Horst Evers: Für Eile fehlt mir die Zeit

Für Eile fehlt mir die Zeit von Horst Evers - Rowohlt
Für Eile fehlt mir die Zeit von Horst Evers - Rowohlt
Horst Evers spitzt in seinem neuen Buch Alltagssituationen mit viel Witz und Ideenreichtung zu. Wer Übertreibungen mag, dem wird das Buch gefallen.

Stellen Sie sich vor, sie haben einen Nachbarn, der twittert. Also nicht über den Internetdienst "Twitter", sondern in echt, in "real", wie es in der Internetsprache so schön heißt. Ihr Nachbar tippt also nicht in den Rechner ein, was er gerade tut und empfindet, er schreit es einfach aus dem Fenster. Damit es die gesamte Nachbarschaft hört und auf Nachfragen von besorgten Behördenmitarbeitern genaue Auskunft über den Tagesablauf des twitternden Nachbarn geben kann. Klingt unreal? Ist es auch. Aber irgendwie auch nicht. Und von genau solchen Geschichten lebt das neue Buch von Horst Evers "Für Eile fehlt mir die Zeit".

Skurrile Geschichten, wie das Leben sein könnte

In kleinen Geschichten erzählt Evers von dem, was andere Alltag nennen, er aber Schikane. So steht es jedenfalls auf der Rückseite des Einbandes. Als Schikane empfindet er es zum Beispiel, dass er eine elektrische Saftpresse geschenkt bekommen hat. Ob man ihm wohl nicht mehr zutraue, ein Stück Obst roh, am Stück zu beißen, lässt er fragen. In dieser Tonart geht es weiter. Evers erzählt von skurrilen Alltagsbegebenheiten, erteilt Ratschläge und erfindet neue Geschäftsideen.

Zum Beispiel die des Anti-Maklers. Als solcher rät er Freunden davon ab, ein Haus weit außerhalb der Stadt zu kaufen und doch lieber in der Stadt zu bleiben. Weil es da ja viel schöner sei. Oder weil die Partnerin nicht raus will. Aber das verrät er natürlich nicht. Oder den Beruf des Buchentschuldigers. Das ist jemand, der sich auf Buchmessen für die Unmengen schlechter Bücher entschuldigt, die dort angeboten werden. Ein garantiert sicherer Arbeitsplatz. Und wer wissen will, wie er sich günstig Raum in der eigenen Wohnung verschaffen kann, ohne teuren Lagerplatz anmieten zu müssen, wird ebenfalls fündig.

Das Rad des Lebens: Alles gleich aufgebaut und doch ganz anders

Die vierzig Geschichten und Geschichtchen des Buches sind nicht zusammenhängend, nehmen aber immer mal wieder Bezug zueinander. Das ist tatsächlich ein bisschen wie im echten Leben: Mal begegnet einem der Hauswirt, mal nicht. An einem Tag twittert der Nachbar, am andern hört man es nicht, weil man beim Arzt ist oder an der Bushaltestelle eine Unterhaltung über den BVG-Streik anstößt. Insgesamt sind die Geschichten alle überzeichnet, so richtig denkt der Leser wohl nie: "Ja, genau so ist es!" Es ist eher ein: "Ja, soweit könnte es wohl mal kommen ...", das sich in die Gedanken einschleicht. Dazu gesellt sich dann eine gewisse Erleichterung, dass es eben doch nur fiktiv ist. Obwohl es natürlich auch anders hätte sein können.

Die fünf Kapitel des Buches durchlaufen die Jahreszeiten. Und weil sich alles irgendwie wiederholt, aber trotzdem nicht gleich ist, kommt nach dem Winter der "Zweite Frühling". Dieses Konzept spiegelt auch den gesamten Aufbau des Buches wider. Jede Geschichte endet mit einer überraschenden Wendung. An für sich nicht schlecht, kommen diese Wendungen aber so regelmäßig und gleichförmig daher, dass sie manchmal schon recht erzwungen wirken. Eine wirklich erfrischend überraschende Wendung wäre es gewesen, wenn die überraschende Wendung bei ein oder zwei Geschichten einfach ausgeblieben wäre.

Fazit: Unterhaltsam Sommerlektüre für Leser, die überspitzte Situationen mögen

Insgesamt ist "Für Eile fehlt mir die Zeit" ein unterhaltsames Buch. Weil die Geschichten kurz sind, sind sie bestens als Sommerlektüre geeignet. Ob zwischen Sonnenbad und Schwimmrunde am Strand, als Lektüre auf dem Weg in den Urlaub oder zum abendlichen Vorlesen auf der Terrasse, mit einem kühlen Bier auf dem Tisch – das Buch garantiert ein paar unterhaltsame Stunden. Zumindest denen, die Spaß an überspitzten Situationen und gedanklichem Ideenreichtum haben. Wer lieber echte Alltagsskurrilität mag, den wird das Buch auf Dauer wohl eher langweilen. Trotz spitzer Feder und feiner Ironie, die man dem Buch sicherlich nicht abstreiten kann.

Über den Autor

Horst Evers wurde 1967 in der Evershorst bei Diepholz in Niedersachsen geboren. Heute lebt und arbeitet er in Berlin. Bereits während seines Studiums der Germanistik und Publizistik schrieb er erste Texte, die er in der Mensa vortrug. 1990 gründete er zusammen mit fünf Freunden die Textleseshow "Dr. Seltsams Frühschoppen", die bald zur erfolgreichsten Lesebühne Berlins wurde. "Für Eile fehlt mir die Zeit" ist das siebte Buch Evers, die letzten drei - "Die Welt ist nicht immer Freitag", "Gefühltes Wissen" und "Mein Leben als Suchmaschine" - waren allesamt Bestseller.

Horst Evers: Für Eile fehlt mir die Zeit. Rowohlt Berlin, 2011. Hardcover, 224 Seiten. Euro 14,95.

Birgit Schmidt, Birgit Schmidt

Birgit Schmidt - Birgit Schmidt, Jahrgang 68, Diplom-Mathematikerin, seit über 10 Jahren als Softwareentwicklerin tätig, hat berufsbegleitend ...

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