
- Richard Kadrey - Höllendämmerung Cover - HAUPTMANN & kOMPANIE
Elf Jahre lang war James Stark in der Hölle gefangen, lebendig unter den dämonischen Hellions, bis ihm schließlich die Flucht gelang. Dieser unmenschlichen Anstrengung hat er sich nur unterzogen, weil ihm zu Ohren gekommen ist, dass seine Feinde seine Freundin Alice umgebracht haben. Dabei hatte ihm einer der Höllenfürsten versprochen, dass das nicht geschehen würde! Stark rastet aus und hinterlässt eine Schneise der Verwüstung auf seinem Weg zurück auf die Erde. Hier kennt er nur noch ein Ziel: Rache zu nehmen an all jenen, die er für eine Art Freunde gehalten hat, die ihn in die Hölle geschickt und Alice' wundervolles, kostbares Leben geraubt haben.
Das eine oder andere Hilfsmittel
Stark ist nicht eben in bester Verfassung, als er wieder in der Nähe seines Heims landet. Aber wenn seine Seele auch irreparabel Schaden genommen hat, so hatte die ganze Quälerei in höllischen Gefilden wohl doch auch sein Gutes: Es ist fast unmöglich, den Exmagier umzubringen. Zwar sind ein paar Kugeln im Leib für ihn auch nicht gerade angenehm, aber gefährlich werden sie ihm nicht.
Ein paar Kleinode aus höllischen Tagen helfen Stark bei seiner Aufgabe: Eine Münze, die auf Befragung nicht nur mit Ja oder Nein antwortet, ein Messer, von dem der Besitzer selbst nicht weiß, woraus es besteht, und das Kostbarste: Der Schlüssel. Der Schlüssel bringt Stark dorthin, wohin er möchte - ganz ohne leidige Fragen beantworten, unschuldige Wächter umlegen oder sich ganz allgemein rechtfertigen zu müssen.
Ratet mal, wer wieder da ist
Stark ist zurück, wütend, bestens ausgestattet - und ein wenig orientierungslos. Er war schließlich elf Jahre weg, und die Welt hat sich ziemlich weiter entwickelt in der Zeit seiner Abwesenheit. Mit diversen Neuerungen muss er sich nebenbei auseinandersetzen, wichtiger ist seine Suche nach seinem ehemaligen Magierzirkel. Der Zufall beschert ihm schnell ein Treffen mit dem Omegatier dieses Kreises, dem Letzten auf seiner Liste. Weder er noch die anderen Mitglieder, die später davon erfahren, sind besonders glücklich über die Rückkehr des ehemaligen Freundes. Denn wenn auch sie es nicht waren, die Stark in die Hölle verbannten, sondern ihr altes Oberhaupt Mason, haben sie auch nichts getan, um ihm zu helfen.
Und doch gibt es einige wenige Leute, die sich über Starks Heimkehr freuen: Sein alter Kumpel Vidocq und ein neuer Freund, ein Barbesitzer mit einem kleinen Naziproblem.
Das große Bild
Stark ist so wütend über den Verrat seiner ehemaligen Freunde und über den Tod seiner geliebten Alice, dass er viele Dinge gar nicht hinterfragt. Erst so nach und nach, während er in Los Angeles durch die Straßen wütet wie ein wildgewordenes Tier, geht ihm auf, dass ihn verschiedene Parteien beobachten und offenbar alle ihre eigenen Pläne mit ihm haben. Bedauerlicherweise haben sie da alle die Rechnung ohne das Objekt ihrer Pläne gemacht. Stark lässt sich nur instrumentalisieren, wenn es ihm in den Kram passt. Selbst als ihm enthüllt wird, dass er bisher nicht einmal die Hälfte von alldem wusste, was vor sich geht, und dass etwas Entsetzliches bevorstehen könnte, macht er nur bei genau den Plänen mit, die sich mit seinen eigenen überschneiden. Himmel und Hölle wissen nicht so recht, was sie mit diesem Typen anstellen sollen.
Weder Held noch Antiheld
Mit Stark hat Richard Kadrey einen kantigen, rotzigen, völlig kaputten Protagonisten erschaffen, nicht ganz menschlich, nicht ganz bei Sinnen, trotzköpfig wie ein Halbstarker, ein Kerl wie eine tickende Zeitbombe. Dass einer solchen Hauptperson nur kurzweilige Geschichten passieren, liegt auf der Hand. Natürlich sind die wenigsten davon schön, aber Stark nimmt es mit einer schrägen Art von Humor ("Ich kippe weder um, noch muss ich kotzen. Wie schon gesagt, es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.").
Schön gelungen ist die Ambivalenz der Person: Stark ist naturgemäß nicht sonderlich gut drauf, und sein Wunsch nach Mehrfachmord könnte ihm durchaus schlecht ausgelegt werden, ebenso wie die Weigerung, sich den "Guten" anzuschließen, was immer das auch heißen mag. Allerdings entpuppt er sich als treuer Freund für die wenigen Personen, die ihm nicht den Tod wünschen, und das ist dann doch wieder sehr sympathisch.
Eine apokalyptische Welt voll schräger Gags
Es dauert nicht allzu lange, bis der Leser darauf zu warten beginnt, wie Stark sein nächstes Set neuer, sauberer Kleidung zerstören wird. Leise Anklänge an Actionfilme werden hier wach, die in den Kampfszenen deutlich verstärkt werden. So viel Schlägerei und Magierkampf es hier aber auch gibt, Slapstickmomente kommen ebenfalls nicht zu kurz. Naturgemäß geschehen verschiedene Dinge, die mit normalsterblich-biologisch-physikalischen Gesetzen nicht erklärbar sind, und die wirken in der Vorstellung allein schon so zum Brüllen, dass der Wunsch nach einer Verfilmung dieses Buchs wächst. Da könnten Special Effects ein paar herrliche Dinge anrichten.
Sprachlich gesehen ist dieser Roman natürlich nicht das, was landesläufig als "schön" bezeichnet wird, aber da das auch nicht passen würde, ist das völlig in Ordnung. Der Stil passt zum Thema, und mehr kann niemand verlangen.
Fazit: Eklig, dreckig, respektlos, voller Explosionen und Kaputten - Steampunk at its best.
Richard Kadrey: Höllendämmerung Rowohlt Polaris, Juli 2011. Gebundene Ausgabe, 432 Seiten. Euro 14,95
