
- Boxer Salamo Arouch - Rita Figoura, cyberboxingzone
Der jüdische Boxer Victor Perez gewann 1931 die Weltmeisterschaft im Fliegengewicht. 1943 wurde er aufgrund einer Denunziation verhaftet und ins KZ Buna/Monowitz verfrachtet. Dort erlaubten ihm die Nazis aus Eigennutz und mit Hintergedanken anfangs ein wenig zu trainieren, aber danach wurde er behandelt wie alle anderen Häftlinge auch.
Kämpfen im KZ – Boxer dienen zur Belustigung der Nazis
Um die Überlegenheit der arischen Rasse zu demonstrieren, organisierten SS-Männer einen Boxkampf zwischen einem Wächter und Victor Perez. Doch das Sportidol machte den Nazis einen Strich durch die Rechnung und knockte den Wachmann aus. Das war der letzte Sieg des einstigen Boxchampions. 1945 kam Perez nach Räumung des Lagers auf einem Todesmarsch ums Leben, vermutlich wurde er aufgrund eines Fluchtversuchs erschossen oder starb an völliger Entkräftung. Er wurde nur 33 Jahre alt.
Perez war aber nicht der einzige Klasseboxer, der zur Unterhaltung der Nazis im KZ fighten musste. Der Grieche Salamo Arouch gehörte auch zu den KZ-Boxern. Im Gegensatz zu Perez überlebte er allerdings den Holocaust. Sogar Hollywood nahm sich später seiner Geschichte an und verfilmte 1989 mit Willem Dafoe in der Hauptrolle unter dem bizarr anmutenden Titel „Triumph des Geistes“ die Biografie Arouchs.
Stoff für Hollywood: das Leben der KZ-Boxer
Salamo Arouch war 1941 Balkanmeister im Weltergewicht. 1943 wurde er zusammen mit seiner Familie in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort bestritt er unzählige Kämpfe, um die Wachmannschaften bei Laune zu halten, die darauf warteten, dass Blut floss. Für jeden Sieg erhielt Arouch ein Butterbrot und durfte in der Küche arbeiten. Das Boxen sicherte ihm so das Überleben im Konzentrationslager.
1945 wurde er in das KZ Bergen-Belsen verfrachtet und musste bis zur Befreiung des Lagers durch die britische Armee Zwangsarbeit leisten. Nach dem Krieg heiratete er Martha, die ebenfalls aus Thessaloniki stammte und deportiert worden war. Gemeinsam übersiedelten sie 1945 nach Palästina, wo er als Schiffsmakler arbeitete. 2009 starb Arouch mit 86 Jahren.
Die Schicksale der KZ-Boxer als Zeitzeugenberichte in Büchern
„Eines Tages werde ich alles erzählen“, ist die veröffentlichte Biografie des ehemaligen Schwergewichtsboxers Hertzko Haft, der im Konzentrationslager zum Totschläger degradiert wurde. Es ist neben der tragischen Geschichte des boxenden Zigeuners Johann Trollmann das einzige in deutscher Sprache verlegte Buch, in dem der Missbrauch des Boxsports von Augenzeugen beschrieben wird.
Die schonungslose Autobiographie von Haft, der den Holocaust dank seiner Brutalität und Kaltblütigkeit überlebte, wurde von seinem Sohn Alan Scott Haft aufgeschrieben. Der Autor gebraucht dabei keinen ausgefeilten Stil, doch der nüchterne, bisweilen lakonische Tonfall ist dem Gegenstand in vielen Passagen angemessen. Der Chronist betrachtet die Erzählung seines Protagonisten nicht ohne Vorsicht und unterschlägt auch nicht, dass Haft ein gewalttätiger Mensch und Antiheld war.
„Aber das Herz war gesund!“
Dieser Spruch stammte vom Boxer Jakob „Johnny“ Bamberger, der zu den wenigen Sinti gehörte, die das Dritte Reich überlebten. Bamberger war ein begeisterter Sportler und galt in den 30er Jahren als einer der besten Amateurboxer Deutschlands. Mehr als 400 Mal stand er im Ring. 1936 gehörte er der deutschen Olympia- Auswahl an. 1940 wurde er ins KZ Flossenburg nach Dachau gebracht, in dem er medizinische Experimente über sich ergehen lassen musste.
