Die Methoden dieser Eltern gingen wohl sogar Verfechtern autoritärer Erziehung zu weit. Im Haus des titelgebenden Paares bestimmen Gewalt, strenge Zucht und sogar Mord den Alltag. Steven Sheils zweiter Film trifft mitten ins Mark des Grauens: Das Böse lauert in „Mum and Dad“ nicht in Spukschlössern oder finsteren Verliesen seelenloser Serienkiller, sondern zu Hause, im angeblichen Hort des Schutzes und der Geborgenheit. Wenn Mum den Rücken ihres neuen Opfers mit Hingabe blutig schneidet und Dad derweil im Nebenzimmer eine junge Frau mit der Axt zerstückelt, verblassen neben ihnen die medialen Alptraumbilder.
Schmerzlich willkommen in der kranken Welt einer spießigen Mördersippe mit grauenhaften Moralvorstellungen!
Lena sieht Sterne statt Satelliten
Die aus Polen stammende Lena (Olga Fedori) ist erst seit kurzem in England und verdient ihr kärgliches Einkommen als Teil einer Putzkolonne am Londoner Flughafen Heathrow. Rasch schließt die junge Frau nicht nur mit den Schattenseiten der Konsumwelt Bekanntschaft, sondern auch mit ihrer Kollegin Birdie (Ainsley Howard). Zwar plappert diese in einer Tour und versucht sie über ihr Leben auszuquetschen. Doch Lena behält die Ruhe und erledigt ihren Job so gut sie kann.
Eines Abends verpasst sie durch Birdies Schuld den letzten Bus nach Hause. Ihre Kollegin meint daraufhin, Lena solle sie zu ihren Eltern nach Hause begleiten und sich von Dad (Perry Benson) zu ihrer Wohnung fahren lassen. Da ihr die Alternative, irgendwo im Freien die Nacht zu verbringen, natürlich wenig behagt, begleitet Lena Birdie nach Hause. Ein schwerer Fehler, denn gleich zur Begrüßung erwartet sie ein harter Schlag auf den Kopf, der sie bewusstlos zusammensinken lässt.
Als sie nach geraumer Zeit aus der Bewusstlosigkeit erwacht, befindet sich Lena in einem düsteren Kellerabteil, an ein Bett angekettet und ohne Stimmbänder, die ihr professionell entfernt wurden. Während ihr das Schreien körperlich unterbunden wurde, haucht im Nebenraum eine junge Frau ihr kurzes Leben unter entsetzlichen Qualen aus. Als die Schreie endlich verstummen, betritt „Dad“ das Kellerabteil. Schwer schnaufend hält er die blutige Axt in Händen und macht Lena mit den Regeln des Hauses vertraut. Entweder sie passt sich an und ist sowohl Dad wie auch Mum (Dido Miles) absolut gehorsam, oder es ereilt sie ein fürchterliches Lebensende. Ein blutiges Psychospiel entwickelt sich, das die junge Frau zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwanken lässt und ausgerechnet am Weihnachtsabend auf ein unerbittliches Ende zusteuert …
„Mum and Dad“: Hiebe statt Liebe
Vom harmlos klingenden Filmtitel à la „Mom und Dad retten die Welt“ sollte sich niemand täuschen lassen. Hinter Steven Sheils zweiter Produktion verbirgt sich eine makabre, beißende Satire auf heuchlerische Spießer ebenso, wie auf den seltsamen Kult rund um den Tod in all seinen grausigen Facetten. Selbst vor sensiblen Themen wie „Gewalt in der Familie“ oder „Richtige Erziehung“ macht „Mum and Dad“ nicht Halt.
Es wäre zu kurz gegriffen, die Gewaltexzesse des Elternpaares als pure Freude an der Folter zu verstehen. Schließlich agieren Mum und Dad zwar als hemmungslose Hedonisten, die ihre Bedürfnisse allem anderen voranstellen. Doch hinter ihren radikalen Erziehungsmaßnahmen steckt durchaus System: Gemäß ihrem pervertierten Weltbild integrieren sie ihre Opfer in die Familie und schützen sie vor den verderblichen Einflüssen der Welt vor der Tür.
Frühstück bei Psychopathen
Wie pervertiert und moralisch verzerrt dieses Weltbild aussieht, wird kurz nach Lenas Gefangennahme drastisch dargelegt, wenn die junge Frau gezwungen wird, am Frühstückstisch der Familie zu sitzen. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um ein ganz gewöhnliches Familienritual: Mum serviert das Frühstück, Dad liest Zeitung und die Tochter quatscht ununterbrochen. Allerdings stopft Birdies Bruder die Reste von Dads letztem Opfer in die Abfalltonne und im eingeschalteten Fernseher läuft lautstark ein Porno …
Schwarze Komödie im Stile von „Hostel“ und „Saw“
„Mum and Dad“ ist eine schwarze Komödie, die sich der Dramaturgie konventioneller Horrorstreifen sowie der Splattereinlagen von Genreware wie „Hostel“ oder „Saw“ bedient. Anders aber als etwa bei „Hostel“ dienen die Folterszenen nicht dem Selbstzweck des Überschreitens von Tabus oder purer Provokation, sondern fügen sich in das Filmkonzept ein, eine völlig verdrehte Familie mit seltsam spießigen Ansichten zu porträtieren.
Und auch wenn „Mum and Dad“ ähnlich realitätsfern wie eben „Hostel“ & Co wirkt: Der hinterlassene Eindruck ist wesentlich eindringlicher, scheint doch das vermeintlich absurde Szenario angesichts leider realer Fälle der jüngeren Vergangenheit beängstigend nahe am Vorstellbaren.
Beeindruckend bedrückender Perry Benson
Die fabelhaften Darsteller, allen voran der grandiose Charaktermime Perry Benson („Dr Who“), verleihen der blutigen Horrorgroteske glaubwürdige Rollenprofile.
Schwächen offenbart der ansonsten äußerst dicht gesponnene Plot beim sehr konventionellen und vorhersehbaren Showdown. Aufregende, originelle Plotwendungen sind in „Mum and Dad“ Mangelware, dürfen in einer schwarzen Komödie wie dieser jedoch ohnehin nicht erwartet werden. Schließlich liegen die Stärken in den satirischen Elementen, die trotz ihrer Überzeichnung für den einen oder anderen beklemmenden Moment sorgen.
Fazit: Mit „Mum and Dad“ glückte Steven Sheil ein kleines, fieses Meisterwerk des blutigen Humors und ringt dem „Torture Porn“ von „Hostel“ eine völlig neue Facette ab. Diese Rabeneltern wünscht der Zuschauer wohl höchstens jenem Feind, dem er das Einchecken in Eli Roths „Hostel“ empfehlen würde …
Originaltitel: „Mum and Dad“
Regie: Steven Sheil
Produktionsland und -jahr: USA, 2008
Filmlänge: ca. 81 Minuten
Verleih: KSM GmbH
Veröffentlichung auf DVD: 14. Juni 2010
