
- Robert Harris "Angst" - Random House Audio Verlag
Die Struktur von Robert Harris' neuem Roman ist ebenso einfach wie klassisch. Dadurch wird der Thriller leider etwas vorhersehbar, was seine Qualität aber nur geringfügig einschränkt. Der Roman beginnt wie ein klassicher Kriminalroman, mit einem Rätsel. Irgendjemand hat Alexander Hoffmann, Physiker, Gründer und Geschäftsführer eines Milliarden erwirtschaftenden Hedgefonds, eine teure Erstausgabe von Charles Darwins "Entstsehung der Arten" zuschicken lassen. Kurze Zeit später wird Hoffman in seiner eigenen Villa überfallen und nieder geschlagen, obwohl diese durch ein kompliziertes Sicherheitssystem geschützt ist. Der Kommissar Le Clerque beginnt zu ermitteln. Recht schnell bringt er ein von Hoffman wohl gehütetes Geheimnis ans Licht. Dieser war von seinem ehemaligem Arbeitsplatz am CERN, der europäischen Organisation für Kernforschung, weggegangen, da er an psychischen Beschwerden litt. Lange hält der Autor zurück, welches Leiden den Physiker genau quält. Statt dessen platziert er immer wieder Andeutungen, die im Leser den Verdacht aufkommen lassen, Hoffmann sei schizophren, leide unter Verfolgungswahn.
Das Genie und der Wahnsinn
Neben der Ermittlung gibt es einen zweiten Erzählstrang, die Geschichte Hoffmanns und sein persönliches Erleben der Geschehnisse. Bereits als junger Wissenschaftler ist er fasziniert gewesen von der Idee künstlicher Intelligenz. Das Unternehmen CERN erkannte früh die Gefahren seiner Forschung, der von ihm entwickelte Algorithmus nistete sich wie ein Virus auf den Servern des Unternehmens aus. Die Ablehnung für weitere Forschung bescherte Alexander Hoffmann einen Nervenzusammenbruch, hielt ihn aber nicht davon ab, privat weiter zu forschen. Schließlich gründete er mit einem Partner einen Hedgefonds, der mit seinem Algorithmus arbeitet. Von nun an ist es sein Beruf, den Selbstlerner zu perfektionieren. Wie Dr. Frankenstein oder Faust ist Hoffmann besessen von der Idee des Wissens und wie Dr. Frankenstein und Faust schafft er ein Wesen, welches sich am Ende gegen ihn selbst richten muss. Der Algorithmus Vixal4 ist ein moderner Homunkulus, ein Monster, ein Automat, der Hoffmann so sehr beherrscht, dass er ihn in den Wahnsinn treibt. Einmal die Fährte aufgenommen, kann Harris' Leser zahlreiche Intertextualitäten erkennen, die den Roman nicht nur mit den direkt zitierten Autoren wie Darwin und Shelley verknüpfen, sondern mit zahlreichen und nicht nur literarischen Werken der neueren Kulturgeschichte. Hoffmann kreiert zwar nicht wie Dr. Frankenstein oder Faust einen neuen Menschen, aber er entwickelt etwas, was die entscheidende Begabung der Menschheit, die lernende Intelligenz, besitzt und selbstständig bis ins Unendliche perfektioniert. Dies geht soweit, dass er den Menschen, der ihn schuf, überflüssig macht.
Die Finanzwelt
Das Ganze bettet Harris in das Arbeitsumfeld eines Hedgefonds ein, das er wie nebenbei für den interessierten Leser anschaulich erklärt. Seine Kritik richtet sich dabei einerseits gegen den leichfertigen Umgang mit Milliardenbeträgen, welche die Mitarbeiter täglich hin- und herschieben. Er beschreibt seine Hauptfigur Hoffman als einen Menschen, dem Geld zunächst egal war, für den es in seinem beruflichen Alltag dann aber zunehmend zum Maßstab für Erfolg und Misserfolg wurde. Einmal von seiner Ehefrau nach seinem derzeitigen Privatvermögen gefragt, schätzt Hoffman dies gleichgültig auf ungefähr eine Milliarde. Allein seine Villa ist 60 Millionen wert. Auf der anderen Seite beschreibt Harris das Desinteresse an der Herkunft des erwirtschafteten Geldes. Vixal4 operiert nur nach Berechnungen des Marktes, wertet Beiträge des gesamten Internets aus, um dann selbstständig Kauf- und Verkaufsentscheidungen zu treffen. Durch Einbeziehung von Daten der Website einer terroristischen Vereinigung gelingt es dem virtuellen Gehirn zum Beispiel einmal kurz vor einem Anschlag auf ein Flugzeug die Aktien der Fluggesellschaft zu Höchstpreisen zu verkaufen. Das Unternehmen von Alexander Hoffmann schlägt auf diese Weise maximalen Profit aus dem Terrorangriff.
Anspielungsreicher Intellektuellenroman mit dem Antlitz eines Thrillers
Harris' Anliegen ist ambitioniert. Mit seinem Roman kritisiert er die moderne Wissensgesellschaft, die Digitalisierung von Alltags-und Berufswelt und das Vorgehen weltweit operierender Hedgefonds. Dass dabei die Handlung um die Inhalte herum konstruiert wirkt und das Ende spätestens ab der Hälfte der Geschichte absehbar wird, ist verzeihlich. Gerade die Anlehnung an den klassischen Fauststoff lässt "Angst" literarisch bleiben, obwohl ganz klar erkennbar ist, dass der Autor von einem sachlichen Anliegen getrieben ist. Hinzu kommt, dass Harris seine Figuren keineswegs eindimensional gestaltet hat. Auch die Konstellation aus dem hochgenialen Alexander Hoffman, seiner eher künstlerisch veranlagten Frau, seinem erfolgsorientierten Geschäftspartner, dem mit kühlem Gerechtigkeitssinn ausgesatteten Kommisar Le Clerque und anderen ist so fein aufeinander abgestimmt, dass ein vielschichtiges Bild entsteht. Auch wenn der Roman formal einem Thriller gleicht, so tritt der Spannungsaspekt doch eindeutig hinter Harris' sachlichem Anliegen zurück. Die Ermittlungshandlung scheint im Stadium der Skizze verblieben zu sein und wirkt daher wie ein halbherziger Versuch der Tarnung.
Bisher ist die Audioversion von Angst exklusiv beim Internetanbieter audible.de erhältlich. Sie ist ungekürzt und lässt also die Romankonstruktion uneingeschränkt bestehen. Aufgrund der Komplexität und des Anspielungsreichtums lohnt es sich die Geschichte mehrmals oder sehr konzentriert zu hören. Hannes Jaenicke liest wohltuend ruhig und greift damit wenig in die Gestaltung der Handlung ein. Seine Stimme ist angenehm und lädt ebenso zum mehrmaligen Lauschen ein wie der Plot. Insgesamt sei dieses Hörbuch allen Lesern ans Herz gelegt, die sich in Zeiten der Finanzkrise gerne über die komplizierte Vorgehensweisen von Hedgefonds informieren möchten ohne Sachbücher zu wälzen oder Spaß am Erfindungs- und Verknüpfungsreichtum eines intellektuellen Autors haben.
Harris, Robert: Angst. Random House Audio 2011; 20,95 Euro
