
- Farbenfrohes bei Sony - Gerhard Bachleitner
Daß die Funkausstellung immer noch wachsen könne, hätte man nicht vermutet, aber es wurden tatsächlich noch mehr Quadratmeter belegt und noch mehr Medienvertreter empfangen. Den ausstellenden Branchen geht es vergleichsweise gut. Medienpolitische Fragen wurden auf der Medienwoche, dem Kongress der Medienanstalt Berlin-Brandenburg verhandelt.
Digital ist anders
Der Beginn der Medienwoche verblüffte. Digital is now! verkündete das Motto - als wäre das digitale Fernsehen nicht schon seit 15 Jahren auf Sendung und der digitale Tonträger CD nicht seit Anfang der 1980er Jahre auf dem Markt. Befremdlich ist die fatal deutsche Haltung zur Innovation, ausgedrückt in dem an öde Schulaufsatzthemen erinnernden Untertitel Chancen und Risiken der Digitalisierung für den Contentstandort Deutschland. Das Kongreßprogramm fiel dann aber glücklicherweise doch hinreichend aktuell aus. Mit Julian Assange, der seine Keynote aus naheliegenden Gründen aber per Videozuspielung aus England hielt, hatte man sogar ein ganz heißes Eisen im Feuer, durch die wenige Tage zuvor neu aufgeflammte Diskussion um Wikileaks noch heißer als vorhersehbar.
Die innerdeutsche Diskussion bewegte sich im gewohnten Rahmen. Die (Zeitungs-)Verleger beschworen ihre Not, das papiergebundene Geschäftsmodell ins Web 2.0 übertragen zu müssen. Dr. Mathias Döpfner (Axel-Springer-Verlag) umriß ebenso eloquent wie realistisch das Handlungsfeld, auf dem dieser schwierige Akt gelingen müsse. Der bekannte Streit mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen um die Presseähnlichkeit kostenloser Anwendungen für Mobiles Web schien behebbar, doch der Abschied von der bequemen Konfrontationsrhetorik wird wohl noch eine Zeit dauern.
Das von Prof. Dr. Ulrich Reimers moderierte Podium zur Netzneutralität betraf ein wichtiges, in seiner strategischen Bedeutung hierzulande noch unterschätztes Problem, jedenfalls was die Gleichbehandlung von Daten im Internet angeht. Man wurde sich nicht einmal einig, wie akut die Bedrohung tatsächlich sei. Reimers lenkte, analytisch luzide, den Blick aber auch auf andere, schon länger bekannte Facetten behinderter oder verweigerter Neutralität. Internetanbieter wollen keine umfangreichere Bewegtbildnutzung, Fernsehen, akzeptieren, sondern drosseln - trotz pauschaler Tarifierung - nach Überschreiten eines bestimmten Volumens die Übertragungsgeschwindigkeit. Mobilfunkanbieter möchten keine "Fremdtelefonie" per Skype über den Datentarif des Nutzers laufen sehen und drohen in ihren AGBs mit entsprechenden Sanktionen.
Verfremdung der Netze
Letztlich erwachsen all diese Konflikte und Komplikationen aus der genuin digitalen Eigenschaft, an keine äußere (Übertragungs-)Form mehr gebunden zu sein. Während in der analogen Welt Übertragungswege und -netze immer schon den Inhalt bestimmt haben - und umgekehrt -, kann man heute überall alles machen und auch noch offenkundig Unsinniges zum schützenswerten Geschäftsmodell (v)erklären. Daß Mobilfunker wie Vodafone die Festnetzinfrastruktur mehr oder weniger aufgeben, statt dessen LTE forcieren und sich dann den Fernsehempfang über dieses schnelle Internet auf denselben Frequenzen bezahlen lassen, die sie im Zuge der "Digitalen Dividende" dem Rundfunk, der sie kostenlos bespielt hat, weggenommen haben, gehört zu den Widersprüchen der digitalen Welt. Übers Telefonfestnetz wird Fernsehen verbreitet (Telekom), über die Fernsehkabelinfrastruktur werden Telefonie und Internet verbreitet - überall werden aktuelle Dienste/Bedürfnisse mit falschen Netztopologien realisiert. Das Problem der Netzneutralität ist insofern ebenso unabweisbar wie unlösbar.
