Nachdem Sikorski in Russland während des 1. Weltkrieges noch einige Flugzeugtypen baute, übersiedelte er 1919 im Alter von 30 Jahren in die USA. Seine Anstrengungen dort galten der Fortführung seiner Konstruktionen von großen Doppeldecker-Flugzeugen. In Anlehnung an seine erfolgreichen Konstruktionen, wie der „Ilja Muromez“ oder dem Vorgänger „Bolschoi Baltijski“, baute er noch einige interessante aber weniger bekannte Flugzeuge. Eins davon war die Sikorski S. 29A.

Die Gründung der Sikorski Aero Engineering Company

Die erste Zeit in den USA war sehr schwer. Sikorski verdiente sein Geld als Lehrer und hielt Vorträge zu Luftfahrtthemen. Es war nicht einfach, einen Job im Flugzeugbau zu finden. Mitten in der Wirtschaftskrise entschloss sich Sikorski, selbst sein Schicksal in die Hand zu nehmen. Viele Landsleute, die mit ihm emigrierten und meist ehemalige Offiziere der zaristischen Armee waren, halfen ihm im Herbst 1923 bei der Gründung seiner Firma Sikorski Aero Engineering Company.

Der in den USA noch unbekannte Sikorski konnte für diese Gründung von amerikanischen Banken keine finanzielle Unterstützung erwarten. Die Hilfe kam von russischer Seite. Es war der berühmte Pianist und Komponist Sergei W. Rachmaninow, der seinen Landsmann unterstützte und ihm US$ 5000 zur Verfügung stellte. Mit diesen Mitteln konnte Sikorski die Arbeiten für sein erstes Flugzeugprojekt in den USA beginnen. Es war ein Doppeldecker-Flugzeug mit zwei Motoren.

Der Prototyp wurde bei einem Testflug beschädigt und weitere finanzielle Mittel wurden nötig, um die Reparaturen und die Fortführung der Testflüge zu ermöglichen. Sikorski konnte seine Geldgeber davon überzeugen, weitere US$ 2500 zur Verfügung zu stellen.

Bau unter schwierigen Bedingungen

Die Bedingungen, unter denen der Bau und die Versuche durchgeführt wurden, waren überhaupt nicht ideal. Zusammengebaut wurde das Flugzeug auf der Farm seines Freundes Victor Utgow, einem ehemaligen Leutnant der russischen Marine. Ein alter Holzschuppen musste als Werkstatt herhalten und die Arbeiten, für die der Schuppen zu klein war, mussten im Freien ausgeführt werden. Gutes Werkzeug war so gut wie nicht vorhanden, geschweige denn geeignete Maschinen zur Herstellung von Flugzeugteilen. Das meiste wurde in mühsamer Handarbeit gefertigt.

In Anlehnung an die Erfahrungen und an die Erfolge mit seinem Flugzeug „Ilja Muromez“ konnte das erste amerikanische Flugzeug Sikorski S 29A („A“ steht für Amerika) fertig gestellt werden und seine Tests beginnen. Am 25. September 1924, viele Monate der Entbehrungen waren vergangen, konnte das Flugzeug der Öffentlichkeit präsentiert werden. An diesem Tag startete das Flugzeug erfolgreich und mit ihm das Sikorski-Unternehmen. Unzählige Demonstrations- und Charterflüge folgten und bewiesen die ausgezeichnete Funktion dieser soliden Flugzeugkonstruktion.

Konstruktive Merkmale des Doppeldeckers

Die gesamte Konstruktion lässt die Ähnlichkeit zu seinen Vorgängermodellen deutlich erkennen. Hier stand unverkennbar die „Ilja Muromez II“ Pate. Das Flugzeug stellte einen mehrstieligen Doppeldecker in Metallbauweise dar. Für das Trag- und Leitwerk sowie für die Konstruktion des Rumpfgestells kamen Stahl und Duralumin zur Anwendung. Die Tragflächen wurden noch mit Stoff bespannt.

