
- Durchaus international, der klassische Filmschurke - www.evilconnection.com
Der Film spiegelt die Wirklichkeit – der Hollywoodfilm die US-Außenpolitik. Ob dieses ungeschriebene Gesetz der Filmgeschichte über die Jahrzehnte der großen Kino-Unterhaltung bestand hat oder ob und wie es sich veränderte, lässt ein Blick auf die Gegenspieler, Finsterlinge und Welterpresser der Hollywood-Blockbuster erahnen. Einer Antwort auf die Frage, ob der grimmige Russe der "beliebteste" oder eben nur der routinierteste Filmschurke ist, kann man sich als Einstieg mit der Betrachtung der gemeinen James-Bond-Gegenspieler nähern:
Blofeld, Goldfinger, Scaramanga, Largo: 007 und die Welterpresser
Der dienstälteste unter den Bond-Gegenspielern und hinterhältigen Welterpressern ist zweifellos Ernst Stavro Blofeld, der gleich in sechs der Agentenklassiker die Nummer Eins des Syndikats SPECTRE gibt oder zumindest als Perserkatzen-bewaffneter Glatzkopf im zwielichtigen Hintergrund die Fäden zieht, um Mr. Bond das Leben schwer bis vergangen zu gestalten. In James Bond-Episoden wie
- Liebesgrüße aus Moskau
- Feuerball
- Man lebt nur zweimal
- Im Geheimdienst Ihrer Majestät
- Diamantenfieber und
- In tödlicher Mission
ist Blofeld serienmäßig hinterhältig – seine Herkunft aber wird in Ian Flemings Feuerball-Roman näher bestimmt: 1908 in Pommern als Sohn eines Polen und einer Griechin geboren; später Studium in Warschau; Kollaboration mit Nazi-Deutschland; Flucht in die Türkei und weiter nach Südamerika. Er ist also eher Kosmopolit und keineswegs Russe, ebenso wenig wie fast alle anderen ernstzunehmenden Bond-Gegner: Dr. No (Chinese), Auric Goldfinger (aus Riga stammend), Francisco Scaramanga (Katalane) oder Maximilian Largo (Österreicher). Die meisten Bondschurken sind also internationaler als in den Romanvorlagen beschrieben, wo der KGB das Maß aller Undinge war – doch der Kalte Krieg sollte durch die politisch korrekten Kinofilme schließlich nicht angeheizt werden.
Die tatsächliche Tournee der US-Kriege und der Filmfeind im Wandel
Auch wenn bereits während des Zweiten Weltkrieges beidseitig Filme zur Kriegspropaganda produziert wurden und US-Produktionen beachtliche Kino-Einspielergebnisse erbrachten, dauerte es doch bis in die 1980er Jahre, bis Blockbuster wie "Indiana Jones" (1981-89) erneut das Feindbild des Nazis, aber auch neue exotische Gegenspieler wie die indischen Thugs auf die Leinwand brachten. Doch besonders die US-Kriege der 50er und 60er Jahre namens Korea, Vietnam, Kambodscha und der Sechs-Tage-Krieg im Mittleren Osten waren es, die das Bild des actionreichen Hollywoodkinos prägten. Doch schon in "Apocalypse Now" (1979) war der Feind näher als man dachte. Auch "Rambo" als Vietnam-Veteran und Prototyp des Einzelkämpfers bekam es erst in der Fortsetzung (1985) mit dem "realen" asiatischen Feind zu tun, während der erste Teil (1982) ganz dem Kampf gegen den Provinz-Sheriff und eben um den Platz in der Gesellschaft als Kriegsheimkehrer gewidmet ist. Doch "Rambo III" (1988) zeigte wiederum, wohin die Reise gehen sollte: Nach Afghanistan, um die Mudschaheddin gegen die Sowjetunion zu unterstützen. Man sollte später noch von ihnen hören.
