Im Haus des Jugendrechts wird schneller statt härter bestraft

Haus des Jugendrechts - Landespolizeidirektion Stuttgart
Haus des Jugendrechts - Landespolizeidirektion Stuttgart
Polizei, Staatsanwaltschaft und Pädagogen kümmern sich im Stuttgarter Haus des Jugendrechts gemeinsam um junge Intensivtäter. Das Modell hat Schule gemacht.

Oft ist es die Ahnungslosigkeit vieler Eltern, von der die Mitarbeiter der Stuttgarter Jugendgerichtshilfe immer wieder überrascht sind. So wie im Fall eines 16-jährigen Schülers, über dessen Leben die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft offensichtlich wesentlich mehr wussten als seine Eltern. Gegen den Jugendlichen lagen damals bereits etliche Anzeigen wegen Körperverletzung vor, erinnert sich Donald Bließ, der Leiter der Jugendgerichtshilfe. Zudem hatte die Schule Alarm geschlagen, weil der 16-Jährige oft schwänzte oder rabiat gegen Mitschüler auftrat, wenn er doch einmal in der Klasse auftauchte. Doch als Mitarbeiter vom Haus des Jugendrechts die Eltern mit den Straftaten ihres Sohnes konfrontierten, blickten sie in ratlose Gesichter: „Sie wussten nichts davon“, sagt Donald Bließ.

Haus des Jugendrechts als bundesweit einmaliges Modellprojekt

Für die Polizisten und Juristen aus dem Haus des Jugendrechts sind Erfahrungen dieser Art nichts Neues. Seitdem das damals bundesweit einmalige Modellprojekt im Jahr 1999 in Bad Cannstatt in Betrieb genommen wurde, haben die zwischenzeitlich rund 20 Mitarbeiter von Jugendamt, Polizei und Staatsanwaltschaft immer wieder mit solchen Fällen zu tun. „Wir sind oft die Ersten, die merken, dass jemand dabei ist, eine kriminelle Karriere zu starten“, sagt Rainer Rudat, Experte für Jugendkriminalität bei der Stuttgarter Polizei.

Die beteiligten Behörden sind unter einem Dach untergebracht

Das Prinzip, das im Haus des Jugendrechts erfolgreich praktiziert wird, sieht vor, Jugendliche nach einer Straftat zeitnah und in ihrem direkten Umfeld zur Verantwortung zu ziehen. Um schneller eingreifen zu können, sind die beteiligten Strafverfolgungsbehörden unter einem Dach untergebracht, einschließlich der Jugendrichterinnen vom Amtsgericht Stuttgart, die ebenfalls schon frühzeitig informiert werden. „Es hat sich gezeigt, dass vor einer Verhandlung die Motivation, etwas zu verändern, besonders hoch ist“, sagt Rudat. Beschleunigend wirkt die Kooperation zudem: So hatte eine wissenschaftliche Begleitstudie bestätigt, dass die Verfahrensdauer erheblich verkürzt werden konnte. Im Jahr 1998 dauerte ein Verfahren von der Anzeige bis zum Urteil 230 Tage, 2009 waren es nur noch hundert Tage. Und ein Drittel aller Gerichtsverhandlungen konnten vergangenes Jahr bereits einen Monat nach der Tat geführt werden.

Von der Experimentierwerkstatt zur festen Institution

Zwischenzeitlich ist aus der „Experimentierwerkstatt zur frühzeitigen Reaktion bei Jugendkriminalität“, wie sie anfangs genannt wurde, längst eine feste Institution mit einer weitreichenden Impulswirkung geworden. Mehr als 1.000 Tatverdächtige wurden vergangenes Jahr in 740 Fällen im Verfahren begleitet, parallel dazu werden vor allem von der Polizei noch etliche Kooperationen mit Schulen und Jugendeinrichtungen unterhalten, um rechtzeitig „bedenkliche Entwicklungen“ erkennen zu können, sagt Rainer Rudat. Die Straftäter in ein Erziehungscamp zu stecken, wie das von manchen Politikern gefordert wurde, sei der falsche Weg.

Delegationen aus dem In- und Ausland sind zu Besuch in Stuttgart

Regelmäßig sind im Haus des Jugendrechts Delegationen aus ganz Deutschland und auch dem Ausland zu Besuch. Kurzlich etwa hatten sich Staatsanwälte, Richter und Polizisten aus Köln angekündigt, demnächst wird eine Abordnung aus Augsburg erwartet. Längst sei das Stuttgarter Modell auch schon von zahlreichen anderen Städten und Bundesländern übernommen worden, sagt Rudat, etwa auch von Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Köln, Ludwigshafen oder Gera. Als nächste Stadt will Trier bis 2011 ein ehemaliges Kasernengebäude zu einem Haus des Jugendrechts umbauen.

In Deutschland haben die Bundesländer unterschiedliche Konzepte im Kampf gegen die Jugendkriminalität entwickelt. Baden-Württemberg hat unter anderem das Programm „Jugendliche Intensivtäter“ aufgelegt. Erfasst werden dabei zunächst vor allem Täter, die in kurzem Abstand besonders häufig aktenkundig werden - unabhängig von der Schwere ihrer Tat. Anschließend filtern Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendamt gemeinsam jene Täter heraus, bei denen sie einschreiten wollen, bevor es zu noch schwerwiegenderen Delikten kommt. Als erster Schritt werden dazu Gespräche anberaumt: mit dem Jugendlichen selbst und mit den Eltern.

Den jugendlichen Tätern eine langfristige Perspektive bieten

Wenn Jugendliche gewalttätig werden, richtet sich diese Aggression meist gegen Gleichaltrige. Der Oberstaatsanwalt Gernot Blessing kennt jene Biografien, die schon früh aus dem Lot geraten sind. In der Landeshauptstadt Stuttgart beispielsweise sind derzeit rund 80 sogenannte jugendliche Intensivtäter aktenkundig. Knapp die Hälfte von ihnen besitzt keinen deutschen Pass. Die politische Debatte über Erziehungscamps hat Blessing nicht nur deshalb mit gemischten Gefühlen verfolgt, weil das Wort Camp für ihn „kein schöner Begriff ist". Mit Drill und Entwürdigung erziele man bestenfalls kurzfristig Effekte, glaubt er. "Wir müssen den Tätern längerfristige Perspektiven aufzeigen." Jugendliche Straftäter könnten nur dann auf den rechten Weg zurückgeführt werden, wenn sie eine Chance auf einen Ausbildungsplatz erhielten.

Markus Heffner, Markus Heffner

Markus Heffner - Informatik studiert, als Softwareentwickler gearbeitet, den Bettel hingeworfen, an der Uni Hohenheim Kommunikationswissenschaften ...

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