Der Rumpf wurde mit dünnem Blech verkleidet. Er besaß einen rechteckigen Querschnitt und war in zwei Bereiche unterteilt, Cockpit und Passagier- bzw. Frachtraum. Die Kabine war sehr geräumig und bot Platz für 10 bis 14 Passagiere. Sie maß in der Länge 6,10 Meter und war 1,20 Meter breit und 1,83 Meter hoch. Der Einstieg zur Kabine befand sich auf der rechten Rumpfseite in Höhe der Hinterkante der unteren Tragfläche.

Die beiden großen Tragflächen waren mit Doppelstielen verbunden und über Kreuz verspannt. Im äußeren Bereich der Tragflächen befanden sich je zwei Paar I-Stiele und im inneren Bereich zum Rumpf hin dienten die auf der unteren Tragfläche aufgesetzten Motoren als dritter Stiel. Mit Hilfe einer vertikalen Verlängerung in Form einer Leitfläche über den Motoren, wurden beide Flächen miteinander verbunden. Das Rumpfheck wurde in herkömmlicher Bauweise ausgeführt und hatte drei Seitensteuerflächen. Das Hauptfahrwerk war einfach gestaltet und besaß zwei große gefederte, einzeln aufgehängte Räder. Unter dem Rumpfheck befand sich ein großer gefederter Sporn.

Eine solide Konstruktion mit guten Flugeigenschaften

Die beiden unterschiedlich großen Tragflächen trugen das Flugzeug auf einer gesamten Flügelfläche von rund 92 m². Die obere Fläche war 21 Meter lang und die untere hatte eine Spannweite von 19,20 Metern. Die größte Höhe der Konstruktion maß 4,10 Meter und die Länge über alles betrug 15,15 Meter.

Die beiden verkleideten Wright-Liberty-Motoren trieben zwei gegenläufige Holzpropeller an, welche nicht verstellbar waren. Die Leistung der Motoren betrug insgesamt 800 PS und versetzte das Flugzeug in die Lage, 179 km/h schnell fliegen zu können. Die maximale Flughöhe von 3750 Metern konnte mühelos in knapp 30 Minuten erreicht werden.

Teilnehmende Beobachter berichteten nach den Demonstrationsflügen, dass das Flugzeug leicht steuerbar war und auf jeden kleinen Ausschlag der Steuerung sofort reagierte. Keine Vibrationen oder Schwingungen während der Flüge waren zu bemerken. Nur der raue Lauf der Motoren störte geringfügig. Mit scheinbarer Leichtigkeit brachte das Flugzeug beim Start das Gesamtgewicht von rund 5443 Kilogramm innerhalb von 10 Sekunden in die Luft. Die Landungen wurden als „weich“ bzw. „komfortabel“ bezeichnet.

Während der Tests wurde ein Flug streckenweise mit nur einem laufenden Triebwerk durchführt. Es konnten keine gravierenden Abweichungen von der Flugrichtung festgestellt werden. Selbst der Steigflug war mit einem Motor noch möglich. Das Flugzeug war eine solide Konstruktion mit hervorragenden Flugeigenschaften.

Die Transporte mit diesem Flugzeug zeitigten innerhalb kurzer Zeit die ersten Einkünfte, sodass das Unternehmen bald schwarze Zahlen schrieb. Unter anderem wurde der Transport von zwei großen Klavieren (Flügel) im Auftrag eines großen Kaufhauses von New York nach Washington durchgeführt. Auch die Gattin des damaligen Präsidenten Herbert Hoover ließ sich von Sikorski fliegen. Nach diesem erfolgreichen Auftakt hatte Sikorski schon sein nächstes Ziel fest vor den Augen – den Bau eines 3-motorigen Flugzeuges für einen Non-Stop-Flug über den Atlantik von New York nach Paris.

Quellen:

  • Flight, 14. Mai 1925, Seite 285 ff
  • Flight, 30. September 1926, Seite 638 ff
  • http://www.sikorskyarchives.com/S-29A.php
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