Hörbuch im Test: Indriðasons Island-Krimi "Codex Regius"

Krimifans wissen schon lange, dass das Gastland der Buchmesse über einige sehr gute Romanciers verfügt, allen voran Arnaldur Indriðason.

Durch seine Krimiserie rund um den mürrischen Kommissar Erlendur, die bereits verfilmt wurde, ist er weit über die Grenzen seines kleinen Landes hinaus bekannt geworden. Mit "Codex Regius" verlässt Indriðason jedoch die üblichen Pfade des klassischen Ermittlerkrimis. Der Protagonist, durch dessen Sicht die Handlung erzählt wird, ist ein dänischer Student der altnordischen Literatur. Sein Professor ist zwar eine Koryphäe auf dem Gebiet alter Handschriften, menschlich aber unzugänglich und ein verschrobener Alkoholiker. Der fleißige Ich-Erzähler sucht trotzdem seine Nähe. So erfährt er nahezu zufällig, dass der Professor auf der Suche nach einer verschollen geglaubten Handschrift aus der altisländischen Edda ist. Es handelt sich um ein Dokument von unschätzbarem Wert, welches er der Forschung zuführen möchte. Doch andere Interessengruppen sind dem Dokument ebenfalls auf der Spur. Sie sind bereit hohe Preise für die Schrift zu bezahlen. Der Protagonist gerät immer tiefer in die geheime Suche hinein und begleitet seinen Lehrer auf eine gefährliche Reise.

Idriðasons Roman geht auf einer Welle unter statt mit ihr zu schwimmen

Die Idee zu diesem Kriminalroman ist Indriðason vielleicht durch die Welle an Mistery-Thrillern gekommen, die durch Dan Browns Robert Langdon Romane ausgelöst wurde. Wie Brown stellt Indriðason einen Hochschullehrer als Experten in den Mittelpunkt und wie jener geht es ihm auch um Sachinformationen über alte religiöse Bräuche. Obwohl Indriðason es schafft ebenso wie sein amerikanischer Kollege durch die zunehmende Beteiligung des Protagonisten an den zunehmend dramatischen Ereignissen eine hohe Spannung aufzubauen, ist die Bearbeitung seines Themas gerade durch den Versuch "trendy" zu sein doch eher bemüht. Dem herausragenden Krimiautoren, der meist zeitgeschichtliche oder auch tagesaktuelle politische Zusammenhänge in seine Romane einfließen lässt, gelingt es zwar auch hier seine Geschichte in einen größeren Kontext zu stellen. Der Versuch die Verwicklungen um den Text der Edda durch heraufbeschwören eines Nordeuropäischen Rings von Nationalsozialisten in aktuelle Geschehnisse einzubetten bleibt jedoch halbherzig. Von einem Autoren wie Indriðason wäre durchaus mehr zu erwarten gewesen.

Hörbuchfassung ebenso überengagiert wie der Roman

Dieser Eindruck wird in der Hörbuchbearbeitung noch weiter verstärkt. Die Textpassagen werden unterbrochen von schwerer, bedeutungsträchtiger Musik, die geradezu elegisch wirkt. Das steigert weniger die Spannung als vielmehr den Unmut beim Hörer. Heikko Deutschmann trägt den Text mit seiner äußerst angenehmen Stimme zurückhaltend vor. Doch auch der hochwertige Sprecher entschädigt nur teilweise für den musikalischen Eingriff in Indriðasons Handlungsstrang. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein mittelmäßiger Roman zu einem mittelmäßigen Hörbuch weiter verarbeitet wurde, dass sich gut mit halber Aufmerksamkeit verfolgen lässt. Der anspruchsvolle Hörbuchkenner sollte hingegen lieber von diesem Werk Abstand halten.

Indriðason, Arnaldur: Codex Regius; Lübbe Audio 2008; ISBN 378573705X; 10,99 Euro

Mareike Höckendorff, Mareike Höckendorff

Mareike Höckendorff - Ich bin gelernte Buchhändler und habe viele Jahre im Buchhandel gearbeitet. Meine Schwerpunktgebiete waren Kinder- und ...

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