Die Innenstadt von Solingen befindet sich im Sommer des Jahres 2010 im Wartezustand: Schon im Herbst desselben Jahres sollte die Hofgarten-Passage im Herzen der City eröffnen. Dies an der Stelle, an der rund vierzig Jahre zuvor der Karstadt-Konzern seine Solinger Niederlassung präsentierte: Auf dem Gelände des ehemaligen Monopol-Kinos, direkt am Graf-Wilhelm-Platz und seinem Busbahnhof. Ein großer, aluminiumgrauer Warenhauskörper mit Glasfront im Erdgeschoss mitsamt eines Büro- und Hotelturms über insgesamt 14 Etagen; weithin sichtbar und damit zum Wahrzeichen der Klingenstadt Solingen geworden.

Der Hofgarten soll den Karstadt-Komplex ersetzen

Rund 100 Millionen Euro will die in dieser Sparte sehr erfahrene HLG Projektmanagement GmbH & Co. KG aus Münster in die Errichtung von etwa 18.000 Quadratmeter Ladenlokal- und Bürofläche errichten; siebzig Shops sollen eröffnen. Nicht wenige Einzelhändler versprechen sich von der Neubauung des Karstadt-Areals eine Belebung der Innenstadt, die durch ein Aussterben der alteingesessenen Fachhandelsgeschäfte eher auffällt als durch innovative Ladenkonzepte. Wenn die Solinger Bevölkerung ein Einkaufserlebnis sucht, dann fährt sie in die circa 30 Kilometer entfernten Großstädte Köln und Düsseldorf; letztere mit der Einkaufsmeile Königsallee als Highlight.

Der Hofgarten, dessen Name ohne jeden Bezug zur Innenstadt Solingens steht, weil es an dieser Stelle weder einen Hof im Sinne eines Schlosses noch einen Garten in der Art eines Parks gegeben hat, bietet nach ersten Skizzen austauschbare Glas-Architektur, wie sie in jeder anderen Stadt auch stehen kann: Beliebig, ohne Wiedererkennungsmerkmal vernichtet er den Status eines Wahrzeichens, wie ihn sich der Karstadt-Komplex über Jahrzehnte erworben hat.

Karstadt hatte andere Sorgen, als den Erhalt des Turmzentrums

Der Konzern aus Essen hatte ja andere Sorgen, als neue Ideen für seine Solinger Niederlassung zu entwickeln. Nicht ohne Grund ist Karstadt in der Insolvenz gelandet; nicht ohne Grund trennte sich das Haus von dieser Zweigstelle. Seit dem 02. August 2008 wartet die Solinger Bevölkerung – der das Erscheinungsbild ihrer Stadt und die geschichtlichen Werte derselben offenbar völlig egal sind – auf einen Neubeginn. Für den Erhalt des städtebaulich wertvollen Gebäudes hat sich nämlich niemand eingesetzt.

Daran zu erkennen: Der Solinger Bürger hat seine City schon abgeschrieben

Aus der Richtung der Kreativen in Bau und Stadtplanung wurde weder etwas zur Rettung der Turmpassage noch des Karstadt-Komplexes unternommen. Ein gesamtheitliches Konzept für die Solinger City, das diese auch für Besucher aus Düsseldorf und Köln interessant macht, wurde bisher nicht entwickelt. Und eine Ansammlung sich neu zusammenstellender Boutiquen in einem Hofgarten ist auf Dauer auch kein Anreiz. Ideen sind abrufbar, doch Solinger interessieren sich scheinbar nicht mehr dafür.

Aus der Eröffnung des Hofgartens im Herbst 2010 wird nichts mehr werden

Wie die Geschäftsleitung der HLG bereits der Zeitung Rheinische Post gegenüber erklärte, wird verhandelt, aber einen Zeitplan gäbe es nicht. Somit ist der Baubeginn seit zwei Jahren überfällig. Darin liegt nach Ansicht eines Solinger Immobilienfachmanns eine Chance, den Erhalt des Komplexes neu zu überdenken. Investoren, die sich des Hotels annehmen könnten, gibt es: „Wenn die Rezeption ins Erdgeschoss verlegt werden würde, könnte ein Viersternehaus entstehen. Das Warenhaus kann in der Art der Schadow-Arkaden Düsseldorf im Inneren neu konzipiert werden."

