
- Dorner: Die Frau in der hinteren Reihe - Diogenes Verlag
Die Zeitschriften in ihrer Auslage verheißen nicht selten ein Leben voller Abenteuer, Sex und Schönheit. Die Realität sieht bei der Kioskbetreiberin Nina im Roman "Die Frau in der hinteren Reihe" von Françoise Dorner anders aus. Der Wecker klingelt um kurz vor fünf, bis um fünf verrichten sie und ihr Mann noch schnell die ehelichen Pflichten, danach begeben er oder sie sich abwechselnd zum Zeitungsgroßhändler. Anschließend teilen sich beide an sechs Tagen in der Woche von Morgen bis Mittag oder von Mittag bis zum Abend die jeweiligen Schichten in ihrem kleinen Laden an einer Pariser Straßenecke auf. Dabei hat Nina stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Geschichten ihrer Kunden. Ihr eigenes Leben droht dabei gleichzeitig jedoch immer mehr in Eintönigkeit und Langeweile zu versinken. Bis sie eines Tages einer Beobachtung auf den Grund geht, die sie bei vielen Herren mittleren Alters an ihrer Kioskauslage gemacht hat.
Von der Kioskbesitzerin zur Femme Fatale
Diese Herren lesen heimlich unter einer grad aufgeschlagenen seriösen Tageszeitung anstößige Hochglanzmagazine wie den Playboy. Offensichtlich stellt die Tatsache, es heimlich zu tun, für die Männer einen besonderen Kick dar. Nun möchte auch Nina es wissen und schaut sich ebenfalls eines der Hefte an. Dabei stellt sie sich schon nach kurzer Zeit die Frage, was wohl wäre, wenn sie auch einmal heimlich in die Rolle einer solchen Frau, wie sie dort abgebildet sind, schlüpfen würde. Schon bald probiert sie ihre neu entdeckte, heimlich vollzogene Freizügigkeit und Verführungskunst an einem ihrer täglichen Kunden aus. Mit dem Erfolg, dass dieser sie nun öfter, natürlich ganz im Verborgenen, treffen möchte. So nimmt bald ihr Doppelleben als Femme fatale mit noch einigen weiteren Herren seinen Lauf, bis sie merkt, dass Fremdgehen nicht wirklich ihr Begehr ist. Ebenso wird sie jedoch auch gewahr, dass ihr Mann neuerdings ebenfalls bei wöchentlich getätigten Kinobesuchen nach einer neuen Liebe oder zumindest nach ein wenig erotischer Abwechslung Ausschau hält. Aus noch immer vorhandener Liebe zu ihm entschließt sie sich daraufhin, in entsprechender Verkleidung zur neuen, unerkannten Kinobekanntschaft ihres eigenen Gatten zu werden. Eine besondere Form von erotischem Versteckspiel mit ungewissem Ausgang zwischen den beiden beginnt …
Kleine Leute kommen bei Françoise Dorner groß raus
Die französische Schriftstellerin und Schauspielerin Françoise Dorner hat in ihren Romanen stets ein besonderes Gespür dafür, kleine Leute, deren Entsprechung im täglichen Leben jedermann von uns bekannt sein dürfte, aus ihrer Pariser Alltäglichkeit ausbrechen und zu etwas Außergewöhnlichem werden zu lassen. Eine weitere Besonderheit ihrer Werke ist, dass die Hauptcharaktere ihre Geschichte immer selbst aus der eigenen Perspektive heraus erzählen. So hat man als Leser und auch als Hörer der im Diogenes Verlag erschienenen Bücher und Hörbücher an vielen Stellen das Gefühl, mit dem Erzählenden an einem Tisch zu sitzen und sich dessen Geschichte anzuhören. Eine Nähe, die nicht zuletzt auch aus den für jedermann nachvollziehbaren Gedankengängen der Titelfiguren heraus hergestellt wird. Nina in ihrer Rolle als „Femme fatale in der hinteren Reihe“ bildet da keine Ausnahme. Es dauert nicht lange, und man steht gedanklich selbst mit der jungen Frau hinter dem Kiosktresen und schaut den Zeitungskäufern beim Studieren ihrer Wunschlektüre zu. Ebenso begibt man sich mit Nina in das örtliche Kino und erlebt hautnah mit, wie sie es schafft, als vermeintlich Fremde zwischen sich und ihrem Mann eine neue knisternde Erotik zu schaffen.
Anna Schudt liest eine fesselnde Geschichte voller Liebe und Erotik
Die Autorin schafft es vor allem durch geschickt erzeugten Spannungsaufbau, ihre Leser und Hörer von der ersten bis zur letzten Seite des Buches beziehungsweise vom ersten bis zum letzten Wort des Hörbuches mit der Titelfigur mitfühlen und so auch ihre Freude, ihren Ärger und ihre Wehmut miterleben zu lassen. Man möchte das Buch nicht vor Ende der letzten Seite aus der Hand legen und auch die Hörbuch-CDs bis zum Schluss nicht unterbrechen. Allein schon deshalb, weil man voller Spannung dem dann doch recht überraschenden Ausgang der Geschichte entgegenfiebert. „Die Frau in der hinteren Reihe“, die deutsche Übersetzung der im Jahre 2004 beim Pariser Verlag Albin Michel veröffentlichten Originalausgabe „La Fille du rang derrière“, ist ein absolut gelungenes, brillantes Buch, bei dem man sich als Leser oder Hörer nur wünschen kann, dass weitere folgen werden.
Hörbuch Françoise Dorner: Die Frau in der hinteren Reihe. Gelesen von Anna Schudt Diogenes Verlag 2008. 3 CDs, 181 Minuten. Euro 22,90
Auch als Hardcover erschienen beim Diogenes Verlag 2008. Leinen, 160 Seiten. Euro 17,90.
