David Hume bezeichnet die Neigung der Menschen, an eine höhere Macht zu glauben, als eine Art natürlichen Trieb. Und der Glaube an etwas ist für ihn die Grundlage der Religion. Alle Arten von Religion teilen sich den Glauben an ein höheres Wesen oder eine unsichtbare Macht. Eben weil der Glaube, die Neigung, an etwas Höheres zu glauben, so weit verbreitet ist, hat Hume sich mit der Religion beschäftigt. Wenn eine Neigung so viele verschiedene Ausgestaltungen hat, muss es doch irgendeine Urform geben oder gegeben haben.
Die Religion als Sekundärphänomen
Dass Hume den Glauben als Trieb darstellt, bedeutet aber nicht, dass das sogenannte religiöse Gefühl bei allen Menschen ähnlich ausgeprägt ist. Er schreibt, dass "keine zwei Völker, ja kaum zwei Menschen ... jemals genau in den selben Gefühlen übereingestimmt" haben. Und eben das unterscheidet die Religion von einem Trieb, obgleich der Glaube einem natürlichen, angeborenen Trieb ähnelt. Er bezeichnet die Religion daher als Sekundärphänomen. Ausgelöst durch einen natürlichen Trieb, ist die Religion selbst nämlich abhängig von Ursachen oder auch bestimmten Umständen. Das macht sie erklärungsbedürftig. Eben dies will Hume versuchen. Er will versuchen, das Sekundärphänomen zu erklären, um vielleicht dem Primärphänomen auf die Spur zu kommen. So will er zeigen, dass die Religion in der menschlichen Natur ihren Ursprung hat. Er möchte versuchen, das Auftreten des religiösen Glaubens zu erklären, indem er es sich zur Aufgabe macht, die Anfänge und ihre Verbreitung ausfindig zu machen, weil er der Meinung ist, dass Reaktionen auf elementare Lebenssorgen für das Auftauchen von Religion verantwortlich sind.
Die Urform von Religion: der Polytheismus
Spannungen zwischen Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod oder auch Not und Überfluss haben das Auftreten von Religion, nach Hume, begünstigt. Weil man solche Sachen nicht kontrollieren kann, überträgt der Mensch aufgrund seiner sogenannten anthropomorphistischen Tendenz diese Verantwortung auf eine nicht greifbare Macht oder gar auf verschiedene Mächte. Die Urform der Religion ist für Hume daher der Polytheismus. Es ist die Religion der, wie Hume es ausdrückt, ungelehrten Menschen, der Urmenschen. Sie machten verschiedene höhere Mächte für den Tod verantwortlich, für ihre Not, für Krankheit und andere Beschwerden. Im Laufe der Zeit veränderte sich mit der fortschreitenden geistigen Entwicklung des Menschen, aber auch die Form von Religion. Aufgrund der geistigen Entwicklung und der aufgekommenen Idee der Vollkommenheit hat der Mensch sich immer mehr vom Polytheismus verabschiedet.
Vom Polytheismus zur Vernunftreligion
Der erste Impuls für das Aufkommen von Religion war begründet in unterschiedlichen Lebenssituationen und der Tendenz, unbekannte Ursachen anthropomorphistisch zu deuten. Das hat der Mensch später zwar auch noch getan, aber er hat im Laufe der Zeit gelernt, von den Werken auf den Urheber zu schließen und zwar nur auf einen. Das heißt, die stetige geistige Entwicklung des Menschen ermöglichte, dass er aufgrund von Abstraktionen erkannte, dass es für die Werke der Welt nicht mehrere Urheber geben muss. Der Hauptgrund, weshalb sich der Polytheismus nicht halten konnte, war deshalb, so Hume, die zunehmende Kluft zwischen der Entstehungssituation und der Wahrheit, die sich immer mehr herauskristallisierte. Im Gegensatz dazu muss man sagen, dass der Theismus als Urform der Religion deswegen ausscheiden muss, weil es die Religion der Gebildeten ist. Es ist die Religion der Vernünftigen, die Vernunftreligion.
Quellen:
- David Hume: Dialoge über natürliche Religion, Reclam Verlag, Stuttgart 2004, 158 Seiten, 5,00 Euro
- David Hume: Die Naturgeschichte der Religion, Meiner Verlag, Hamburg 1999, 144 Seiten, 22,90 Euro