Ansätze für eine umweltschonende Modernisierung

Die Aluminiumfassade zu öffnen und mit weitläufigen Loggien zu versehen, die wintergartenähnliche Außenflächen auch für Cafés oder Fitnessräume bieten wäre ebenso ein Ansatz, wie mittels eines über alle Etagen offenen Eingangsbereiches mit großzügiger Verglasung das Gebäude einladender zu gestalten. Das Viersternehotel könnte Serviceleistungen für im Turm einzurichtende Wohnungen oder Büros übernehmen und das Parkhaus seinen Dienst ebenso weiter versehen, wie die neu zu konzipierende Turmpassage, die einst die modernste Europas gewesen ist. Und die Freifläche hinten: Tropical Island Solingen im Stile angesagter Stadtstrände und andere scharfe Solinger Feste.

Der Turmhotel-Komplex müsse stehenbleiben, so der Fachmann

Auch der Hedderich-Pavillon könnte verbleiben, wo er ist. Doch die Ideen, die für die Innenstadt entscheidend sind, die will der Solinger Immobilienfachmann nicht verraten. Sie seien ein wenig revolutionär; doch dies müssen sie seiner Ansicht nach sein, damit Solingen gegenüber Düsseldorf und Köln endlich an Einkaufserlebnis aufholen kann. Fest steht aber, so der Fachmann, dass sich HLG und Partnerin Sonae Sierra nun offen dazu bekennen müssen, Solingen das einzige weithin sichtbare Wahrzeichen zu belassen. Einen so markanten und traditionsreichen Bau für einen so austauschbaren Glaskasten abzureißen lehnt der Fachmann strikt ab.

„Man stelle sich vor, die Belgier hätten die Galeries Royales Saint-Hubert in Brüssel aus 1847 und die Italiener die Galleria Vittorio Emanuele in Mailand von 1867 abgerissen. Denen könnte man ja allein vom Alter her schon jede Aktualität absprechen. Aber sie sind da, sie leben und pulsieren.“ führt der ehemalige Makler aus, der auch die Auffassung der HLG nicht teilt, dass das Parkhaus unzeitgemäß sei: "HLG hat keinen Bezug zur Geschichte Solingens. Denen ist Solingen drietegal. Die wollen nur Cash machen." Doch eben Cash scheint zu fehlen, denn ansonsten würde kein Bauträger, der alle Genehmigungen und eine Finanzierung hat, eine Baustelle nicht anrühren, meint der Fachmann.

„Wir brauchen den Hofgarten oder etwas anderes!"

Jan Höttges, der 1. Vorsitzende des Initiativkreises Solingen in der Zeitung Rheinische Post vom 17. August 2010: „Wir brauchen den Hofgarten oder was anderes." Am Wochenende zuvor hatte der Initiativkreis erfolgreich das Stadtfest "Echt.Scharf.Solingen" über die Bühne gebracht. Doch dass ein Sommerfest alleine der Solinger Innenstadt nicht helfe, scheint er auch zu wissen, denn er erklärte, dass der Geschäftsmix dort doch leider noch mal schlechter geworden ist.

Aber anstatt um den Erhalt des einzigen, von weitem wahrnehmbaren Wahrzeichen der City zu kämpfen, ruft er nach dem Hofgarten oder eben etwas anderem. Der oben zitierte Immobilienmakler fragt, ob diese Gleichgültigkeit alles sei, was man in Solingen zu bieten habe. Er hält das Hofgarten-Projekt nach den Flopps City-Residenz und den leeren Läden im Bachtor-Center sowieso für ein totgeborenes Kind. Der Bitte um ein Interview durch Suite101.de hat HLG nicht entsprochen.

Ein Bild sucht seinen Erschaffer

Das Bild im Anhang zu diesem Artikel zeigt einen alten Druck, den ein Grafiker Westphal 1972 anlässlich des Jubiläums 600 Jahre Solingen herausgegeben hat. Dies war 1974. Sollte ein Leser mehr darüber wissen, würde sich der Eigentümer über eine Kontaktaufnahme über den Autor dieses Artikels freuen. Links im Bild: Der Karstadt-Komplex mit Turmhotel.

Klicken Sie hier zu einem Artikel über ein jüdisches Kaufhaus, das zum Hotel wurde