
- Abdel und Khadija, Hochzeit in Marokko - François Maher Presley
Die Ehefrauen sind oft sehr jung, die Ehemänner älter, manchmal väterlich alt, in Al-Mamlaka al-maghribiya, der arabische Name Marokkos. Das hat mit den Lebensumständen zu tun. Man kann nur heiraten, wenn der Mann wirtschaftlich in der Lage ist, seine zu gründende Familie auch zu versorgen. Die Angebetete bekommt zwar die Aussteuer von zu Hause mit, und auch die Hochzeitsfeierlichkeiten werden von beiden Seiten getragen, doch dann beginnt die Verantwortlichkeit des Mannes
Abdel stammt eher aus einer armen Familie. Er ist eines von sechs Kindern, der Vater ist früh verstorben, die Brüder haben sich um die Mutter und Geschwister zu kümmern. Die, die Arbeit gefunden haben, es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit in Marokko, teilen ihr Einkommen. Faktisch ersetzen die ältesten Söhne die Vaterfigur und sorgen für die anderen. So liegt es nahe, dass erst versucht wird, genügend Geld zu verdienen, um die Aussteuer für die Schwestern zu sparen und diese dann zu verheiraten. Darin ist in gewisser Weise ein Widerspruch enthalten, denn bei einem Durchschnittsverdienst von 150 Euro, die schon zum Leben kaum ausreichen, geschweige denn zum Versorgen einer Großfamilie, sammelt sich nur kleines Geld, und die Jahre gehen dahin.
Abdel ist 36 Jahre geworden, bevor er in der Lage war, mit seinem überdurchschnittlichen Verdienst von 300 Euro im Monat Geld zusammen zu haben, um zum einen sich an den Kosten für die traditionelle Hochzeitsfeier zu beteiligen und zum anderen seine zukünftige Ehefrau auch zu versorgen. Außerdem hat er ältere Brüder, und die Eltern seiner jungen, hübschen Khadija stellen ein Stockwerk in ihrem Haus für das junge Paar kostenfrei zur Verfügung.
Eine marokkanische Hochzeit
Der Hochzeitstag gilt für die Frau als der wichtigste Tag in ihrem Leben. Auch deswegen wird sehr groß gefeiert, in diesem Fall mit 150 Gästen, Verwandten und Freunden. In einem riesigen Stoffzelt, das mitten auf einer Seitenstraße und vor dem Haus aufgebaut wird, heizen Musiker und Sängerinnen den Gästen mit arabischen Schlagern ein, und später folgen die alles beherrschenden Berber-Gesänge, Trommeln und Flöten. Es werden keine Standes- und Altersunterschiede gemacht, die Wohlhabenden sitzen neben den Armen, die Kinder mit den Eltern. Sie spielen während der Feier oder tanzen miteinander. Alles ohne Alkohol. Fanta, Cola und Wasser sowie die Klänge reichen aus für den Rausch, der die ganze Nacht hindurch andauert. Ärmere Familien feiern mit einem Straßenumzug und versammeln sich auf einem freien Platz, reiche Familien mieten sich in einem Hotel ein.
Ablauf des Hochzeitstages in Marokko
Während sich die Gäste amüsieren, bleibt die Feier für das Brautpaar eine unglaubliche Tortur. Früh morgens werden die Haare der Braut gerichtet, sie wird geschminkt, ihre Nägel werden lackiert, zwei “Brautjungfern”, die sich den ganzen Abend um die prächtigen Gewänder kümmern, färben die Hand- und Fußflächen der jungen Berberin mit Henna ein, um sie vor dem bösen Blick zu schützen. Dieser Pflanze, aus der die Farbe gewonnen wird, wird eine besondere, göttliche Heilkraft nachgesagt, was im mystischem Islam der Berber eine große Rolle spielt, die Marokkaner sind mehrheitlich Berber.
Die ersten Familienmitglieder finden sich gegen Mittag ein. Der Aufbau und die Organisation des Festes sind unter den aufmerksamen Blicken der Mutter der Braut im vollen Gange. Gegen 14 Uhr ist das Zelt restlos gefüllt. Die Stimmung der Gäste steigt, und die Braut wird von vier Trägern auf einer Senfte unter Applaus und musikalischen Klängen herein getragen und auf den Thron der Ehe geleitet. Der zukünftige Ehemann folgt. Hier verbringen nun beide den Abend bis etwa sechs Uhr morgens ohne sich wirklich zu beteiligen, ohne zu speisen und zu trinken, während um sie herum gefeiert, gegessen, getrunken, gelacht und getanzt wird. Im Laufe der Nacht wird die Braut sechsmal umgezogen. Die Farben und Gewänder sind alle traditionellen Ursprungs, und es wird sich minuziös an die Regeln gehalten. Gegen drei Uhr morgens werden die Ringe getauscht, der Bräutigam steckt daneben der Braut auch noch goldene Reifen an den Arm, man reicht sich gegenseitig ein Stück Gebäck, einen Schluck zu trinken - alles Symbole für die künftige Verbundenheit, für den Wunsch nach Wohlstand, für das gemeinsame Leben, Speisen und Getränke und die Hoffnung auf Glück. Dem Brautpaar steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Die sommerliche Hitze trägt ihren Teil dazu bei. Nun wird mit den Gästen gefeiert. Braut und Bräutigam werden durch die Reihen getragen und werfen Blumen in die Menge, wünschen allen Gästen Glück und hoffentlich auch bald den oder die richtige/n Partner/in.
Eine Woche feiern, Hochzeitsreise und danach beginnt der Alltag
“Papa und Maman” hatten vor vielen Jahren den beiden ihren Segen gegeben; damals als Abdel seine große Liebe zum ersten Mal in der Altstadt gesehen hatte und ihr auf den Straßen und in den Gassen gefolgt war, bis zum elterlichen Haus und so lange ihr die Treue gehalten hat, bis er dann der Familie vorgestellt und später als zukünftiger Ehemann akzeptiert wurde. Das ist sechs Jahre her.
Eine Hochzeit ist ein großes Ereignis für die ganze Familie. Hier trifft man sich wieder, erzählt Neuigkeiten, lernt vielleicht sogar neue Verwandtschaft kennen, klügelt Ideen aus oder tratscht einfach nur, während nach fast 24 Stunden das Brautpaar die Hochzeitsnacht in einem traditionellen Riad-Hotel begeht.
Nun werden eine Woche lang die Familienangehörigen unterhalten, versorgt und bewirtet, man sitzt viel zusammen, spricht und liebkost sich gegenseitig, bis dann am Ende der Woche noch einmal der nähere Verwandtenkreis zusammenkommt, gemeinsam isst und eine Art Abschiedsfeier miteinander verlebt.
Das Paar bricht zur Hochzeitsreise auf, und wenn die beiden wieder zurück sind, kommt die Erschöpfung und natürlich auch der Alltag. Abdel muss noch mehr arbeiten als vorher, denn während aller Freitage verdient er kein Geld. Als Urlaub gelten in Marokko der halbe Samstag und der ganze Sonntag. Sein Anteil an den Kosten der Feierlichkeiten verschlang etwa 20 Monatsgehälter, der Lebensunterhalt muss eingebracht werden, Möbel, Kleidung und...
