Houston Stewart Chamberlain

Seine völkische Weltanschauung zwischen zweitem und drittem Reich

H.S. Chamberlain, Foto 1895 - n.bek.
H.S. Chamberlain, Foto 1895 - n.bek.
Das Werk Houston Stewart Chamberlains offenbart die Kontinuität von Nationalismus und Antisemitismus zwischen Kaiserreich und Drittem Reich.

Houston Stewart Chamberlain wurde 1855 in Pourtsmouth geboren und entstammte einer wohlhabenden englischen Adelsfamilie. Er wuchs in einem kosmopolitischen Umfeld auf, hatte einen deutschen Privatlehrer und besuchte eine französische Schule, bevor er ein naturwissenschaftliches Studium in Genf begann. Seine Promotion im Fachbereich Botanik scheiterte jedoch, da sich Chamberlains Interessen immer stärker auf die Kulturpublizistik verschoben. Er wurde zum fanatischen Anhänger Richard Wagners, engagierte sich in den Wagner- Vereinen von Paris und Wien, schrieb ein Buch über Wagners Musikdramen (1892) und lieferte Beiträge für die Bayreuther Blätter. Spätestens als er 1908 Richard Wagners Tochter Eva heiratete und nach Bayreuth übersiedelte, rückte er in den engeren Kreis der Wagnerianer auf.

Vom Wagnerianer zum völkischen Weltanschauungsproduzenten

Schon früh verstand sich Chamberlain als „Deutscher“ und entfremdete sich von seinen englischen Wurzeln. In Dresden (1885-1886) und Wien (1889- 1908) eignete er sich völkisches und antisemitisches Gedankengut an, aus dem er seine eigene krude Geschichtsphilosophie konstruierte. Er knüpfte an den Germanenmythos und die Regenerationsphantasien Wagners an, emanzipierte sich jedoch vom orthodoxen Wagnerianismus. Vor allem relativierte er die kulturpessimistische Zeitkritik von Wagners „ästhetischem Fundamentalismus“ (Stefan Breuer) und öffnete so das völkische Denken für den Nationalismus, Machtstaat und Imperialismus der Gegenwart.

„Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“

In seinem Monumentalwerk Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts (1899) übernahm Chamberlain von Arthur de Gobineau die Deutung der Weltgeschichte mit Hilfe des "Rassenprinzips", das er jedoch allein auf den Antagonismus von Ariern und Juden zuspitzte. Die arisch- germanischen Völker hätten als einzige kulturschöpferische Rasse zu gelten, während die Juden als Gegenrasse das Prinzip der Zersetzung verkörperten. Rassenmischung löse kulturellen Verfall und politischen Machtverlust aus. Chamberlain wartete mit einer Fülle von absurden historiographischen und ethnologischen „Belegen“ auf, die den Niedergang großer Reiche von der Völkerwanderung bis in die Gegenwart aus einer Steigerung des semitischen Blutanteils erklären.

Im Unterschied zu anderen völkischen "Propheten" lieferte Chamberlain aber kein pessimistisches Lamento. Man habe es nicht mit der unaufhaltsamen Degeneration einer reinen Urrasse zu tun, vielmehr sei „Rassenzucht“ ein historisch offener Prozess. Mit der Identifikation des Schicksals der arischen Rasse und der Weltmission des Deutschtums schmeichelte er dem imperialistischen Sendungsbewusstsein der Ära Wilhelms II.

Distanz zum „wissenschaftlichen Rassismus“

Es ist verfehlt, in Chamberlain einen Gründervater von "wissenschaftlichem Rassismus" und Biopolitik zu erblicken. Vielmehr grenzte er sich von der zeitgleichen Verwissenschaftlichung des Rassismus in Eugenik und Rassenhygiene ab. Anstatt den Rassebegriff biologisch oder anthropologisch zu fundieren, verwies Chamberlain auf ein subjektives Rassebewusstsein, einen instinktiven Rassenstolz, der keines wissenschaftlichen Beweises bedürfe. Die Herstellung von Rassenreinheit war für Chamberlain nicht primär eine Frage biologischer Züchtung, sondern kultureller Erneuerung. Den Schlüssel dazu erblickte er, ähnlich wie schon Paul de Lagarde, in der Germanisierung des Christentums. Daher wandte er sich massiv gegen den ultramontanen Katholizismus, dem er seine universalistische Ethik, rassische Indifferenz und „entnationalisierende“ Wirkung vorhielt.

In seinen späteren Werken Kant (1905) und Goethe (1912) zog Chamberlain gegen die modernen Naturwissenschaften zu Felde und wollte sie durch eine intuitive völkische Lebensphilosophie ersetzt wissen, nicht zuletzt um seine Rassentheorie vor rationalistischen Aufklärungsversuchen abzuschirmen.

