
- Wappen der Stadt Oldenburg - Stadt Oldenburg
Seit mittlerweile mehr als einem Jahr existiert der bundesweit zweitgrößte IKEA-Möbelmarkt vor den Toren Oldenburgs. Tag für Tag rollen wahre Blechlawinen die Holler Landstraße hinauf, um in dem skandinavischen Einrichtungshaus einzukaufen oder auch bloß zu frühstücken. Ein weiterer Kundenmagnet befindet sich bereits in fortgeschrittener Bauphase. In der Innenstadt sollen Anfang des kommenden Jahres die "Schlosshöfe" feierlich eröffnet werden. Auf 12.500 Quadratmetern sollen knapp 90 Fachgeschäfte, eine Markthalle sowie Dienstleistungs- und Gastronomiebetriebe Platz finden. Bei aller Euphorie der Stadtoberen befürchten zahlreiche Bürger, dass ein Einkaufszentrum im Herzen der Stadt negative Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Fußgängerzone haben wird, die vermutlich nicht nur eine der schönsten, sondern auch die älteste in ganz Deutschland darstellt (1967 eröffnet).
Diktatur der Shoppingmalls?
In nahezu jeder mittelgroßen deutschen Stadt existiert mittlerweile eine so genannte Shoppingmall. Größter Bauherr und Betreiber von Einkaufszentren ist die ECE Projektmanagement GmbH mit Sitz in Hamburg. Bundesweit hat das Unternehmen mehr als 90 Einkaufszentren realisiert oder in Planung. Eine weitere Expansion ist vorgesehen.
Bei Bekanntwerden der Bauvorhaben ist es nahezu überall zu Protesten gekommen. In Oldenburg sammelte eine Bürgerinitiative 18.000 Unterschriften gegen den "Koloss am Schloss", 780 Einwände sind gegen das Planfeststellungsverfahren erhoben worden. Oberbürgermeister Schütz (SPD) hat sogar seinen Posten an den bekennenden ECE-Gegner Schwandner verloren, der mittlerweile einen Gesinnungswechsel vollzogen hat. Selbiges passierte in Celle und Cottbus.
In erster Linie wird kritisiert, dass traditionelle Einkaufsstraßen unter der Ansiedlung großer Shoppingmalls zu leiden hätten. Große Filialen ziehen in die schicken neuen Gebäude um und lassen leere Flächen zurück. Zudem würde die Kaufkraft von den Einkaufszentren absorbiert. Ansässige Läden und Boutiquen müssten schließen. Vielfach ist von einer zunehmenden Verödung die Rede. Das Oldenburger "Bündnis lebenswerte Innenstadt" bezeichnet das geplante Einkaufszentrum als Gift für eben jene. "Wenn das Center steht, stirbt die City!" befürchten sie. Dass diese Tatsache von verantwortlicher Seite ganz anders gesehen wird, erscheint selbstverständlich. Alexander Otto, Vorsitzender der ECE-Geschäftsführung spricht auf der Website des Unternehmens in einem Artikel mit dem bezeichnenden Namen "Fakten statt Vorurteile" von einem "Instrument der städtebaulichen Reparatur und Revitalisierung." Kunden und somit Kaufkraft sollen in die Innenstadt gelockt werden, zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.
Ein-Euro-Läden und Billigschmuck
Ob all der Diskussionen über die Auswirkungen des neuen Einkaufszentrums, wird schnell übersehen, dass eine Veränderung des Stadtbildes in Oldenburg längst im Gange ist. Und das lange, bevor die Schlosshöfe ihre Pforten geöffnet haben. Das über 100 Jahre alte Fachgeschäft Carl-Wilhelm-Meyer hat bereits 2005 Insolvenz angemeldet. MACO Möbel an der Emsstraße ist pünktlich zum dreißigjährigen Bestehen abgerissen worden, um einem westfälischen Möbeldiscounter Platz zu machen. Das leer stehende Wallkino stellt seit Jahren einen hässlichen Schandfleck mitten in der Stadt dar. Insbesondere in der Fußgängerzone schließen zahlreiche alteingessenen Läden. An ihrer statt schießen große Filialen, austauschbare Ein-Euro-Läden, Shops für Mobiltelefone oder Boutiquen für Billigschmuck aus dem Boden. Der Flair der einstmals so gemütlichen Fußgängerzone mit all seinen kleinen inhabergeführten Geschäften droht bereits jetzt verloren zu gehen.
Wandel der Konsumkultur
Der Konsum ist nach wie vor das "kulturelle Leitbild" unserer Gesellschaft. Ein Großteil der Menschen bezieht seine gesellschaftliche Akzeptanz aus dem, was sie konsumieren. Die nahezu alle Lebensbereiche durchdringende Werbung spielt an dieser Stelle eine gewichtige Rolle. Wenn der Konsument die Wahl hat zwischen einer Filiale von H&M und der kleinen Boutique nebenan, wo es vielleicht die schickere, weil individuellere Mode gibt, fällt die Wahl zumeist auf den Branchenriesen. Letztlich ist die zunehmende Anzahl von Shoppingmalls ein Ausdruck der heutigen Konsumkultur. Der Kunde bekommt das, was er möchte. Einen Ort, wo er aus einem unüberschaubaren Angebot an Mode, Büchern, Elektroartikeln, Parfüms und vielem mehr auswählen kann. Bequem auf mehreren tausend Quadratmetern. Abfällig könnte man auch von "Konsumtempeln" sprechen. Traditionelle Geschäfte, die sich auf den Verkauf von Modelleisenbahnen, Fernsehgeräten oder Nähmaschinen beschränken, scheinen nicht mehr in die heutige Zeit zu passen.
Ob sich die Schlosshöfe tatsächlich zu einer großen Abzugshaube für die städtische Kaufkraft entwickeln oder ob die kleinen Boutiquen und Läden nicht doch von dem zu erwartenden Kundenandrang profitieren können, bleibt abzuwarten. Fest steht aber, dass es die Bürger in Oldenburg und anderswo selber in der Hand haben, wie sich das Bild ihrer Stadt entwickelt. Denn allein sie können entscheiden, ob sie ihr Geld lieber in die große Mall oder die kleine Boutique um die Ecke tragen.
