Humor in Kurzgeschichten

Nicht alles ist wirklich für den Leser komisch

Wenn der Autor seine Kurzgeschichten mit Humor spicken möchte, sollte er sich stets fragen, ob die Leser den Inhalt genauso komisch finden wie er selbst.

Schon alleine im Alltag können jede Menge abgefahrene Situationen passieren, die Stoff für eine humorvolle Kurzgeschichte bieten. Hierbei sind jedoch einige Aspekte zu beachten:

  • ist die Anekdote auch für die Allgemeinheit komisch oder handelt es sich eher um Insider-Witze, das heißt, können nur die Personen, die an der Situation beteiligt waren, etwas damit anfangen?
  • über Geschmack und auch Humor lässt sich zwar streiten, aber Scherze, die auf Kosten von so genannten Randgruppen gehen und eindeutig unter die Gürtellinie zielen, sind eindeutig tabu. Dazu zählen offensichtliche Diffamierungen und Diskriminierungen.
  • wenn Personen aus dem realen Leben Pate für eine Kurzgeschichte stehen, sollten Handlungsort und Eigennamen soweit verfremdet werden, dass die Person nicht mehr namentlich für die Allgemeinheit zu erkennen ist.
  • bei Satiren bietet es sich oft an, Personen des öffentlichen Lebens zu nehmen, die gemeinhin viele Menschen als komisch empfinden. Auch hier sind die Geschmäcker zwar verschieden - einige Menschen finden sogar Paris Hilton toll, die vor allem eher durch Wortkargheit, den ewig gleichen Gesichtsausdruck und peinliche Auftritte auffällt - aber es gibt Prominente, die aufgrund ihres Benehmens von einem Großteil der Menschen als lächerlich empfunden werden.

Insider-Witze zu einer Kurzgeschichte ausbauen

Es ist grundsätzlich möglich, aus Insider-Witzen eine Geschichte zu stricken, die auch Leser zum Schmunzeln oder Lachen bringt, die diese Person gar nicht kennen. Oft kann dies durch einfache Mittel erreicht werden; manchmal muss eine Rahmensituation nur näher spezifiziert werden, um sie auch Menschen, die nicht dabei waren, interessant und transparent erscheinen zu lassen. Wenn eine Figur, die es im realen Leben gibt und die aber nur in einem kleinen Kreis von Personen einen bestimmten Spitznamen hat, wie etwa "Ingo, die Mördermuschel" oder "Charmin Bear" kann man der Autor dem Leser in kurzen Worten erklären, wie der Protagonist zu seinem Namen gekommen ist. Diese kurze Erläuterung ist entscheidend dafür, ob der Leser Lust hat, sich weiter mit dem Fortgang der Geschichte auseinander zu setzen. Somit wird aus dem Insider-Witz etwas Allgemeingültiges, an dem sich auch Menschen erfreuen können, die Ingo, die Mördermuschel und Charmin Bear nicht persönlich kennen.

Milieu der Kurzgeschichte

Oft spielen Kurzgeschichten in einem bestimmten Setting - egal, ob Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Sekretariat, Beerdigungsinstitut, Metzgerei und so weiter - so dass oft nur einige Erläuterungen ausreichend sind, um Lesern, die dort nicht beruflich tätig sind, die vorherrschende Mentalität und Unternehmenskultur näher zu bringen. Wenn Ingo die Mördermuschel beispielsweise Steuerberater ist und man dem Leser vorher kurz erläutert hat, dass in diesem Umfeld oft das Motto gilt "Höflichkeit ist eine Zier - weiter kommt man ohne ihr", wird er das Verhalten von Ingo der Mördermuschel durchaus ebenfalls als amüsant und lächerlich empfinden.

Witze und Sprüche in einer Kurzgeschichte verwenden

Auch dies ist ohne Weiteres möglich, sofern der Witz oder Spruch zum Setting und Handlungsverlauf der Geschichte passt. Wenn beispielsweise Ingo die Mördermuschel im besoffenen Kopf eine dralle Blondine in der Kneipe anbaggert, indem er ihr mit dem Zeigefinger auf die Brustwarze drückt, die sich unter ihrem T-Shirt abzeichnet, und er ihre Empörung über dieses ungewollte Befingern mit den Worten beantwortet: "Ich klingele, denn da unten steht einer, der rein will!", ist das allemal einen Lacher wert, zumal der Spruch zur Situation, zum Protagonisten und zum Setting passt.

Es würde jedoch arg konstruiert und gar nicht mehr komisch wirken, wenn ein schüchterner, nicht betrunkener Mann, der eigentlich aufgrund von Hemmungen Probleme mit körperlicher Nähe hat, eine junge Frau auf die gleiche Art anbaggert, die gerade zufällig am Nachbartisch in einem Straßencafé sitzt.

Abgedrehte Situationen und Figuren

Auch untypisches Verhalten oder überraschende Attribute von Personen oder Gestalten können für Heiterkeit sorgen. Als Beispiel hierfür kann ein Skelett dienen, das sich mittels Wäscheleine ein Schild um den Hals gebunden hat mit der Aufschrift "Achtung - ernsthaftes Skelett!", zumal Skelette meist weder Schilder um den Hals hängen haben noch sich selbst als ernsthaft deklarieren.

Alexandra Döll, Autorin, Marina Hong, Düsseldorf

Alexandra Döll - Persönliche Daten: geboren 1974 in Essen, wohnhaft ebendaFamilienstand: ledig, keine KinderAbitur 1993, anschließend ...

rss