Wirkung

Die “Grundlagen” wurden schnell zum Bestseller und lösten ältere Werke von Paul de Lagarde und Julius Langbehn als “Kultbücher” der völkischen Bewegung ab. Bis 1915 verkaufte sich das Buch 100.000-mal. Chamberlain fand ein breites Echo im gesamten Bildungsbürgertum auch außerhalb völkischer Kreise. Dabei profitierte er von dem weit verbreiteten Wunsch nach nationalistischer Sinnstiftung und kulturgeschichtlicher Synthese jenseits des Historismus. Dass Historiker, Theologen sowie die liberale und sozialistische Presse den “Grundlagen” Unwissenschaftlichkeit bescheinigten, machte das Werk umso attraktiver angesichts einer um sich greifenden Skepsis gegenüber dem “kalten” Rationalismus moderner Wissenschaftlichkeit.

Prominentester Gönner Chamberlains war Kaiser Wilhelm II., der mit ihm in Briefkontakt stand und ihn zwei Mal persönlich traf. Mit der Anweisung an die Bibliotheken aller Lehrerseminare, Chamberlains “Grundlagen” anzuschaffen, trug der Kaiser aktiv zur Verbreitung und Rezeption des Buches bei. Wilhelm II. zeigte sich weniger von der völkisch- antisemitischen Geschichtsphilosophie als von der heterodoxen Auffassung des Christentums beeindruckt, die er als Beitrag zum Babel- und- Bibel- Streit (1902-03) begriff. Über diesen Umweg fanden auch Vertreter des liberalen Protestantismus wie Adolf Harnack, Ernst Troeltsch und Albert Schweitzer zu den “Grundlagen”.

Chamberlain und Hitler

Chamberlain selbst hat hingegen nie über den Tellerrand der völkischen Bewegung hinaus geblickt. Im Ersten Weltkrieg verfasste er antienglische, antiamerikanische und antisemitische Propagandaschriften, die eine Massenauflage erzielten. Kriegsniederlage und Revolution deutete Chamberlain - ganz in der Konsequenz seiner Geschichtsphilosophie - als Anbruch einer “Judenherrschaft”. Hierin stimmte er mit Adolf Hitler überein, der 1923 den Kontakt zu Chamberlain suchte. Dieser zeigte sich von Hitler begeistert und versicherte ihn der Rückendeckung der Bayreuther Wagnerianer.

Hitler verarbeitete die Rassentheorie der “Grundlagen” im Kapitel „Volk und Rasse“ von “Mein Kampf” (1925/27). Noch eindeutiger stellte sich der NS- Chefideologe Alfred Rosenberg (1893- 1946) in die Kontinuität Chamberlains und schrieb mit dem “Mythos des 20. Jahrhunderts” (1930) eine Fortsetzung zu den “Grundlagen”.

Aus ideengeschichtlicher Perspektive kann Houston Stewart Chamberlain zu den bedeutendsten geistigen Wegbereitern des Dritten Reiches gezählt werden, das er allerdings selbst nicht mehr erlebte. Nach langer Krankheit starb er 1927. Auf seiner Beerdigung begegneten sich „zweites“ und „drittes“ Reich in Person von Prinz Wilhelm von Hohenzollern und Adolf Hitler.

Chamberlain als Mensch des Fin de Siècle

Über die Charakterisierung als „Vordenker“ des Nationalsozialismus sollte Chamberlains Verwurzelung in den Zeitumständen des Fin de Siècle nicht aus dem Blick geraten. Sein Nationalismus und Antisemitismus waren in psychologischer Hinsicht eine Fluchtbewegung aus kosmopolitischen, bürgerlichen und wissenschaftlichen Zwängen. Chamberlain lag der politische Aktivismus der Nationalsozialisten fern. Seine selbstreferentielle völkische Denkwelt war ein Intellektuellenprojekt, das in etlichen völkischen „Propheten“ Vorläufer und Nachahmer hatte. Dieser Umstand gemahnt an die Tatsache, dass radikaler Nationalismus und Antisemitismus nicht als „Spießerideologien“ des Mittelstandes, sondern als „Kopfgeburten“ des Bildungsbürgertums ihren Anfang nahmen.

Literatur

Becker, Peter E., Wege ins Dritte Reich, Teil 2: Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus und völkischer Gedanke, Stuttgart 1990, S. 176-228.

Field, Geoffrey G., Antisemitism and Weltpolitik, in: LBIYB 18 (1973), S. 65-71.

Field, Geoffrey G., Evangelist of Race. The Germanic Vision of Houston Stewart Chamberlain, New York 1981.

Large, David Clay, Ein Spiegelbild des Meisters? Die Rassenlehre von Houston Stewart Chamberlain, in: Dieter Borchmeyer (Hg.), Richard Wagner und die Juden, Stuttgart 2000, S. 144-159.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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