Nelkenöl, wohin man riecht. Das Dalberg-Haus am Rande der Höchster Altstadt duftet nach dem ätherischen Öl der Blütenknospen. Denn die Porzellanmaler mischen damit ihre Farben. So sorgen die Schälchen mit Nelkenöl ganz nebenbei für eine besondere Atmosphäre am Sitz der Höchster Porzellanmanufaktur, deren Geschichte so bewegt wie lang ist.
Nur echt mit dem Rad
1746, genau am ersten März, erlaubte der Mainzer Kurfürst Johann Friedrich Karl von Osteiner dem Meißner Porzellanmaler Löwenfinck und den Kaufleuten Göltz und Clarus, eine Manufaktur zu gründen. Damit ist Höchst, nach Meißen, die zweitälteste deutsche Manufaktur. Nachdem 1750 die ersten Porzellanbrände gelangen, wandelte sich die Manufaktur 1765 in eine AG und richtete in Mainz und Frankfurt Warenlager und Musterausstellungen ein. Das Ende des Kurstaates Mainz 1796 bedeutete auch für die Manufaktur das Aus. Doch 200 Jahre nach Gründung erlebte das Höchster Porzellan 1947 eine Renaissance. Auf Initiative eines Höchster Bürgers nahm man bis 1963 die Produktion wieder auf.
Die Höchster Porzellanmanufaktur hat heute wieder einen Platz unter den führenden Porzellanmanufakturen in Euopa erobert. Angelehnt an die Tradition der Mainzerisch-Kurfürstlichen Porzellanmanufaktur zeichnet man jedes Porzellanprodukt mit dem Mainzer Rad, dem Schriftzug Höchst, der Malersignatur und Fertigungsnummer aus. So hat der Liebhaber die Gewißheit: Es kommt aus der Höchster Porzellanmanufaktur.
Chinesisches Porzellan
Ein Blick zurück: Porzellan war den Chinesen schon seit der Sui-Dynastie (581-617) bekannt. Marco Polo und die portugiesischen Ostindienfahrer brachten den neuen Rohstoff nach Europa. Die Chinesen hüteten ihr Geheimnis sorgsam, und ihre Produkte wurden immer begehrter. Doch die Europäer benötigten zum Entdecken des Porzellans schon etwas länger. Erst dem Alchimisten Johann Friedrich Böttger gelang 1709 die richtige Zusammensetzung. Dabei war das Porzellan nur ein Zufallsprodukt. Denn eigentlich forschte Böttger nach dem gelben Gold: Er entdeckte jedoch das weiße: eben Porzellan. Dies meldete er dem prunkliebenden Barockfürsten August dem Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen: „den guten weißen Porcellain, sambt der allerfeinsten Glaßur". Resultat: Die erste europäische Porzellanmanufaktur entstand 1710 auf der Albrechtsburg in Meißen.
Porzellan: Härter als Stahl - fragil wie Glas
Geschenk der Natur: Ein Gemisch zur Hälfte aus Kaolin, je zu einem Viertel aus Feldspat und Quarz, Wasser dazu, und fertig ist die flüssige mausgraue Porzellanmasse. Nach dem ersten Brand, Schrühbrand genannt, bei 950°C kommt das Glasieren. Dazu taucht man das Porzellan vorsichtig in eine Suspension aus silikatischen Komponenten. Im anschließenden Glattbrand bei 1.450°C erhält das Porzellan endgültig Härte und Glanz. Nun ist das Material außerdem strahlend weiß.
„Porzellanveredeln" ist, was eine Manufaktur ausmacht. Und dabei werden, wie die Bezeichnung schon ausdrückt, alle Arbeitsgänge per Hand erledigt. Manufakturen sind nicht in erster Linie porzellanherstellende Betriebe. Wichtiger ist dabei das handwerkliches Können und der künstlerische Anspruch, der durch die invividuelle Malerei erfüllt wird.
Diesen Anspruch erfüllt die Manufaktur beispielsweise mit der Kreation, die schon fast das Markenzeichen von Höchst ist: der Türkenkapelle, die Johann Peter Melchior um 1775 mit orientalischen Phantasiekostümen entwarf. Nach den Originalen aus dem 18. Jahrhunderts gestaltet der Modelleur ein Urmodell. Das ist nur etwas für Könner, denn man muss sich nicht nur in eine Schöpfung eines längst vergangenen Jahrhunderts einfühlen, sondern seine Figur aus Rohporzellan auch um ein Sechstel größer gestalten. Denn durch Trocknen und Brennen schrumpft sie um 17 Prozent. Kein Wunder, dass diese Maßarbeit sechs Monate beansprucht. Kaum fertig, zerschneidet der Modelleur die Figur wieder. Denn die komplizierten Modelle können nicht aus einer Form gegossen werden. Für jedes Einzelteil wird eine Urform aus Gips hergestellt, in die man dann die Porzellanmasse gießt. Der Gips entzieht ihr Wasser, so daß sich das Figurenteil aus der Form herausnehmen läßt. Aus den Einzelteilen setzt der Modelleur sorgfältig die Figur zusammen - dann sieht alles wie aus einem Guß aus.
