
- Beinhaus in Poschiavo - Paul-Georg Meister / pixelio.de
Der Tod begleitete die Menschen im Mittelalter auf vielfältige Weise. Ausschlaggebend dafür war nicht nur die hohe Sterberate durch Krankheit, Unfall, Seuchen, kriegerische Auseinandersetzungen und Geburt, auch der christliche Glaube prägte eine Kultur, in der das Gedenken an die Toten einen wichtigen Stellenwert innehatte. In vielen Bereichen traten Tote und Lebende in Kontakt.
Prägung durch die christliche Glaubenswelt
Nichts prägte die Vorstellungen über das Sterben und den Tod dermaßen stark, wie der christliche Glauben. Dieser legte fest, dass sich im Sterbeprozess die Seele vom irdischen Körper löste und diese, je nach Schwere der im Leben begangenen Sünden, in den Himmel oder in die Hölle kam. Es gibt zeitgenössischen Darstellungen, in denen anschaulich dargestellt wird, wie Teufel und Engel um die entweichende Seele kämpfen. Am Tage des Jüngsten Gerichts fuhren, laut Glauben, die Toten aus den Gräbern und kamen in ihrer Körperlichkeit vor den Richtstuhl Christi. Dort entschied sich der finale Aufenthaltsort des Individuums. Nur unversehrte Körper konnten Auferstehen und vor das Endgericht treten, der Körper durfte deswegen auf keinen Fall verbrannt oder zerstückelt werden.
Die Seele – ein kostbares Gut
Da der Zustand der Seele beim Ableben entscheidend für den Aufenthaltsort im Jenseits war, galt ihr im Sterbeprozess besondere Aufmerksamkeit. Durch die letzte Beichte, die Erteilung der Absolution, die letzte Kommunion und durch die letzte Ölung durfte sich der Sterbende gut vorbereitet auf die Reise ins Jenseits begeben. Um dem Sterbenden beim Sterbeprozess mit Gebeten beizustehen, trafen sich Familie, Freunde, Bekannte und Geistliche um das Sterbelager. Ein einsamer Tod war ein schlechter Tod. Der Prozess des Übergangs ins Jenseits galt als gefährlich, da der Sterbende vom Teufel durch schlechte Gefühle und Gedanken auf seine Seite gezogen werden konnte. Der Beistand der Lebenden sollte dies verhindern. Die Angst um die Seele trieb bisweilen seltsame Blüten. Sterbende legten sich auf ein Fell oder ein Strohlager gebettet auf den Boden oder sie traten auf dem Sterbebett einem Orden bei und legten sich die Mönchskutte an. All dies geschah, um im Sterben noch Buße zu tun. Auch das Streuen von Asche auf das Haupt wurde als Bußhandlung praktiziert.
Angst vor dem plötzlichen Tod
Die oben dargestellte Angst der Menschen, mit einer beschmutzten Seele vor das Angesicht Gottes zu treten, war Nährboden für eine unsagbare Furcht davor, eines plötzlichen und unvorbereiteten Todes zu sterben. Denn starb man plötzlich, war die Möglichkeit, die Seele auf dem Sterbebett zu reinigen, zunichte gemacht. Es konnte einem Menschen nichts Schlimmeres passieren. Einzige Abhilfe vor dieser drohenden Gefahr versprach die Anrufung des Heiligen Christopherus, der vor einem plötzlichen Ableben schützen sollte. Da Reisen immer ein erhöhtes Risiko bargen, eines plötzlichen Todes zu sterben, wurde Christopherus ebenfalls zum Schutzpatron der Reisenden.
Der Aberglaube mischt sich in christliche Vorstellungen
Zu komplex ist die Vorstellungswelt des Mittelalters, als dass sich alle Menschen allein nach dem christlichen Glauben gerichtet hätten. Die Vorstellungen rund um den Tod waren durchaus mit abergläubischen Komponenten durchmischt. Das Ritual, dem Toten nach seinem Ableben die Augen zu verschließen, war nicht nur eine Frage der Würde. Es diente auch als Schutz vor dem bösen Blick, mit dem der Tote Lebende mit sich in den Tod reißen konnte. Genau so gefährlich konnte der noch offen stehende Mund eines Verstorbenen sein. Er bildete ein ungeschütztes Tor für die umherirrende Seele, die durch den Mund zurück in den Körper des Toten fahren und diesen zu einem Wiedergänger werden lassen konnte. Die Angst vor dem Wiedergängertum war groß und die Mittel, die dagegen angewendet wurden, waren teilweise drastisch. Es ist bekannt, dass man Tote pfählte, damit sie nicht zu Wiedergängern wurden. Große Steine, die im Grab auf die Brust der Toten gelegt wurden, zeugen ebenso von dieser Angst. Die Kirche verurteilte zwar solche Vorgehensweisen, konnte sie aber nicht komplett unterbinden.
Die Welt der Lebenden trifft auf die Welt der Toten
Mit dem Übergang der Verstorbenen ins Jenseits brach der Kontakt mit den Lebenden nicht ab. Die Hinterbliebenen konnten den Verstorbenen weiterhin ihre Fürsorge zuteil werden lassen, in dem sie ihrer mit Seelen- und Totenmessen gedachten und für sie beteten. Dank der Gebete der Lebenden konnten den Verstorbenen im Jenseits Sünden erlassen werden. So war das Gedenken an die Verstorbenen im mittelalterlichen Leben ein wichtiger Dienst der Hinterbliebenen an die Toten. Eine weitere Begegnungsstätte für Lebende und Tote war der Friedhof. Im Mittelalter war dieser kein Ort von Rückzug und Stille, wie wir ihn heute kennen. Da er meistens um die Kirche angelegt war, diente er verschiedenen Zwecken. Das Areal wurde für Tanzveranstaltungen, Predigten, Märkte, Gerichtsverhandlungen, Bürgerversammlungen und Obrigkeitsversammlungen und auch zum Strafvollzug genutzt. Die Kirche verbot dieses bunte Treiben zwar, war jedoch erst später erfolgreich damit. Im Laufe der Zeit verkümmerte der intensive Kontakt zwischen Lebenden und Toten. Heute gibt es kaum noch Berührungspunkte und der Umgang der Menschen im Mittelalter mit dem Tod dürfte daher eher befremdlich auf uns wirken.
Quellen:
- Norbert Ohler, Sterben und Tod im Mittelalter, dtv Verlag, München, 1993
- Philippe Ariès, Geschichte des Todes, dtv Verlag, München, 1991
- Alois M. Haas, Todesbilder im Mittelalter, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1989
