Ichimatsu Ningyo - Schönheiten im Kimono

Ichimatsu Mädchen - Andrea Flade-Becker
Ichimatsu Mädchen - Andrea Flade-Becker
Wissenswertes über Herkunft, Entstehung und Zauber japanischer Ichimatsu-Puppen von der Edo-Zeit bis Heute.

Recht wenig kann man im deutschsprachigen Raum über diese Puppen erfahren. Wir nehmen Ichimatsu Ningyo oft als sanft lächelnde Wesen in traumhaft bunten Kimonos wahr. Leider ist nur Wenigen etwas über ihre Herkunft bekannt. Einige wissen vielleicht, dass das japanische Wort Ningyo zu Deutsch Puppe oder auch menschliches Abbild bedeutet, aber das ist nur ein kleiner Teil dieser interessanten und vielschichtigen Welt.

Herkunft

Viele Namen begleiteten sie seit ihrem ersten Erscheinen - "Yamato Ningyo", "Daki Ningyo", "Ichima-san", "kakae Ningyo", "Torei Ningyo", "Mimatsu", "Muschelkalk Puppe" oder auch stummer Botschafter. Entstanden ist diese Puppenart etwa zur Mitte der Edo-Periode (1603 bis 1868), in der der alten japanischen Hauptstadt Heiankyo – dem heutigen Kyoto.

Geschichte

Ein meisterlicher Puppenmacher porträtierte den damals berühmten Schauspieler Ichimatsu Sonagawa. So kam die Puppe auch zu ihrer geläufigsten Bezeichnung. Bald gehörte es zum guten Ton in Kreisen des Schwertadels, seine Kinder auf diese Art porträtieren zu lassen. Diese Puppen sind heute nur noch selten zu finden und der Wert eines solchen Schatzes ist auch dem entsprechend hoch.

Gegen Ende der Edo-Periode wurden sie dann auch für die reichen Bürgerschichten erschwinglich. Man ging nun dazu über ihnen liebliche Kindergesichter zu geben, aber die aufwendige Bekleidung blieb immer noch von großer Bedeutung. Der Erwerb einer solchen Puppe stellte sehr oft eine beträchtliche Investition für die Familie dar. Sie bekam einen eigenen Namen, sowie den Familiennamen ihrer neuen Besitzer und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Mit der Meiji-Restauration (1868-1912) und der damit verbundenen Orientierung des Landes an einen westlichen Lebensstil, entdeckte man die Puppe für den Export. Ihre Herstellung wurde jetzt stark vereinfacht und die Ausstattung war bei weitem nicht mehr so aufwendig, wie für den japanischen Bedarf. Teilweise fertigte man die Kimonos nun aus einfacheren Baumwollstoffen, statt der teuren Japanseide und verklebte die einzelnen Schichten sogar miteinander. In diese Zeit fällt auch die Entstehung der "Hai-hai Ningyo". Sie stellt eine, dem westlichen Geschmack nachempfundene, Babypuppe mit babyhaften Gliedmaßen dar.

In der Zeit von 1900 bis ca. 1930 galt es in den besseren Kreisen der westlichen Welt zum gehobenen Lebensstandart, seine Tochter mit einer japanischen Puppe ablichten zu lassen. Zahlreiche Postkartenmotive und Familienfotos belegen dies. Aber anders als in Japan waren diese Puppen hierzulande eher ein Luxusspielzeug. In der heutigen Zeit gelangen Ichimatsu-Puppen zumeist als Reisesouvenir zu uns, leider auch oft in minderwertiger Qualität.

