
- Eigenwillig - Christoph Spering - Philharmonie Essen
Um das Requiem, Mozarts großes Vokalwerk, ranken sich einige Mythen. Viele davon wurden von Miloš Forman historisch mehr als ungenauen zu bezeichnenden „Amadeus“ gestiftet, andere ziehen sich jedoch auch bereits seit dem Tode Mozarts durch die Geschichte. Richtig und wichtig ist, dass Constanze Mozart von ihrem Mann doch recht mittellos hinterlassen wurde und somit auf die Fertigstellung des Werkes, auch nach dem Tode Mozarts, angewiesen war. Nachdem zuerst Joseph Eybler für dieses Unterfangen herangezogen worden war, es jedoch nach Problemen im Lacrimosa aufgab, komponierte der junge Mozartschüler Franz Xaver Süßmayr das Werk zu Ende. Dessen Bearbeitung stand entsprechend auch im Mittelpunkt.
In der Werkstatt der Musik
Spering zeigte dabei, in Zusammenarbeit mit dem Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester, vor allem auf, welche kompositorische Arbeit Süßmayr noch zu den Fragmenten aus Mozarts Hand hinzu geleistet hat, wie er mit dem Werk umging und wie er versuchte, dem Gedanken seines Lehrers immer zu folgen und dessen Grundstruktur nicht anzugreifen. Neben den drei Teilen, welche er selbst noch komponieren musste natürlich.
Die amüsante und informative Vorveranstaltung zum eigentlich Konzert wurde dabei in einer Art Werkstatt abgehalten, in welcher Spering immer wieder erklärte und auch nicht auf Anekdoten verzichtete, was für eine aufgelockerte Stimmung sorgte. Betrachtend, dass er auch Laien einiges an musiktheoretischem Grundlagen mitgeben zu wollen schien, sicher eine gelungene Idee.
Historische Instrumente und kantiges Spiel
Die Aufführungsform von Spering, mit einem eher kleinen Orchester und historischen Instrumenten, mag nicht jedem zusagen. Die Klangveränderung durch den Verzicht auf eine moderne Klarinette, vor allem im Zusammenspiel mit der Orgel, ist jedoch durchaus Bedeutung zuzumessen.
Unbestreitbar positiv hingegen die kantige Interpretation, mit einem sehr markanten und pointierten Rex Ttremendae und einem angenehm schnellen Dies Irae. Ein wenig zu schnell begonnen, dann jedoch gefühlvoll vorgetragen auch das Lacrimosa, jener Teil, an welchem Eybler scheiterte und den Süßmayr nur auf Grundlage von minimalen Fragmenten komponieren konnte.
Leichte Unsauberkeiten im Chor und eine schwache Altsolistin
Ein wenig störend jedoch waren die teilweise unpräzisen Einsätze des Chores, welche vor allem auf den Konsonanten auffiel. Menschlich sicher, störend dennoch. Definitiv trübend war das Konzerterlebnis jedoch durch den schwachen Auftritt von Alt-Solistin Eva Vogel, welche sich gegen ihre Kollegin und ihre Kollegen oftmals nicht durchsetzen konnte, in den mehrstimmigen Solostücken einfach unterging und auch ansonsten wenig ausdrucksstark blieb, während Thomas Jacobs als Tenor und York Felix Speer als Bass gute bis sehr gute Leistungen abgaben und Bibiana Nwobilo stellenweise sogar ein wenig brillieren konnte.
Die Beendigung des Vokalwerkes störte das Publikum dann durchaus selbst, indem es mit dem Applaus einsetzte, noch bevor Christoph Spering den Taktstock hatte sinken lassen, was diesen durchaus mit Wut zu erfüllen schien. Nach einigen Sekunden hochnotpeinlichen Schweigens im Saal lies er sich jedoch dazu herab, Applaus zuzulassen. Trotz dieses Fauxpas seitens des Publikums gab es nach einigen Minuten des Applauses noch Mozarts „Ave Verum“ als Zugabe und versöhnte damit durchaus wieder Dirigenten und Publikum.
Keine Alltagskost
Die Art Sperings, das Requiem zu verstehen, ist sicher keine Interpretation für Jedermann. Es bedarf durchaus der Akzeptanz Kanten zuzulassen und auf eine weiche Inszenierung vollkommen zu verzichten. Unter diesen Gesichtspunkten darf man die Aufführung am Sonntag durchaus als gut gelungen betrachten. Besondere Aufmerksamkeit verdient sie jedoch vor allem durch ihre Einführung, die dem Verständnis für das Werk durchaus zuträglich sein kann.
