Hyperbel und Pornografie - Anmerkungen zu Judith Butler

Judith Butler: Pornografie neu lesen - Jreberlein / Wikimedia
Judith Butler: Pornografie neu lesen - Jreberlein / Wikimedia
Pornographie wird normalerweise nicht auf die rhetorische Figur der Hyperbel bezogen. Butler verbindet beides auf überraschende Weise, nicht ganz zurecht.

Butler reagiert hier auf ein Buch der Juristin MacKinnon, die in ihrem Buch Nur Worte suggeriert, Pornographie funktioniere imperativisch, befehlend. Dies ist deshalb so wichtig festzuhalten, weil sehr häufig der Porno als Spiegelung gesellschaftlicher Strukturen verstanden wird, also als beschreibend. Doch wenn die Pornographie nicht widerspiegelt (und das behauptet MacKinnon), dann ist der Einwand, dass viele Frauen nicht leben müssen, wie die Frauen in der Pornoindustrie, hinfällig. Es reicht, wenn die Pornos einen gewissen Druck ausüben und ein gewisses Maß darstellen, an dem Frauen sich messen müssen.

Der performative Sprechakt

Um dieses Argument zu verstehen und um dann Butlers Einwand folgen zu können, muss man zunächst den performativen Sprechakt beleuchten. Dieser bezeichnet eine Aussage, die etwas Neues erschafft, beziehungsweise eine Idee oder einen Begriff am Leben hält. Ein Sprechakt selbst ist eine konkrete Äußerung in einer konkreten Umgebung und einem konkreten Kontext. Je nach Kontext kann derselbe Satz recht verschiedene Sachen bewirken.

Der Feminismus und der Sprechakt

So begann die Philosophin Shoshana Felman einmal einen feministischen Vortrag über die Weiblichkeit mit dem berühmten Anfang von Freuds Aufsatz über die Weiblichkeit. Die Zuhörerinnen fingen bei dem Satz "Auch Sie werden sich von diesem Grübeln [über das Rätsel der Weiblichkeit] nicht ausgeschlossen haben, insofern Sie Männer sind; von den Frauen unter Ihnen erwartet man es nicht, sie sind selbst dieses Rätsel" an zu lachen. Derselbe Sprechakt, der bei Freud wahrscheinlich ernsthaft funktioniert hätte (wäre dieser Vortrag über die Weiblichkeit jemals gehalten worden), funktionierte bei feministisch gebildeten Menschen ganz anders. Er wirkte lächerlich.

Searle: Die Perlokution des Sprechaktes

Sprechakte bestehen im groben aus drei Anteilen, einem lokutionären, einem illokutionären und einem perlokutionären. Der lokutionäre Anteil bezeichnet zum einen die Laute einer Äußerung, die Wörter und die Grammatik und die Bezeichnung von "wirklichen" Dingen in der wirklichen Welt. Der illokutionäre Akt bezeichnet die Funktion einer Äußerung, zum Beispiel ist die Funktion einer Frage der Erwerb einer neuen Information. Schließlich bezeichnet der perlokutionäre Akt die Wirkung, die durch den Sprechakt erzielt wird. Bei einer Frage zum Beispiel wäre das die Antwort auf die Frage. Nun ist gerade dieser perlokutive Sprechakt stark kontextabhängig. Es gibt in der Gesellschaft Rituale, die einen Sprechakt und seine Wirkung eng zusammenschweißen. So wird auf einen Gruß ein Gegengruß erwartet. Bleibt dieser aus, wird das als Verletzung einer Regel gewertet.

Die Pornographie und ihre Wirkung

MacKinnon behauptet nun, dass der perlokutive Sprechakt der Pornographie darauf abziele, die weibliche Unterdrückung im Porno gesellschaftlich zu etablieren. Die Pornographie sei Ausdruck des patriarchalen Systems: "Pornographie … etabliert, wofür Frauen angeblich da sind, als was sie gesehen werden, wie behandelt werden." (Zitiert nach Butler, Seite 111) An dieser Stelle greift Butler ein. Sie kehrt zu der These, dass der Porno gesellschaftliche Strukturen widerspiegele, zurück, allerdings mit einer ganz entscheidenden Wendung.

