
- Hörspiel - eichborn
Der Türke Murad Çelik hat während des schweren Erdbebens in der Türkei Frau und Kind verloren. Seine Mutter liegt seitdem im Koma. Das Trauma sitzt so tief, dass er unter Panikattacken leidet und nicht mehr in Häusern übernachten kann. Seinen Job als Polizist hat er deswegen aufgegeben. Eines Tages erhält er einen Anruf von einem angeblichen Freund seiner Eltern, der dringend seine Mutter sprechen will. Wie sich herausstellt, ist Klaus Peter Darius ein verurteilter Ex-Terrorist der RAF, der seine Gefängnisstrafe abgesessen hat. Çelik (gesprochen von Hilmi Sözer, bekannt aus „Kanak Attack“ und „Schuh des Manitu“) ist verwirrt und reist zum ersten Mal nach seiner Kindheit wieder nach Köln. Dort findet er Darius angeschossen in dessen Wohnung – Bauchschuss. Der sterbende Darius bittet Çelik, seine Tochter Ines Pelzer zu treffen. Diese ist alles andere als überrascht, als sie vom Tod ihres Vaters erfährt. Auf eigene Faust begeben sich Murad Çelik und Ines Pelzer gemeinsam auf die Suche nach dem Mörder und nach der gemeinsamen Vergangenheit ihrer Eltern. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem Tod von Klaus Peter Darius und den Ereignissen während des "Deutschen Herbst"?
Çelik und Pelzer – ein ungleiches „Ermittlerduo“
Unterschiedlicher könnten zwei Menschen nicht sein: Der türkische Ex-Polizist Çelik – auch „der Stählerne“ genannt –, der früher in einer Sondereinheit der Istanbuler Polizei gegen „revolutionäre Kräfte“ eingesetzt wurde, bis die Erlebnisse während des Erdbebens ihn und sein Weltbild veränderten. Und dann die Deutsche Ines Pelzer, eine souveräne Frau und Psychologin, die mit Empathie und Feingefühl mit ihren Mitmenschen umgeht. Sie hat bei Pflegeeltern gelebt und erst mit 18 Jahren von ihrer tatsächlichen Herkunft erfahren. Wider Erwarten ergänzen sich die beiden perfekt, denn sie sind beide Außenseiter – jeder auf seine Art.
Die „Autisten-WG“ – „Wissende“ mit besonderen Begabungen
Ines Pelzer (Lilia Lehner, Kommissarin Marshall in „SOKO Köln“) betreut eine Gruppe von Autisten, die zusammen in einer Wohngemeinschaft leben. Jeder von ihnen hat eine besondere Fähigkeit, die ihn auszeichnet: Norbert Schmidt mag Zahlen und ist ein Genie im Lösen von kompliziertesten Rechenaufgaben. Oder Stephan Axler, der ein „visuelles“ Gedächtnis besitzt und etwas gerade Angesehenes bis ins Detail aus der Erinnerung aufmalen kann. Und dann ist da Bernd Uhlmann, ein Ex-Kommissar: Eine Hirnverletzung nach einem Kopfschuss hatte bei ihm zur Folge, dass er sich nun an alle Daten und Einzelheiten von Fällen erinnern kann, die er jemals bearbeitet hat. Çelik, zuerst voreingenommen und unbeholfen im Umgang mit „andersartigen“ Menschen, ist beeindruckt und findet schon bald Zugang zu ihnen – und zu sich selbst.
Die „Serie Krimi International“ ist ein gelungenes Hörspielkonzept aus der Hand verschiedener Autoren
Mit "Leever dood als Slaav" (aus dem Plattdeutschen, übersetzt "Lieber tot als Sklave") beginnen die ersten zwei Teile der „Serie Krimi International“, einer sehr ungewöhnlichen und gelungenen Hörspielserie des WDR. Nicht nur, weil Regisseur Thomas Leutzbach in Lilia Lehner und Hilmi Sözer die perfekte Sprecherbesetzung für die beiden ungleichen „Ermittler“ gefunden hat. Sondern auch, weil die Geschichte um Çelik und Pelzer in jeder Folge von einem anderen Autorenteam weiterentwickelt wird. Auf diese Weise erhält die Hörspielserie eine ganz spezielle Dynamik. Es ist nicht das altbekannte „Schema F“ um einen Kommissar und sein Ermittlerteam, die mysteriösen Serienkillern hinterherjagen. Hier agiert vielmehr eine Art „Sondereinheit“, und besonders im wahrsten Sinne des Wortes, bestehend aus einer Gruppe „ungewöhnlicher“ Menschen. Unkonventionell ist der ungezwungene Umgang mit dem Thema Autismus: Die autistischen Menschen sind hier keine Außenseiter, sondern Teil des „Teams“.
Serie Krimi International (Teil 1 und 2): Çelik & Pelzer – Leever dood as Slaav. Eichborn Verlag 2010. 2 Audio-CD´s. Laufzeit ca. 140 Min. Preis Euro 16,95.
