
- Hörbuch - Lübbe Audio
Konstanz im Jahre 1410: Der wohlhabende Bürger Matthis ist geschmeichelt, als Graf Rupert um die Hand seiner jungen Tochter Marie anhält. Durch die Vermählung mit einem Adeligen glaubt er seiner Tochter den gesellschaftlichen Aufstieg und eine abgesicherte Zukunft zu ermöglichen. Der Ehevertrag ist schnell unterschrieben und die Verlobung wird ausgelassen gefeiert. Doch Marie ist Opfer einer lang geplanten Intrige des angesehenen doch mittellosen Grafen: Falsche Zeugen behaupten, dass sie keine Jungfrau mehr sei – nicht nur eine Schande für Marie, sondern auch ein Verstoß gegen den Ehevertrag. Marie wird in den Turm eingekerkert und verurteilt, am Schandmal ausgepeitscht und aus der Stadt verbannt. Graf Rupert wird vom Gericht das gesamte Vermögen ihrer Familie zugesprochen. Als Frau ohne Rechte hat Marie nur eine Chance auf der Straße zu überleben: Sie schließt sich einer Gruppe von Wanderhuren an – der Beginn eines jahrelangen Martyriums. Fortan verfolgt sie nur noch ein Ziel: Rache an Graf Rupert und die Rehabilitierung ihrer Familie.
Konstanz im 15. Jahrhundert – Aufstrebendes Bürgertum und verarmter Adel
„Die Wanderhure“ von Iny Lorentz zeichnet ein gelungenes Bild der historischen und gesellschaftlichen Umwälzungen während der Frühen Neuzeit: Die mittelalterlichen Strukturen zerfallen allmählich – und mit ihnen die Macht der Adeligen und des Klerus. Konstanz hatte den Status einer „Freien Stadt“ und musste ihre Steuern an den Kaiser und nicht an den jeweiligen Landesherrn zahlen. So gewann das „Bürgertum“ zunehmend an Einfluss: Der Handel florierte und mit ihm der Wohlstand der Stadt Konstanz. Diese hatte nun eine gewisse Autonomität gegenüber Landesfürsten und Klerus. Die Familie Matthis ist eine zu Wohlstand gekommene Kaufmannsfamilie. Die Heiratsintrige des Grafen Rupert gibt auf anschauliche Weise den Konflikt zwischen Adel und Bürgertum der damaligen Zeit wieder. Und Rupert trifft es doppelt: Als Magister hat er zwar eine vorzügliche Ausbildung und einen gewissen Stand in Konstanz erhalten, doch hat er als unehelicher Sohn keinerlei Rechte auf das Erbe seines Vaters. Es ist eine Geschichte über die Existenzängste einer Gesellschaftsschicht, die zunehmend an Macht verliert und dem aufstrebenden Bürgertum Platz machen muss.
„Die Wanderhure“ – eine kleine Kulturgeschichte der Prostitution in der Frühen Neuzeit
Frauen stehen in den Romanen von Iny Lorentz im Mittelpunkt. Und so auch in „Die Wanderhure“. Marie ist vollkommen hilflos der Macht der Männer ausgesetzt, wird um ihre "Bürgerrechte" betrogen, vergewaltigt und wie ein Hund auf der Straße ausgesetzt. Die Notwendigkeit, als Hure ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen, steht wohl stellvertretend für viele Frauen der damaligen Zeit. Maries Schicksal führt uns vor Augen, wie unterprivilegiert Frauen in der Gesellschaft des 15. Jahrhunderts (und auch später noch) waren. Auf der anderen Seite erzählt uns „Die Wanderhure“ auch von den Anfängen einer Organisation der Huren, die in Gruppen auftreten und um das Recht auf feste Unterkünfte (Hurenhäuser) und Bezahlung kämpfen. Iny Lorentz hat mit „Die Wanderhure“ nicht nur einen spannenden historischen Roman geschrieben, sondern liefert uns einen äußerst gut recherchierten Beitrag zum Verständnis der Alltags- und Kulturgeschichte der Prostitution im 15. Jahrhundert.
Sprecherin Anne Moll
Anne Moll, 1966 in Rostock geboren, studierte an der Ernst Busch Hochschule für Schauspielkunst und hat bereits auf mehreren deutschen Theaterbühnen gestanden. Fernsehzuschauern ist sie bekannt durch Serien, wie „Die Männer vom K3“ oder „Großstadtrevier“. Seit 1990 arbeitet sie als Sprecherin für Hörbuchproduktionen und als Synchronsprecherin. MIt ihrer Stimme verleiht sie dem Roman "Die Wanderhure" von Iny Lorentz eine leichte und dennoch bestimmte Erzählweise - fließend und pointiert zugleich. Nicht umsonst wurde Ihre Lesung des Romans „Meteor“ von Dan Brown 2006 mit der „Goldenen Schallplatte“ ausgezeichnet.
Ina Lorentz: Die Wanderhure. Lübbe Audio 2010. 6 Audio-CD´s. Laufzeit 413 Min. Preis € 24,95.
Quellen:
Bernd Roeck: Lebenswelt und Kultur des Bürgertums in der Frühen Neuzeit. Oldenbourg Wissenschaftsverlag 1991.
Peter Schuster: Das Frauenhaus. Städtische Bordelle in Deutschland (1350-1600). Schöningh. Paderborn 1992.