Verfremdung der Endgeräte
Der missionarische (oder kindliche) Eifer, mit dem auf dem Fernseher oder dem Smart-Phone seit einiger Zeit jede Softwareneuerscheinung in den Himmel gelobt wird, hat alberne Züge angenommen - als ob nicht all die Apps und Gimmicks längst auf dem PC bekannt und in Gebrauch wären. Man freut sich, daß auf den stärker werdenden Prozessoren tatsächlich Programme prozessiert werden können und die bisher für andere Aufgaben konzipierten Endgeräte nun auch als kleine Rechner arbeiten können.
Vor einigen Jahren wurde noch die entgegengesetzte Vision verfolgt: man wollte den PC zum Media Center aufrüsten, wie Microsofts gleichnamige Betriebssystemversion hieß. Daß diesem Projekt kein großer Erfolg beschieden war, lag an der notorischen Schwerfälligkeit, Unhandlichkeit und Unzuverlässigkeit ebendieses Betriebssystems und der üblicherweise zu überbrückenden Entfernung zwischen Wohnzimmerfernseher und Arbeitszimmer-PC. Weiters hätte dieses Projekt außer einem längeren HDMI-Kabel keinerlei Investitionen vom Benutzer erfordert, also keinen Markt hervorgebracht. Nun aber kann man am Fernseher wieder ein Rattenrennen in Gang setzen, wie es die Industrie so liebt: jede neue Gerätegeneration "kann mehr", und auf dem Smart-Phone darf man jetzt endlich auch jenen Softwaredschungel erleben, den man schon auf dem PC nicht durchschaut und nicht gebraucht hat.
Presseforum der Technischen Kommission des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
Die technische Infrastruktur des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens hat merklich andere Probleme zu bewältigen, als die fast ausschließlich überseeische Endgeräteindustrie. Die Analogabschaltung 2012 ist hier ein großes, weil schwer abzuschätzendes Thema. Gleichwohl dürfen wir die Prognose wagen, daß am 1.5. nächsten Jahres die Welt nicht untergegangen sein wird, nicht einmal die Medienwelt.
Zurecht ein wenig gefeiert wurde der neue Anlauf des Digitalradios als DAB+, dem nun von Anfang an auch preisgünstige Endgeräte zur Verfügung stehen. Den Einstieg ermöglicht Terratecs Noxon DAB-Stick, ein USB-Accessoire mit Antennendraht und Magnetfuß. Knapp 20 Euro kostet das Teil, das auch schon den Mehrkanalton DAB-Surround empfängt. Außerdem kann man am Notebook sinnvoll all jene Texte speichern und verwerten, die über den Dienst Journaline laufen, gewissermaßen die SI-Daten des Digitalradios. Die Software, die erst ab Windows XP SP 3 läuft, ist leider noch unfertig, ermöglicht u.a. noch keine Speicherung und Programmierung von Sendungen. Die mitgelieferte Antenne ist die Schwachstelle des Empfangssystems, und der Hersteller gibt dies auch zu. Mit einer besseren Antenne wäre jedoch der Kampfpreis nicht zu halten.
3D
Der 3D-Nachmittag Neuer Content und neue Technologien - in einem neuen, temporären Tagungsort namens White box im ICC - ermöglichte einen Blick auf Details der aktuellen 3D-Produktion und lieferte ungewollt auch einen entlarvenden Kommentar zur Pionierphase, in der sich diese Technik noch immer befindet. Die Projektion konnte mit aktiven Brillen betrachtet werden, die vom System, wahrscheinlich per Funk, eingeschaltet wurden. Nach unbefriedigendem Raumerlebnis entdeckte einer der Referenten jedoch, daß die richtige Bildanordnung erst dann gewährleistet war, wenn man die Brille verkehrt herum aufsetzte. Der Anblick dieses Publikums dürfte 3D-Skeptikern weitere Gründe für ihre Skepsis geliefert haben. Die vom Filmchef der Constantin, Martin Moszkowicz, mitgebrachten Trailer, zumal der gerade angelaufene Mantel- und Degenfilm Die drei Musketiere, nährten den Glauben an das kreative Potenzial von 3D mitnichten. Aus der Sicht der Constantin: 3D braucht keine neuen Erzählformen. Bleibt nur zu hoffen, daß das in Berlin eingerichtete 3D-Innovationszentrum des Fraunhofer-Instituts dem Thema konstruktivere Seiten abgewinnt.
