
- Wim Wenders dreht PINA - Pressefoto
Wim Wenders (65) war seit den 80er-Jahren mit der Choreografin Pina Bausch befreundet, mit der er jahrelang einen Film realisieren wollte. Als er endlich die Form gefunden hatte um ihre Arbeit darzustellen und mit dem Film beginnen konnte, starb die Freundin überraschend. Nachdem er „den Stecker zog“ und die Dreharbeiten einstellte, überzeugten ihn die Tänzerinnen und Tänzer weiterzumachen. Ich sprach mit Wim Wenders in Berlin vor der Premiere von „Pina“ auf der Berlinale.
Hw. Kruse: Sie haben Pina Bausch erst relativ spät entdeckt?
Ich habe den Aufstieg von Pina als Erfinderin einer neuen Kunst nicht mitbekommen weil ich in den USA lebte. Erst 1985, also ein bisschen spät, habe ich zum ersten Mal ihr Tanztheater gesehen und wurde ein glühender Verehrer. Was sie da machte, hat kein Mensch je im Kino gemacht, soweit ist niemand gegangen in der Erforschung von dem, wonach wir uns sehnen, was Frauen und Männer zueinander treibt, auseinander treibt. Natürlich gibt es Kino mit großen Emotionen, aber das Kino ist nie so weit gegangen wie das Tanztheater der Pina Bausch.
Hw. Kruse: Seit mehr als zwanzig Jahren wollten Sie mit ihr einen Film machen?
Pina wollte das dringend machen aber ich sagte immer, ich weiß nicht wie es geht. Vor vier Jahren sah ich einen kleinen 3D-Film von der Rockgruppe U2 und dachte, ja, das ist der Weg. Mit diesem Medium kommt der Raum dazu, dadurch kann ich mit auf die Bühne, kann mit eintreten in den ureigenen Raum, in dem Tanztheater sich abspielt.
Aber die Technik war noch nicht gut genug um natürliches, fließendes, elegantes 3D aufzunehmen. Man konnte supergute Animationsfilme machen aber die Realaufnahmen waren schlecht. Das sieht man in „Avatar“, wo im Hintergrund wirkliche Menschen herumlaufen, die ruckeln und zappeln da ’rum und bewegen sich nicht flüssig. Dieses wunderschöne Theater muss aber elegant gefilmt werden! Wir arbeiteten dann lange an der Technik, aber als wir endlich beginnen konnten, tja, da war es zu spät…
Hw. Kruse: Was für ein Film ist „Pina“ eigentlich?
Das ist der Film, den ich mit einer Freundin machen wollte und den ich dann ohne sie machen musste. Die Dreharbeiten waren eine Trauerarbeit für die Tanzenden, aber diese Trauerarbeit ist nicht unbedingt eine traurige Arbeit gewesen. Pina hat ja ihre witzigsten Stücke in Zeiten gemacht, in der es ihr nicht gut ging.
Wir wussten alle nicht wo das hinführt als wir anfingen und uns langsam vortasteten. Über ein Jahr lang drehten wir, länger als geplant, weil wir immer suchten. Das war ein Prozess der in vieler Hinsicht dem ähnelte, wie Pina ihre Stücke entwickelt hat.
Hw. Kruse: Gehört die Zukunft dem 3D-Kino?
Im Bereich Animation und Blockbuster, also großen Produktionen, da hat es sich ja schon etabliert und da sieht man, was es zu bieten hat. Wo 3D noch mehr kann und in Zukunft sein Potential überhaupt erst ausschöpfen wird, ist im Dokumentarfilm. Für den Arthouse-Film ist 3D ja nun nicht unbedingt besser für eine Geschichte. Im Dokumentarfilm aber ist es wichtig, Leute in den Arbeits- und Lebensbereich anderer Menschen mit hinein zu nehmen. Das finde ich wahnsinnig aufregend! Die Arthouse-Kinos müssen natürlich die Chance bekommen dabei zu sein.
Hw. Kruse: Aber die meisten Arthouse-Kinos können sich doch diese sehr teuren 3D-Geräte mit den extrem hohen Auflösungen nach amerikanischem Standard gar nicht leisten…
Das ist genau der wunde Punkt! Eigentlich muss es von der Technik her diese Norm nicht geben, die ist völlig unsinnig. Welche Normen angesetzt werden bestimmt allein die Großindustrie, die diktieren die Normen, die wollen unter sich bleiben!
Wir wollen die Arthouse-Kinos natürlich nicht fallen lassen, deshalb kommt jetzt ganz bald die 2D-Fassung, die sieht auch ganz schön aus aber hat halt nicht das Raumerlebnis!
Hw. Kruse: Wie finden Sie es, wenn „Black Swan“ in einem Atemzug mit „Pina“ genannt wird?
Man kann die Leute nicht daran hindern Unfug zu schreiben!
