
- Hummeldumm - Tommy Jaud - http://www.fischerverlage.de/
Was in Krimis die „Femme fatale“, ist in Tommy Jauds „Hummeldumm“ Sina. Hübsch, intelligent, aber durchtrieben! Denn eigentlich ist es ihre Schule, wenn Projektleiter Matze im Urlaub durch ein Minenfeld voller Fettnäpfchen jagt. Musste sie denn ausgerechnet eine Gruppenreise durch die ehemalige deutsche Kolonie Namibia buchen? Hätte sie nicht ahnen können, dass sich die Mitreisenden als fleischgewordene Nervensägen entpuppen würden?
Hummeldumm, oder: Vollidioten machen Resturlaub
Dabei hätte doch alles so schön sein können für Matze: Seine Beziehung mit Sina läuft harmonisch, sodass die beiden Turteltäubchen beschließen, in Köln eine Eigentumswohnung zu beziehen. Doch dann kommt der Trennungskiller Nummer Eins dazwischen: Der erste Urlaub zu Zweit! Und statt Malle oder Italien bucht Sina partout eine Gruppenreise durch Namibia, wo viele Einheimische besser Deutsch sprechen als die nervigen Touristen aus Mitteleuropa, sich Warzenschweine ins Bett tollpatschiger Schweizerinnen legen, wenn diese vergessen die Tür abzuschließen, oder pensionierte Wiener Professoren Reime zum Davonlaufen von sich geben.
Zugegeben: Ein bisschen Mitschuld an seiner Gereiztheit trägt Matze durchaus, hat er doch glatt darauf vergessen, die Reservierungskaution für die Eigentumswohnung in Köln zu überweisen. Ein nicht völlig unkompliziertes Problem in einem Land, wo schon mal die Kabeln von den Telefonmasten gemopst werden, Handyempfang einem Glücksspiel gleicht und in Europa übliche Ladeadapter noch weniger zusammenpassen wie Mann und Frau. Kann man es angesichts dessen der personifizierten Hühnerbrust Matze verdenken, wenn er seine Freundin ein ums andere Mal vor den Kopf stößt oder sich völlig nachvollziehbaren Gründen in Kleiderschränken fremder Männer versteckt? Oder ist auch er einfach „Hummeldumm“?
Deutlich gereifter „Vollidiot Light“
2004 erschütterten Lachsalven halb Mitteleuropa, nachdem Tommy Jaud zum ersten Mal seinen Antihelden Simon Peters durch allerlei Peinlichkeiten und Absurditäten jagte. Sechs Jahre später legt er – Jaud, nicht Peters - mit „Hummeldumm“ (Der Germanisten Gehirnstechen verursachende Untertitel lautet übrigens: „Das Roman“) bereits seinen vierten Roman vor, der natürlich vom Buchstand weg Platz 1 der Bestsellercharts eroberte.
Was kulturpessimistische Literaturkritiker wohl unweigerlich vom endgültigen Ende des Abendlandes phantasieren lassen dürfte, ist hingegen ein nachvollziehbares Phänomen: Tommy Jauds Romane mögen nicht besonders anspruchsvoll geschrieben sein oder existenzialistische Fragen beantworten. Vielmehr stellen sie das literarische Äquivalent zu Salzgebäck dar: Weder nahrhaft, noch sättigend, aber man langt halt dennoch gerne zu.
Wobei man Jaud immerhin einen beachtlichen Reifeprozess attestieren muss: Wirkte „Vollidiot“ noch wie eine notdürftig in Romanform gegossene Gagsammlung, präsentiert sich sechs Jahre später „Hummeldumm“ wie aus einem Guss. Eine schriftstellerische Evolution, die man mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachten kann: Ja, „Hummeldumm“ ist stilistisch sauber geraten und rattert zielstrebig von Anfang bis zum versöhnlichen Ende. Andererseits wirken viele Gags sehr bemüht, ist vom schnoddrigen Anarcho-Stil aus „Vollidiot“ nichts mehr übrig geblieben und fehlt es an witzigen, weil realistisch chaotischen Charakteren, die jeder Leser kennt. Bestenfalls von der Bushaltestelle, schlimmstenfalls von der heimischen Couch her.
Vom „Ladykracher“ zum Bestsellermacher
Liegt es an der Routine, die bekanntlich der Todfeind der Spontaneität ist? Immerhin ist der gebürtige Franke Jaud seit den späten 1990er Jahren im Comedygeschäft tätig und wirkte unter anderem an „Ladykracher“ mit Anke Engelke mit. Sein neuer Roman ist jedenfalls nicht der erhoffte Lachkracher: Zu formelhaft und streckenweise sogar vorhersehbar läuft die Afrika-Reise von Matze ab. Witzige Einfälle wie der verzweifelte Kampf um in Namibia passende Ladeadapter oder einen grausige Reime absondernden Wiener Ex-Professor werden ausgewalzt, bis sie dünn genug sind, um unter der Tür durchzupassen.
Da hilft auch ein witzbefreiter Gastauftritt des aus „Resturlaub“ bekannten Brauereibesitzers Seppelpeter nichts. Schade, denn die lockere Schreibe ist Tommy Jaud geblieben. Nur hat er es mit den Klischees, vorhersehbaren Peinlichkeiten und oftmals nicht zündenden Gags übertrieben und liefert ein für seine Verhältnisse schwaches Buch ab. Andererseits befindet sich „Hummeldumm“ immer noch Lichtjahre vom Gros humorresistenter deutscher Autoren entfernt, die meist nicht einmal aus purem Zufall auch nur einen einzigen Gag auf die Reihe bekommen.
Eingedenk dessen und um die völlige Barthisierung des Comedy-Feuchtgebietes Deutschlands zu verhindern, drückt man denn doch das eine oder andere Auge zu und freut sich trotz leichter Enttäuschung auf den nächsten Bestseller des mittlerweile in Köln lebenden Autors. Darauf ein „Seppelpeter’s“ - nur echt mit Deppenapostroph!
Tommy Jaud: Hummeldumm. Scherz Verlag 2010. Taschenbuch, 256 Seiten.
