
- Huntington: Kampf der Kulturen - amazon
1993 behauptete Samuel Huntington etwas ungeheuerliches. Der Eiserne Vorhang hatte sich gerade geöffnet, der Kalte Krieg war zu Ende gegangen. Europa atmete auf. Eine neue Friedensepoche schien zum Greifen nah. Huntingtons These vom "Clash of Civilisations“, der nun die nächste weltgeschichtliche Epoche bestimmen sollte, verstörte und empörte die Öffentlichkeit. Dieser "Kampf der Kulturen“, wie er etwas unvollkommen in der deutschen Übersetzung bezeichnet wurde, widersprach nicht nur dem Wunsch die globalen Beziehungen auf eine neue, friedliche Grundlage zu stellen, sondern schien auch das aufgeklärte Prinzip der Toleranz in Frage zu stellen. Die europäischen Gesellschaften, längst nicht mehr christlich dominiert, schickten sich an nach neuen Formen des Zusammenlebens zu suchen. Ihre islamischen und hinduistischen Bevölkerungsgruppen sowie eine Vielzahl anderer Religionsbekenntnisse sollten stärker integriert werden. Künftige Gesellschaften sollten sich nicht mehr durch das Bekenntnis zu einer Kultur, sondern vielmehr durch die Bereitschaft zum kulturellen Austausch definieren. Das Ziel war der Aufbau einer multikulturellen Gesellschaft.
Scheitern der multikulturellen Gesellschaft
Das die Welt dieser Vorstellung nicht entsprach zeigten die Bilder aus Sarajewo. Von den Hügeln der Stadt nahmen serbische Milizen monatelag die Stadt unter Beschuss und massakrierten in anderen Teilen Bosnien-Herzegowinas die moslemische Bevölkerung. Ihr Ziel war eine ethnische und kulturelle Aufteilung des ehemaligen Jugoslawien. Lange hatte dieser Vielvölkerstaat als beispielhaft gegolten, zeigte er doch, dass unterschiedliche Kulturen friedlich zusammenleben und historische Streitigkeiten beigelegt werden konnten. Und nun dies, die Rückkehr des kulturellen Chauvinismus und der Intoleranz machte ratlos. Der Balkan war keine Ausnahmeerscheinung. Der Genozid in Ruanda, in dem Hutu über Tutsi herfielen und sie millionenfach töteten, erschütterte das westliche Toleranzdenken erneut. In anderen Regionen, vor allem im postsowjetischen Raum, gab es ähnliche, wenn auch von der Weltöffentlichkeit weniger beachtete Konflikte. Nagorny-Karabach und Tschetschenien können hier Stichwortgeber sein.
Huntingtons Thesen
Die "Welt als Wille und Vorstellung“ stieß angesichts solcher Ereignisse an ihre praktischen und ideellen Grenzen. Huntingtons Thesen folgten der ernüchternden Einsicht in die polarisierende Wirkung kultureller Traditionen. Eine Tendenz, die sich bis heute nicht in ihr Gegenteil verkehrt hat. Entgegen einer oftmals voreiligen und reflexhaften Kritik, die Huntington ein überkommenes Konfliktdenken vorwarf, haben die von ihm vermessen Bruchlinien an Bedeutung gewonnen. Die im Ausgang des letzten Jahrhunderts einsetzende Globalisierung vermochte zwar Länder wie China, Indien oder Brasilien in die ökonomischen Kreisläufe einzubinden, ihre kulturelle Erfolge blieben jedoch begrenzt. Bei der Definition dieses "Kulturkampfes“ ging Huntington von insgesamt fünf Annahmen aus. Erstens, mit der vom Westen importierten Modernisierung geht nicht zwangsläufig der Import westlicher Werte einher. Zweitens, Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Erfolge in anderen Weltregionen relativieren die Einflussmöglichkeiten des Westens. Drittens, kulturell verwandte Gesellschaften kooperieren in Zukunft stärker und erhöhen damit die kulturelle Stabilität des Kulturkreises. Viertens, der Wunsch des Westens seine Werte zu vermitteln um damit den Aufbau einer globalen Wertegemeinschaft zu ermöglichen, führen zu Konflikten mit anderen Kulturkreisen. Und schließlich fünftens, die Erhaltung der westlichen Kultur macht eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den USA und Europa notwendig.
Huntingtons Clash of the Civilisations: Kein "worst-case scenario“
Huntington beschrieb mit seinen Annahmen kein "worst-case scenario“, sondern versucht vielmehr eine "realistische Theorie der internationalen Beziehungen“ zu skizzieren. An die Stelle einer bipolaren Welt ist seiner Ansicht nach eine multipolare getreten. Die Interessengebiete, sowie die Anzahl und der Charakter der Protagonisten haben sich gewandelt. Tatsächlich spielen neben wirtschaftlichen Interessen, immer häufiger kulturelle Traditionen eine Rolle und nehmen Einfluss auf die Aussenpolitik der jeweiligen Länder. So ist zum Beispiel der radikale Islam seit dem 9/11 endgültig zu einem weltpolitischen Problem ersten Ranges geworden. Eine Herausforderung, die abseits ihrer sicherheitspolitischen Bedeutung, auch den immer wieder propagierten Automatismus von Modernisierung und Demokratisierung Frage stellt. Doch ist der Staat angesichts solcher religiöser Bewegungen als einzelner Akteur tatsächlich noch die alles entscheidende Determinante der Weltpolitik? Huntington zweifelt daran, die von ihm definierten Kulturkreise gehen über die traditionelle staatliche Sichtweise hinaus. Der Staat als rationaler Bestandteil der Weltpolitik scheint ihm angesichts der grenzüberschreitenden kulturellen Traditionen zweifelhaft. Regionale Ereignisse sind heute, dank der globalen Informationsmöglichkeiten, kaum mehr auf einen Staat zu begrenzen. Nachrichten über Erdbeben, Aufstände, Kriege oder wie im Falle der Mohammed-Karikaturen erreichen binnen weniger Minuten eine große Anzahl von Menschen in unterschiedlichen Staaten.
Clash of Civilisations als moderne Realität
Der häufig als Konflikt missverstandene "Clash of Civilisation“ ist bereits Realität. Das Zusammentreffen der Kulturen gehört zum gesellschaftlichen wie politischen Alltag, die Kenntnis ihrer Unterschiede und Gegensätze häufig nicht. Der Staat als säkulare Institution und rationaler Interessenvermittler stößt hier an seine Grenzen. Huntington verneint nicht den aufgeklärten Ansatz staatlicher Interessenpolitik. Stattdessen weißt er aber dezidiert auf die teilweise davon abweichenden kulturellen Topographien der jeweiligen Kulturkreise sowie deren mögliche Konfliktpotentiale hin. Seine Forderung ist mehr kulturelles Bewusstsein in der Außenpolitik. Ein Hinweis wie er im Falle des Irak nur allzu berechtigt erscheint.
Samuel P. Huntington: Kampf der Kulturen - Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Spiegel-Edition. Gebunden, 592 Seiten. Euro 9,90.