Herstellung

Gefertigt werden sie aus Papiermasche- oder Holzfasermasse, mit teilweise geradezu realistischem Körperbau. Einige der Puppen können sogar knien. Ermöglicht wird dies durch entsprechende Aussparungen in den Gliedmaßen. Zumeist sind die Arme und Beine jedoch mittels Stoffmanschetten mit dem festen Teil des Leibes verbunden. Wer eine Ichimatsu schon einmal ohne Bekleidung gesehen hat wunderte sich vielleicht, dass ein grobes Stück braunes Papier um den gesamten Körper gewickelt war. Dies hat zweierlei Gründe. Erstens stabilisiert es den Puppenkörper, um dem walzenförmigen Idealbild möglichst nahe zu kommen, des Weiteren konnte der Puppenmacher die Vorderseite so für sein Signum und einen eventuellen Titel nutzen. Die Größen der einzelnen Puppen variieren von 20 cm bis zu einer Größe von mehr als einem Meter.

Auf den Rohkörper wird ein Überzug aus einer Mischung von Farbe und zerriebenen Muscheln aufgebracht. Im westlichen Sprachgebrauch ist deshalb mitunter die Bezeichnung Muschelkalk-Puppe üblich. Fast alle Ichimatsu Ningyo besitzen Perücken aus echtem Menschenhaar, aber auch Rosshaar war gebräuchlich. Bei den moderneren Souvenir-Puppen kommt heute oft Seidenhaar oder Kunsthaar zum Einsatz, dies hat vor Allem finanzielle Gründe. Denn auch hier gilt – je wertiger die Ausstattung desto höher der Endpreis. Den Abschluss bilden dann die äußerst feine Bemalung und das Polieren der Oberfläche. So entsteht das opake fast porzellanartige Aussehen dieser Puppen. Echte Glasaugen vermitteln oft den Eindruck, die Puppe würde uns direkt anschauen oder sich sogar im nächsten Moment bewegen. Eine Ichimatsu besitzt wirklich einen ganz eigenen Zauber!

Bekleidung

Die Ausstattung allein ist schon ein Traum! Bekannte Kimonomaler gestalten oft die Dessins der aufwendigen Bekleidung, welche immer aus mehreren Schichten besteht. Selbstverständlich tragen diese Puppen die Wappen ihrer Familien auf den Kimonos. Sie gehören ja schließlich auch dazu!

Zum Verkauf angeboten werden sie seit etwa 100 Jahren zunächst mit weißen kreisrunden Stellen an der Schulterpartie des Kimonos, dort wo sonst die Familienwappen zu finden sind. Nach dem Erwerb kann man einen Kimonomaler damit beauftragen diese Stellen, mit den jeweiligen Familienwappen, zu bedecken. Fast ausnahmslos sind Ichimatsu mit Furisode Kimono (für Mädchen) oder Kimono, Hakama und Haori (für Jungen) bekleidet.

Wertentwicklung

Wer das Glück hat eine Ichimatsu Ningyo zu besitzen, sollte sie unbedingt vor starker Sonneneinstrahlung schützen. Leider unterliegt Seide einem gewissen Alterungsprozess. Starke Lichteinwirkung lässt nicht nur schnell die Farben verblassen, auch das Material beginnt sich zu zersetzen. Ideal ist der Stand in einer vor Staub und Feuchtigkeit schützenden Vitrine. Das gilt ganz besonders für ältere Ichimatsu, denn hier hat der Alterungsprozess bereits mehr oder weniger stark eingesetzt. Wer diese Puppen auch wertorientiert sammeln möchte, sollte sich vor dem Erwerb genauestens über den Zustand informieren. Fehlende Gliedmaßen, Sprünge oder gar Absplitterungen ziehen immer einen starken Wertverlust nach sich. Meist sind es Puppen, die bereits in der Meiji-Ära exportiert wurden und nun als etwaige Sammler Objekte die diversen Auktionsplattformen erreichen. Hier ist eine Wertsteigerung eher nicht zu erwarten und der Sammler wird meist enttäuscht.

Schon für eine modernere Ichimatsu Ningyo sollte man Preise ab 500,00 € aufwärts einkalkulieren. Richtet der Interessierte sein Augenmerk dagegen auf die wirklich antiken Schönheiten, kann das Objekt seiner Begierde schnell einige tausend Euro kosten. Dafür bekommt er aber immer ein Einzelstück, denn Ichimatsu sind keine Massenware!