
- Historischer Wagen der Ròm - Ulla Trampert bei pixelio.de
Ròm, früher verallgemeinert oft als “Zigeuner” bezeichnet, empfinden diesen Begriff wegen des damit verbundenen negativen Beigeschmacks oft als Herabsetzung und rassistisch. Auch wird er der ethnischen Vielfalt ihrer Volksgruppe nicht gerecht.
Sie teilen sich in drei Hauptgruppen. Dazu gehören die Kalderas, die Manusch oder Sinti sowie die Gitanos. Unterschieden durch Lebensweise, Brauchtum und Sprachdialekt. Weiterhin gliedern sich dazu viele Untergruppen. Differenziert durch die mit verschiedenen Gewerbe des jeweiligen Stammes.
Das Leben der Ròm
Das Leben der Ròm orientiert sich an traditionell strengen Gesetzen und Regeln. Obwohl man dieses frühere Nomadenvolk immer wieder zu integrieren versuchte, bewahrte es trotz der Berührung mit zahllosen Nationen ihre Eigenart, Sozialstruktur und Kultur. Der Stammeshäuptling legt den Weg der Wanderung oder den Ort des Aufenthaltes fest. Er hat die Befugnis, Mitglieder aufzunehmen oder auszuschließen, auch zu bestrafen und somit Recht anzuwenden.
Der Rat der Ältesten tritt in Krisensituationen oder bei anliegenden Problemen zur Beratung zusammen. Das Ansehen der Frau ist sehr hoch. Die Frau tritt zwar nach außen nicht so deutlich in Erscheinung. Doch innerhalb der Gruppe ist ihr Einfluss sehr stark. So regiert der Stammenshäuptling nicht allein, sondern gemeinsam mit einer alten Frau, der Stammesmutter oder Puri Dai.
Die Religion der Ròm
Die Ròm kennen eine bunte Mythologie, ihrer zum Magischen neigenden Denkweise entsprechend. Ihre ursprüngliche Religion gab den Forschern viele Rätsel auf. Sicher hinterließen auch die Glaubensrichtungen der Gastländer ihre Spuren. So gibt es durchaus nach katholischem Glauben getaufte Ròm, die trotzdem eng mit ihrer traditionellen Mythologie verbunden sind.
Diese Mythologie ist indisch-orientalischen Ursprungs. Sie basiert auf dem Prinzip des Guten (O Del), des Bösen (O Benges) und der Erde (Phu). Phu ist nach mythologischem Glauben der Ròm von Feen und Geistern bevölkert, die Leben und Alltag beeinflussen. Gleichfalls besteht ein Hang zu weiblichen Kulten und Wallfahrten. So kommen am 24. Mai jährlich tausende Ròm nach Südfrankreich in den Ort Maries-de-la-Mer, um die Sara Kali (schwarze Sara) zu verehren. Nach einem ursprünglichen Fruchtbarkeitsritual wird die Statue zum Meer getragen, mit Wasser besprengt und getaucht. Mit dieser Wallfahrt zur “großen Mutter” sind Gesundheits - und Kinderwünsche verbunden.
Die Herkunft der Ròm
Der Hauch von Freiheit und Abenteuer der “Zigeunerlegenden” trübt oft den Blick auf die wahre Lebenssituation einer an den gesellschaftlichen Rand gedrängten Minderheit. Das offensichtliche Anderssein der Ròm sowie fehlendes Wissen über ihre Herkunft und Kultur trug dazu bei, das es zu oft an Anerkennung und Verständnis ihnen gegenüber mangelte. Dabei bieten ihre lebensbejahende Einstellung zur Gegenwart sowie ihre mündlich überlieferten Weisheiten und Lebensregeln viele positive Impulse und wertvolle Information.
Ihre im Indischen wurzelnde Sprache Romani ist verwandt mit dem Sanskrit. Ein ursprüngliches Siedlungsgebiet ist wissenschaftlich nicht festlegbar, da sie vermutlich schon in ihrer indischen Heimat nomadisierten. Über ihre Wege weiß man mehr, als über Ursache und Beginn der Wanderschaften. Ihre Reisen nach der Sonnenbewegung von Osten nach Westen teilten sich gruppenweise vermutlich nach Ägypten sowie nach Europa über Afrika. Im 14. Jahrhundert lebten Gruppen von Ròm im griechischen Moden (heutigen Methoni) und arbeiteten als Schmiede. Früher bezeichnete man diese Gegend auch als Kleinägypten. So bezeichneten sich viele Ròm später als Ägypter, Gitans oder Gypsies. Seit Ende des 19. Jahrhunderts leben die überwiegenden Mehrheiten der Ròm ortsfest.
Der Weg der Ròm nach Westen
Die Wanderungen der Ròm lassen sich aufgrund der Sprachforschung relativ gut rekonstruieren. Neben der Mundart nordrussischer Ròm finden sich im alten Wortbestand griechische, rumänische, serbische, ungarische, deutsche und polnische Lehnwörter. Im 15. Jahrhundert gaben sich die Ròm häufig selbst als Pilger aus. Sie verschafften sich von Bischöfen Schutzbriefe, in denen ihre Wanderung als Buße deklariert wurde. Im 16. Jahrhundert sind sie erstmals im Schrifttum Portugals als Ciganos erwähnt. Um diese Zeit erreichten Ròm auch England und Schottland.
Über Schweden wanderten einzelne Gruppen bis nach Finnland und Litauen. Um 1501 sind Ròm auch in Südrussland gemeldet. 1721 gelangten aus Polen kommende Gruppen nach Sibirien. Aus fast allen europäischen Ländern sind zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert Ròmgruppen überliefert. Einige wanderten sogar in die europäischen Kolonien und zu den amerikanischen Inseln aus. Seit dem 16. Jahrhundert waren Ròm zahlreichen Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden sie zu Opfern des Völkermordes, vergleichbar mit der Vernichtung europäischer Juden.
Die Gewerbe der Ròm
Die Ròm waren als Schmiede - und Metallarbeiter, als Musikanten, Dompteure, Unterhalter, Akrobaten, Pferdehändler, Wahrsager und Heiler tätig. Forscher sind der Meinung, die Ursprünge dieser Berufe ließe sich mit dem indischen Kastenwesen erklären. Auch wären bestimmte Berufsfelder direkt aus dem Leben als Nomaden hervorgegangen.
Insbesondere die Heilkunst der Ròm war von großer Bedeutung. Diese Macht und Kraft zu heilen lag in den Händen der weisen Frau, während ihr Mann als Schmied die Pferde behandelte. Die Ròm gewannen nomadisierend viele Erfahrungen, da sie in Abhängigkeit von der Natur und in ihren rhythmischen Abläufen lebten. So lernten sie, aus der Natur zu lesen und sich Naturkräfte zunutze zu machen. In mündlichen Überlieferung blieb dieses naturmedizinische Wissen der Ròm teilweise erhalten und bildet heute einen wertvollen Erfahrungsschatz.
Literaturquelle:
- Zigeunermedizin, Komm, ich mach dich gesund!, Gerti Senger, Genf, Ariston Verlag, 1987, ISBN 3-7205-1439-0
Bildquelle: Fotografin Ulla Trampert , www.pixelio.de
