. Dazu gehören Ratschläge hinsichtlich Mobbing und Bossing, dem Burnout, der Berufswahl und der Suche nach der Berufung und einem geeigneten Selbstmarketing. Sie thematisiert Überqualifizierung und bietet Praxistipps zur Reizüberflutung am Arbeitsplatz. Daneben widmet sie sich dem Diversity Management, einer Domäne, bei der viele Hochsensible übrigens auch ihren Wunsch nach einem sinnstiftenden Beruf realisieren können. Da Hochsensible oft zu den beruflichen Spätzündern gehören, hat Skarics eine Charaktertypologie erstellt, mit der viele Hochsensible ihre Kompetenzen genauer einordnen können. Somit gewinnen sensible und hochsensible Menschen neben differenzierten Informationen über mögliche Ursachen und Hintergründe der Hochsensibilität auch brauchbare Lösungsvorschläge für den Weg zu einem Beruf, mit dem sie glücklich werden.

Marianne Skarics: Sensibel kompetent. Zart besaitet und erfolgreich im Beruf. Festland Verlag, Wien, 2007, ISBN 978-3-9501765-2-0.

Elaine N. Aron, Sind Sie hochsensibel? MVG Verlag, München, 4. Auflage 2009, ISBN 978-3-636-06246-8.

Weiterführende Informationen zum Thema Hochsensibilität und Elaine N. Aron in englischer Sprache.

Test, Infos und Literaturtipps bietet der Informations- und Forschungsverbund Hochsensibiliät e.V.

Ann-Christin Weber, Ann-Christin Weber

Ann-Christin Weber - Ich bin Juristin und Journalistin. Für Suite101 schreibe ich vor allem in den Rubriken Bildung und Karriere, Lesen und Lauschen, ...

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