Die Kriminalität in Boston ist für amerikanische Verhältnisse recht hoch. Über 300 Banküberfälle finden in der Metropole am Atlantik jährlich statt. Viele der Bankräuber leben im heruntergekommenen Stadtviertel Charlestown. Zu ihnen zählt auch Doug MacCray (Ben Affleck), ein charmanter junger Mann, der zu weit mehr als zum Meisterdieb taugt, jedoch auf Grund seines Lebensumfelds einst in die Fußstapfen des kriminellen Vaters trat.
Als Anführer einer Bande gnadenloser Räuber plant er die Überfälle bis ins letzte Detail, so dass Polizei und FBI die Truppe nie verhaften konnte. Dougs rechte Hand ist Jem (Jeremy Renner), ein hitzköpfiger, gefährlicher Gangster. Hatte die Bande bisher immer die Kontrolle über ihre Aktionen, so gerät ihr Leben heftig durcheinander, als Jem beim jüngsten Banküberfall die Angestellte Claire (Rebecca Hall) als Geisel nimmt. Claire wohnt ebenfalls in Charlestown. Nach ihrer Freilassung erinnert sie sich an Jems Tattoo und wird damit zur tickenden Zeitbombe. Da Doug weiß, wie skrupellos sein Kumpel sein kann, beschließt er Claire auszuhorchen. Als er sich zusehends in die hübsche Bankangestellte verliebt und eine enge Beziehung zu ihr aufbaut, bringt er seine Missionen und seine Komplizen in Gefahr. Doug und Jem geraten aneinander und die FBI-Sondergruppe unter Leitung des dreisten Agenten Adam Frawley (Jon Hamm) kommt ihnen gefährlich nahe.
„The Town“: Kompromissloser Krimi trifft auf authentischen Liebesfilm
Wie bereits Afflecks erste Regiearbeit „Gone Baby Gone“ (2007) spielt auch „The Town“ im unteren sozialen Milieu. Bostons Unterschicht mit all ihren Problemen wird auf intelligente Art in eine Krimigeschichte verpackt, die brillant fotografiert wurde. Affleck versteht es dabei Spannung auf drei Ebenen zu erzeugen. Einerseits fasziniert die perfide, von Lügen durchsetzte Liebesgeschichte zwischen Doug und Claire, die zwar in der Gefahr kitschig zu sein steht, aber nie diese Grenze überschreitet – Rebecca Halls authentischer Darbietung sei Dank. Eine zweite Spannungsebene bilden die Überfälle, die zusehends spektakulärer, für Dougs Team aber auch riskanter werden. Das Timing ist punktgenau, die Bilder sind fulminant trotz bescheidenem Produktionsbudget. Besonderes Schmankerl: „Saturday Night Live“-Komiker Jon Hamm überzeugt als zynisch-cleverer FBI-Agent, der die Bande endlich fassen will. Der dritte Spannungsbogen liegt in der emotional hoch brisanten Beziehung zwischen dem einfühlsamen, intelligenten Doug und dem eiskalten, unberechenbaren Jem. Nachdem Doug ernsthafte Gefühle für Claire entwickelt und daran denkt, aus dem Raubgeschäft auszusteigen, reagiert Jem zusehends unbeherrschter und aggressiver.
Hollywoods große Themen: Liebe, Treue, Gewalt und Verrat
Ben Affleck arrangiert die großen Themen Liebe, Treue, Gewalt und Verrat vor Bostons Kulisse. „The Town“ ist deshalb sowohl Ganoventhriller als auch Liebesfilm, doch vor allem eines: eine Liebeserklärung an die vergessenen Viertel der Hafenstadt. Die Menschen in Charlestown sind nicht grundlos schlecht, sondern haben sich irgendwann mit ihrer sozialen Situation arrangiert. In bester Shakespeare-Manier zieht sich im Verlauf des Films die Schlinge sowohl um die Bankräuber und ihre immer gefährlicheren Überfälle als auch um die dramatische Liebesgeschichte zu. Die Ereignisse verdichten sich gen Ende und kulminieren in einem Showdown in Bostons Footballstadion.
„The Town“ markiert Ben Afflecks Rückkehr zum intelligenten Mainstream-Kino
Es muss hart für Ben Affleck gewesen sein, aus dem Karriereloch wieder aufzutauchen. Nach der skandalösen Beziehung zu Pop-Ikone Jennifer Lopez war die Schauspielkarriere des Hollywoodschönlings so gut wie zu Ende. Mit Ausdauer und Beharrlichkeit blieb er seinem Fach treu und besann sich auf seine Stärken. Mit der Drehbuch- und Regiearbeit des anspruchsvollen Dramas „Gone Baby Gone“ hat Affleck gezeigt, dass neben Schauspielerei und Skandalen echtes Regietalent in ihm steckt. Mit seinem neuen Thriller beweist er, dass er über die nötige Energie für Drehbuch, Regie und Hauptrolle verfügt und einen packenden Heist-Thriller mit Tiefgang kreieren kann. Wenn Affleck in diesem Stil weitermacht, kann er problemlos mit Genregrößen wie Martin Scorsese („Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“, „The Departed – Unter Feinden“), Clint Eastwood („Mystic River“, „Gran Torino“) und Michael Mann („Collateral“, „Public Enemies“) genannt werden. Ein Oscar für „The Town“ im kommenden Frühjahr ist nicht ausgeschlossen. Ein finanzieller Erfolg des Streifens auch nicht. In den USA spielte der Film in den ersten zwei Wochen bereits 50 Millionen US-Dollar ein.
„The Town – Stadt ohne Gnade“ läuft seit 23. September 2010 im Kino.
Originaltitel: „The Town“
Regie: Ben Affleck
Produktion: Legendary Pictures,USA, 2010
Verleih: Warner Bros.
Darsteller: Ben Affleck, Jeremy Renner, Rebecca Hall, Jon Hamm, Blake Lively
