
- Land unter Wind - Tom Koehler, Hamburg
Die zwölfte HUSUM WindEnergy ging mit einem Rekordergebnis zu Ende. Die weltweit führende Leitmesse zur Windindustrie ist bereits für die nächsten beiden Termine fast vollständig ausgebucht. Die Abschlusspressekonferenz wartete mit guten Nachrichten auf. Reibungsfläche gab allerdings der Dissens zwischen Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke und dem notwendigen Netzausbau.
Erfolgreiche Messen
Aller zwei Jahre trifft sich die Branche abwechselnd in Husum und in Hannover. Die Messen kooperieren erfolgreich im Markt der Zukunft. Kaum ein Wirtschaftszweig ist derzeit so im Vormarsch, wie die erneuerbare Energie. Ergänzt wird die Fachmesse mit der jährlich stattfindenden newenergy. Die Kleinwindanlagen für Privatpersonen verbreiten sich zügig und finden hier ihr Forum. Das Wachstum der Messe zeigt sich nicht nur in der räumlichen Ausdehnung. Die Besucherzahlen haben mit 33.000 einen neuen Rekord aufgestellt. Die Ausstellerzahl wuchs um 30 Prozent auf 971, gemessen an der Messe 2008. Der Geschäftsführer der Messe Husum, Hanno Fecke: „Die Messe 2012 ist fast ausgebucht. Inzwischen gibt es Wartelisten. Selbst 2014 ist schon zu neunzig Prozent reserviert.“ und weiter „Aussteller bescheinigen: In den Jahren der WindEnergy entstehen in der Branche immer neue Impulse.“ Der Zuwachs in der Branche ruft laut Fecke aber auch andere Besucher auf den Plan. Patentanwälte sind unterwegs, um den Kopierschutz von technischen Entwicklungen durchzusetzen. Das internationale Kapital ist massiv vor Ort – nicht nur, um Technologie zu erwerben. Es stehen ganze Technologiehersteller auf dem Einkaufszettel.
Energiekonzept der Bundesregierung stößt auf Widerstand
Während die Branche einer unglaublichen Entwicklung entgegensieht, bauen sich Probleme anderer Art auf: Die Politik forciert mit ihrem Energiekonzept den Erhalt herkömmlicher, atomarer Energiegewinnung. Andreas Eichler, IHK-Vizepräsident, formulierte es so: „Die Branche ist durch das Energiekonzept der Bundesregierung überrascht worden. Eine Vorrangregelung für erneuerbare Energien ist dringend notwendig.“ Der Ausbau der Energienetze, die in Deutschland zum Teil seit 1935 bestehen, ist zwingend erforderlich. Dazu bedarf es einer Akzeptanz vor Ort bei den Bürgern. Doch wie soll diese hergestellt werden, wenn atomare Energie durch die zu bauenden Netze fließen soll? Der Leiter "Erneuerbare Energie" bei der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH), Peter Ahmels assistiert: „Laut unseren Umfragen akzeptieren zwei Drittel der Bürger neue Leitungen, wenn durch sie erneuerbare Energie transportiert wird.“ Dann, so Ahmels, können auch unterirdische Trassen kommuniziert werden. Erdverkabelungen in größerem Umfang stehen an.
Europäisches Energiethema
Weiterer Gast auf der Abschlusspressekonferenz war Reinhard Bütikofer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Europäischen Parlament. Er prognostizierte in den nächsten zehn Jahren ein Investitionsvolumen von über einhundert Milliarden Euro. Der notwendige Aus- und Umbau der Netze hat auch in seiner Fraktion Priorität.
Die weltgrößte Anlage zur Erzeugung von Energie aus Windkraft ging in der Messewoche vor der englischen Küste in Betrieb. Die Energieversorger Vestas und Vattenfall starteten den 300 MW-Windpark Thanet am 23.10.10. Er besteht aus 100 Turbinen des Typs V90-3.0 MW von Vestas. Betreiber des Windparks ist Vattenfall. Neben dem Neubau von Anlagen dieser Größenordnung beschäftigten sich viele Hersteller und Zulieferer auch mit dem Thema Repowering. Ältere Anlagen werden durch modernere Systeme ersetzt, arbeiten somit wirtschaftlicher. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Anzahl der Windräder minimiert werden kann.
Werden Spezialisten knapp?
Neben der Windenergiebranche trafen sich in Husum auch Personalverantwortliche von Unternehmen und Headhunter. Ihre Sorge ist, in naher Zukunft nicht genügend hochqualifizierte Fachkräfte für die boomende Branche zu finden. Die "windcareer" als Messe in der Messe bot dazu Gelegenheit. Einen ganzen Tag widmete sich die Branche dem Thema Qualifizierung und Auswahl von Fachkräften. Im Vorwege der Messe zeigte eine Studie der TGMC die enormen Wachstumsraten und den damit entstehenden Mangel an Spezialisten auf. Von 100.000 direkten Arbeitskräften derzeit wächst der Bedarf auf eine Million bis 2030. Der Bewerbermarkt hat sich ins Gegenteil verkehrt. Unternehmen überbieten sich in Anreizen und Leistungen für die High Potentials einer Wachstumsbranche. Die Politik der Bundesregierung verursacht durch die Festlegung auf weitere Jahrzehnte Atomstrom zusätzliche Unsicherheit bei den Bewerbern.
Dazu Dr. Heinz R. Uekermann, TGMC Hamburg: „Die Resonanz gibt den Messeveranstaltern der windcareer recht. Die Windbranche ist längst zu einem Bewerbermarkt für gut ausgebildete Techniker und Ingenieure geworden.“ Uekermann hätte sich mehr Unternehmen auf der Jobmesse gewünscht. „Das ist hier ein sehr guter Marktplatz für ihr Personalmarketing, und das ohne große Streuverluste. Es reicht nicht mehr, nur Stellenangebote auszuschreiben, "High Potentials" wollen umworben werden!“
Die Aussichten
Dem steten Wachstum der Messe steht Husum mit aller Kraft zur Seite. Durch die Besucherströme verdoppelt sich in der Messewoche die Einwohnerzahl des nordfriesischen Städtchens auf einen Schlag. Für die Messe ein Erfolg, für die Besucher Stress: Bleibt zu hoffen, dass sich die Verkehrsanbindungen zur nächsten Messe als tragfähig erweisen. Die Anreise- und Parkmöglichkeiten unterschreiten bald den Bedarf. Erstere durch Endlosbaustellen auf den Zufahrtswegen, letztere trotz umfangreicher Platznutzung und Ausweitung der Flächen. Wie sich die Branche entwickelt, ist auf den Folgemessen zu beobachten. Die Kleinwindanlagen werden vom 17. bis 20.03.2011 vorgestellt. Die nächste WindEnergy ist vom 18. bis 22.09.1012.