1980 schilderte Jakob Bamberger seine schlimmen Erfahrungen bei einem Vortrag in Dachau: „Ich musste 1943 bei den Meerwasserversuchen mitmachen. Diese Versuche wurden zu dem Zweck gemacht, um für die deutschen Flieger, die über dem Meer abgeschossen wurden, herauszufinden, wie lange ein Pilot, wenn er kein Essen und Trinken mehr hat, sich allein mit Meerwasser erhalten kann. Ich musste das Meerwasser so lange trinken, bis ich umgefallen bin. Das waren 18 Tage. Stellen Sie sich vor, wie ich ausgesehen habe: Wenn ich mich beim Boxen auf eine Meisterschaft vorbereitet habe, da habe ich 95 Pfund gewogen. In Dachau aber bin ich spindeldürr gewesen. Meinen Mantel konnte ich dreimal um mich herumwickeln. Aber das Herz war gesund und ich war gut durchtrainiert, so dass ich diese Mördergrube überstehen konnte. Bevor ich ins KZ kam, war ich als Boxer noch bei den deutschen Meisterschaften. Daher hatte ich eine besonders gute Kondition. Die anderen haben das nicht solange durchgehalten.“
Jakob Bamberger war 49 Monate in KZ-Haft. Seine Frau und die meisten seiner Angehörigen wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Nach dem Krieg musste Jakob Bamberger jahrelang prozessieren, um 1969 eine kleine „Wiedergutmachung“ und eine Mindestrente zu bekommen. Ein Nierenschaden, der durch die Meerwasserversuche verursacht war, wurde jahrelang von den Ämtern als Sportverletzung eingestuft. Jakob „Johnny“ Bamberger starb 1989.
Sportliche Duelle im Konzentrationslager
Boxen war nach Fußball die „zweite populäre Sportdisziplin“ im KZ Auschwitz. „Populär“ auch bei der SS, die mitunter an lebenden und durch Fesselung wehrlosen Gefangenen Boxschläge trainiert haben soll. Bei den Gefangenen selber ging es sportlicher zu, auch wenn die üblichen Gewichtsklassen nicht immer genau eingehalten wurden. So konnte es geschehen, dass der Pole Anton Kolczynski („Kolka“), vor dem Krieg Mitglied der polnischen Nationalstaffel, gegen einen konditionell und gewichtmäßig weit überlegenen Deutschen antreten musste.
Benachteiligung und Repressalien fürchtete auch der Boxer Tadeusz Pietrzykowski, der 1941 gegen den deutschen Kapo Walter antrat. Er traf den Gegner nach wenigen Minuten so hart, dass dieser eigentlich kampfunfähig war. Als Pietrzykowski besorgt nachfragte, ob alles in Ordnung sei, antwortete Walter sportlich fair: „Alles ist in Ordnung“. Dann gab er die Auseinandersetzung im Ring ohne Rachegelüste auf. Pietrzykowski gewann später auch gegen den Deutschen Stein, der immerhin Ex-Europameister und Deutscher Meister war. 1943 verlegte man den Polen ins KZ Neuengamme, was ihn vor den Auschwitzer Gaskammern bewahrte.
Im Jahr 1944 kam es nach Archivberichten sogar zu einem "Nationenkampf" zwischen Deutschland und Polen. Die Polen triumphierten mit 18:2. Der ehemalige Spitzenboxer "Teddy" Tadeusz Sobolewski musste die einzige Niederlage einstecken. Darüber war er so verärgert, dass er noch auf der Stelle eine Revanche forderte. Die Wachleute hatten nichts dagegen einzuwenden und der deutsche Gegner war zu einem Rückkampf bereit, den "Teddy" noch in der ersten Runde vorzeitig für sich entschied. Insgesamt trug Sobolewski in Auschwitz 37 Kämpfe aus, von denen er nur einen verlor. Ähnlich erfolgreich boxte Antoni Czortek, der 1936 noch an der Olympiade in Berlin teilgenommen hatte. In Auschwitz aber traten er und seine Kameraden nicht um eine Medaillie an, sondern in bitteren Kämpfen auf Leben und Tod um einen Kanten Brot, ein Stück Margarine oder einen leichteren Arbeitsplatz.
Quellen:
- Sport in Auschwitz
- Krausnick: Wo sind sie hingekommen? Bleicher Verlag, Gerlingen, 1995
- Jewishsports 10/1997, 05/1998