Seinen Höhepunkt erreichte das militärische Filmfeindbild in den 80ern einerseits mit Pentagon-finanzierten Patriotismen wie "Top Gun" (1986) und andererseits mit kritischeren, aber nicht weniger erfolgreichen Anti-Kriegsfilmen wie "Platoon" (1986) und "Full Metal Jacket" (1987) sowie dem vorsichtigen Einläuten der Ost-West-Annäherung in "Jagd auf Roter Oktober" (1990).
Die 90er Jahre und die Differenzierung des Feindbildes: Nazi-Schergen, Sowjetrussen, Terroristen
Hatte es Sylvester Stallone in "Rocky IV" (1985) noch mit einer recht hirnlosen russischen Kampfmaschine namens Ivan Drago (hervorragend besetzt mit Dolph Lundgren) zu tun, wandelte sich das Klischee des schematisch agierenden Sowjetrussen mit Filmen wie "Air Force One" (1997), in dem der kasachische Entführer Korshunov – ebenfalls ein Ivan – schon deutlich intelligenter und planvoller vorgeht, um das titelgebende Fluggerät samt Insassen zu entwenden. Doch auch das filmische Bild der Deutschen erlebte eine Differenzierung mit der Entwicklung vom hölzernen Nazi-Schergen zum qualifizierten Terroristen, wie schon der erste Teil der "Stirb Langsam"-Reihe (1988) zeigte: Der Anführer der "Radical West-German Volksfrei Movement", wie die zu allem entschlossenen Hochhausbesetzer in der Originalversion hießen, war ein gewisser Hans Gruber. Ohnehin wurde das Täterprofil variiert, sobald der Schauplatz des Verbrechens ein Wolkenkratzer war – so hatten es Wesley Snipes und Sean Connery in "Die Wiege der Sonne" (1993) mit recht verschlossenen, yakuzzierenden Japanern zu tun. Und in Publikumserfolgen wie "Independence Day" (1996) hatten die bitterbösen Gegenspieler aus der Fremde erst recht keine Green Card.
Globalisierung des Hollywood-Verbrechens zur Jahrtausendwende?
Mit dem neuen Jahrtausend wandelte sich das Bild des klassischen Filmschurken weiter, denn auch nationale Bedrohungen wie in den zahlreichen Gangsterfilmen von "Carlito`s Way" (1993) über "Traffic – Macht des Kartells"(2000) bis zu "Road to Perdition" (2002) weichten die Grenzen zwischen jenen Staaten ganz nach Vorbild der Globalisierung auf, aus denen traditionell die Helden und die Schurken der Hollywood-Filmwelt kamen. Doch was machen die Russen, die nicht mehr nur als uniformierte Vodka-Gräber mit Kalaschnikov unterm Arm daher kommen, sondern in Genre-Klassikern wie "xXx – Triple X" (2002) und "Lord of War" (2005) deutlich vielschichtigere Rollen – und damit auch reizvollere Charaktere – annehmen? Nun ja, in "Helden der Nacht" (2007) formierten sie die familiäre Drogenconnection, deren ehrwürdiges Oberhaupt sich die Hände nicht schmutzig zu machen braucht – was soll man dazu mehr sagen als Polizeichief Burt Grusinsky (Robert Duvall): "Wenn man einen Affen heiratet, beschwert man sich nicht, wenn es nach Bananen riecht."
Hollywoods Nazi- und Russen-Revival: Rückkehr zum klassischen Bösen im Film
Manchmal, aber nur manchmal, fallen die Film-Russen doch wieder in alte Klischees zurück, die schon immer gut funktioniert haben. Nicht umsonst sind es im 2008 erschienenen "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" endlich zum ersten Mal eben die Russen, die in felsige Schluchten gestürzt oder von Killerameisen verspeist werden. Hollywood lebt letztlich schon immer von wohlgenährten Klischees. Und dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn sie so meisterhaft bedient werden wie von Christoph Waltz als Judenjäger Hans Landa im Tarantino-Film "Inglorious Basterds" (2009). Also können auch Filmschurken zum viel zitierten Klassiker werden.
