Wer hat ihn nicht im Ohr, den unverkennbaren Schwäbisch-Akzent von Günther Oettinger, Mathias Richling oder Erwin Teufel. Der Versuch, das Schwäbische in abgemilderter Version ins Hochdeutsche zu übertragen, endet meist in einer eher schmählichen Vermischung von Dialekt und Hochsprache, dem sogenannten Honoratiorenschwäbisch. Das Ergebnis wird meist belächelt, auch von den Schwaben selbst, die dem Vertreter ihrer Mundart in den Medien lauschen.

Wenn Schwaben sich Mühe geben, Hochdeutsch zu sprechen

Neben Sächsisch ist Schwäbisch wohl die am meisten verballhornte Mundart im deutschen Sprachraum. Dabei bekommen die Außerschwäbischen vom "echten" schwäbischen Dialekt meist kaum etwas mit - außer sie begeben sich mitten ins urschwäbische Ländle. Nach außen gelangt das Schwäbische meist in deutlich abgeschwächter Form, einem Halbdialekt also, der hauptsächlich in den Großstädten gesprochen wird. Selbst die, die den halbschwäbischen Slang von klein auf gelernt haben, bekommen Probleme, das im ländlichen Raum gesprochene Reinschwäbisch zu verstehen. Die Urform des Dialekts hat mit dem Honoratiorenschwäbisch, das vorwiegend in Städten wie Stuttgart oder Tübingen gesprochen wird, fast nichts gemein.

Wie hat sich Honoratiorenschwäbisch entwickelt?

Die im Stuttgarter Raum ansässigen besser gestellten Gesellschaftsschichten (die "Honoratioren") wollten sich vom gemeinen schwäbischen Dialekt abheben und bemühten sich um ein "Verhochdeutschen" der derben Mundart. Dabei entstand eine Mischform aus Schwäbisch und Hochdeutsch. Unbekümmert wurde die deutsche Schriftsprache mit schwäbischen Lautformen vermixt und selbst vor fachsprachlichen und akademischen Begriffen nicht haltgemacht.

Es kommt also durchaus vor, dass zwei altväterliche Schwaben sich im Wirtshaus über hochphilosophische Betrachtungen auslassen und dabei Sätze fallen wie beispielsweise "Neuhes ischt net wôhr ond Wôhres ischt net nei" (Zitat von Hegel) oder "Wer glaubt, ebbes zom sei, der hôt aufgehert, ebbes zom werdâ" (Sokrates). Gerne wird die sprachliche Mischform auch dann verwendet, wenn jemand etwas mit besonderem Nachdruck sagen möchte. Beispiel: "I han dir gsait, dass das nicht geht." oder: "Mir nemmet keine Ziggerla mit en d´Schual". Dabei entsteht die Mixtur keinesfalls zufällig, sie bildet sich durchaus nach einem reglementierten Schema.

Die sprachlichen Merkmale des Honoratiorenschwäbisch

"Honoratiorenschwaben" sprechen nach ganz eigenen Regeln, beispielsweise werden bei Nomen die Lautendungen "e" einfach weggelassen, wie etwa bei Mäus, Supp, Käs, Hos, Trepp, Kirch oder Gass. Bei manchen Wörtern wird zur vermeintlichen Hochdeutsch-Anpassung auf einmal ein "h" mit eingefügt (drückhen, trinkhen, schreihen, Neuhes, bauhen oder vertrauhen). Diese Eigenart wird vor allem bei Verdeutlichungen für Kinder angewandt ("Du derfsch den Baschde net hauhen").

Besonders verfremdete schwäbische Ausdrücke, wie zum Beispiel "it" für "nicht", werden der Schriftsprache angenähert, es entsteht "net". Aus "mr" wird "mir" (für "wir"), aus "woischd" wird "weißt" und "Feâschdr" wird zu "Fenschtr". Eingesparte Vorsilben (oder Teile davon) werden wieder angefügt (gschwätzt - geschwätzt, bliebâ - geblieba). Auch die Verwendung des korrekten Wortstamms in Verbindung mit einer schwäbischen Endung ist üblich. Aus "widd" wird "willsch", aus "kâsch" wird "kannsch" oder aus "soddâsch" entsteht "solltesch".

Bestimmte Partikel werden zu Vollsilben umfunktioniert, so wird "sAuto" zu "des Auto" und aus "dSchdiâg" wird "diâ Schdiâgâ" beziehungsweise "die Schdiege". Zusammengenommene Wortfolgen werden wieder aufgelöst, so entsteht aus "hedschmr" wieder "häddesch mir" oder "Diefte" wird zu "dürft i". Auch der Satzbau des Schriftdeutschen wird in die Mischsprache übernommen.

Honoratiorenschwäbisch wird bundesweit im Normalfall gut verstanden, während es im Schwäbischen unglaublich viele Ausdrücke und Redewendungen gibt, für die es kaum eine Übersetzung ins Hochdeutsche gibt. Lesen Sie hierzu den Artikel über Schwäbisch für Reigschmeggde: Übersetzung Schwäbisch-Hochdeutsch.

Quellen:

  • Sebastian Blau: Das Honoratiorenschwäbisch
  • eigene Recherche ("schwäbisches Urgestein")