Der Porno würde nämlich nicht darstellen, wie Frauen zu sein haben, sondern die Unmöglichkeit einer vollständigen Verwirklichung männlicher Willkür und weiblicher Unterwerfung. Sie liest also den Porno nicht als einen Befehl, sondern als eine Übertreibung, eine Hyperbel. Sie schlussfolgert: "… wenn das, was [im Porno] dargestellt wird, kompensatorische Idealvorstellungen, hyperbolische Normen der Geschlechtsidentität sind, dann steckt Pornographie einen Bereich der unrealisierbaren Positionen ab, die zwar eine gewisse Macht über die gesellschaftliche Wirklichkeit der Geschlechterpositionen haben, sie aber im strengen Sinn nicht konstituieren." (Seite 111 f.)

Literalisierung und die Souveränität der Hyperbel

Butler wünscht sich, dass der Porno nicht literarisch gelesen wird, nicht als eine Allegorie auf die realen Geschlechterverhältnisse, sondern als Hyperbel sexueller Normen. Denn die Literarisierung der Pornographie nimmt die Pornographie immer noch ernst und spricht hier zu viel Kontrolle zu. Dagegen schreibt die Philosophin am Ende ihres Aufsatzes: "Wenn man solche Texte gegen den Strich liest, räumt man damit ein, dass die Performativität des Textes keiner souveränen Kontrolle untersteht. Im Gegenteil, wenn ein Text einmal handelt, kann er wieder handeln und das vielleicht genau gegen die frühere Handlung. Resignifizierung wird so zu einer Möglichkeit, Performativität und Politik neu zu lesen." (Seite 112 f.)

Folgt man den diskursiven Effekten einer Hyperbel, lässt sich leicht erklären, warum. Die Hyperbel erschafft eine Übertreibung einer Norm oder eines Wertes, von der aus sich ein schwächerer Wert etablieren kann. Die übertriebene Darstellung von sich unterwerfenden Frauen in der Pornographie ist also weniger ein Wunsch, als eine Ablenkung, ein Täuschungsmanöver vom Typus "Mehr desselben", der die tatsächlichen Beziehungen als "nicht so schlimm" suggeriert. Insofern hat MacKinnon aber recht und der Einwand von Judith Butler bleibt unvollständig: Die Pornographie etabliert, wofür Frauen angeblich da sind (und so weiter), nur nicht als Allegorie, sondern über den Umweg eines Hyperbolismus.

Die Perspektive der Pornographie

Verändert man aber diesen Hyperbolismus, resignifiziert man ihn, und darin hat Butler wiederum Recht, so verändert man auch den Umweg, der reale Geschlechternormen legitimiert. Es gälte also, Pornographie so zu lesen, dass sie ihre Souveränität verliert. Mehr noch: Ist der Weg der Pornographie ein indirekter, dann ist seine Perspektive nur eine abgeleitete. Ihr eine Eigenständigkeit, eventuell sogar eine Ästhetik zurückzugeben, bedeutet, ihr eine direkte Perspektive zu schaffen. Gerade diese Perspektive zurückzugeben und die Hyperbel ernst zu nehmen, nimmt ihr ihre souveränen Effekte, die sie auf die beeinflussten realen Geschlechternormen ausübt.

Literatur

  • Butler, Judith: Flammende Taten, verletzendes Sprechen. in dies.: Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt am Main 2006
  • Felman, Shoshana: Weiblichkeit wiederlesen. in: Vinken, Barbara (Hrsg.): Dekonstruktiver Feminismus. Frankfurt am Main 1992
Frederik Weitz, Frederik Weitz

Frederik Weitz - "Ich denke gern." hat der französische Philosoph Michel Foucault mal gesagt. Das ist zwar nicht mein einziges Lebensmotto, aber ...

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