
- Bram Stokers Dracula als Hörspiel - Didi01 / Pixelio.de
Unzählige Male kopiert und doch unerreicht – Bram Stokers Vampirroman „Dracula“ aus dem Jahr 1897 ist ein Grusel-Klassiker und der vielleicht wichtigste Roman der Horrorliteratur. Seit Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ von 1922 – selbst ein Klassiker des Horrorfilms – wurde „Dracula“ bislang weit über zwanzigmal verfilmt. Trotz aller technischen Möglichkeiten des modernen Films setzt der subtile Thrill der Romanvorlage bis heute Maßstäbe. Schon Filmlegende Orson Welles („Citizen Kane“), der selbst 1938 eine Hörspiel-Version von „Dracula“ produzierte, soll eine ganz bestimmte Meinung von den „Dracula“-Verfilmungen seiner Zeit gehabt haben: „They didn’t even open the book!“
„Dracula“ von Bram Stoker – Das Hörspiel ist am Puls des Originals
Das Hörspiel „Dracula“ der Deutschen Grammophon, eine der neueren „Dracula“-Hörspielproduktionen aus dem Jahr 2003, wäre daher sicher nach Welles‘ Geschmack gewesen. Denn anders als in den zahlreichen Verfilmungen wird im Hörspiel die originale Geschichte des Romans inszeniert. Dies gelingt so gut, dass der ohnehin schon starke Eindruck der Authentizität – der Roman besteht aus Tagebucheinträgen, Briefen und Zeitungsartikeln – noch verstärkt wird. Es ist, als ob die fantastische Geschichte um den Grafen Dracula, den König der Vampire, den jungen Jonathan Harker und den Amsterdamer Vampirjäger Abraham van Helsing tatsächlich stattgefunden hätte. Gut, dass alles nur Fiktion und der irische Autor Bram Stoker (1847-1912) niemals in Transsilvanien gewesen ist!
Die Sprecher haben hier ganze Arbeit geleistet. Lutz Riedel brilliert in der Rolle des untoten Grafen Dracula – böser geht’s nimmer! Robin Brosch spricht gekonnt die Rolle des jungen, ehrgeizigen Jonathan Harker. Ulli Plessmann gibt den souverän-intellektuellen und zugleich zupackenden Vampirjäger Abraham van Helsing. Eindrucksvoll ist die Leistung von Kristina von Weltzien als Mina Harker. Ihre Stimme – sie hat einen altmodische Klang im positiven Sinne – und ihre exzellente Intonation, die zuweilen leider etwas laute Atempausen erfordert, lassen im Kopf des Hörers eine junge, starke Frau des 19. Jahrhunderts entstehen.
Besonders gelungen sind auch die Einleitungen und Untermalung der Szenen durch klassische Musik, reale Hintergrundgeräusche und Musikeffekte. Mit dem Hörspiel „Dracula“ von Anja Wagener und Wenke Kleine-Benne ist der Deutschen Grammophon ein wahrhaft großer Wurf gelungen – ein spannendes Stück Literatur, das überzeugend umgesetzt wurde! „Dracula“ bietet „Kopfkino“ im besten Sinne.
Bram Stokers „Dracula“: Die Geschichte des Königs der Vampire aus Transsilvanien
„Bistritz, 3. Mai. München ab am 1. Mai, 8.35 Uhr abends. Wien am frühen Morgen des nächsten Tages …“ Die Geschichte spielt im 19. Jahrhundert. Jonathan Harker, ein junger Angestellter einer Londoner Kanzlei, reist im Auftrag seines Arbeitgebers von England nach Transsilvanien, um ein Grundstücksgeschäft abzuwickeln. Ziel seiner Reise ist das abgelegene Schloss des Grafen Dracula, der ein großes Anwesen am Rande von London erwerben möchte. Der junge Harker ist beeindruckt vom fremden Transsilvanien, von der Schönheit des wilden Landes und der Ursprünglichkeit seiner Leute. Mit dem Aberglauben, der ihm überall begegnet, weiß er als gebildeter Engländer dagegen wenig anzufangen. So ist er zunächst peinlich berührt, als er von der Wirtin seines Hotels in Bistritz, einer alten Stadt in Siebenbürgen, ein Kruzifix geschenkt bekommt. Erste Zweifel kommen ihm, als sich seine Mitreisenden in der Postkutsche, die ihn zum Grafen Dracula bringen soll, ihm gegenüber bekreuzigen und ihm allerhand merkwürdige Dinge überreichen: Knoblauch, wilde Rosen und Ebereschenzweige.
Bald steht Mr. Harker mitten in der Nacht im Schlosshof vor einem großen, alten Tor. „Innerhalb desselben stand ein hochgewachsener alter Mann, glatt rasiert, mit einem langen, weißen Schnurrbart, und schwarz gekleidet vom Kopf bis zu den Füßen …“ Graf Dracula heißt ihn willkommen. Trotz einiger Merkwürdigkeiten – der Graf erscheint stets erst am Abend, auch darf Harker bestimmte Teile des Schlosses nicht betreten – verlaufen die ersten Tage ruhig. Man macht gepflegte Konversation.
Eines Morgens tritt Graf Dracula unbemerkt in das Zimmer, in dem sich sein Gast vor dem Spiegel rasiert. Da bemerkt Jonathan Harker zum ersten Mal voller Entsetzen: Der Graf besitzt kein Spiegelbild. Vor allem aber die merkwürdige Reaktion des Grafen auf eine kleine blutende Schnittwunde, die sich Harker beim Rasieren zugezogen hat, ängstigt ihn zutiefst. Als er Dracula wenig später nachts einer Eidechse gleich die Schlossmauern hinabsteigen sieht, gerät er in Todesangst: Was für ein Wesen ist dieser Graf Dracula? Und warum soll es Harker unbedingt vermeiden, in einem anderen Teil des Schlosses – einem Labyrinth aus Türen – zu schlafen?
Das Hörspiel
Bram Stoker, Dracula, Deutsche Grammophon 2003, 5 CDs, Spieldauer ca. 378 min., 26 Euro.
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