
- Filmplakat „Benjamin Button“ - Warner Bros.
Benjamin kommt als greisenhaftes und mit allerlei Gebrechen geschlagenes Baby zur Welt. Seine Kindheit verlebt er passenderweise im Altersheim, wo so ein verschmitztes und stets zu Streichen aufgelegtes Hutzelmännlein wie er gar nicht besonders auffällt. Als er größer wird, verjüngt sich Benjamin zusehends, und irgendwann sieht er aus wie Brad Pitt – und schon bald wie Brad Pitt, der soeben durch die Altweibermühle gegangen ist. Unheimlich jung. Man ahnt schon, wie die Geschichte ausgeht. Aus dem alten Knaben wird schließlich ein kindlicher Greis, der dem Tod in der Wiege entgegensieht.
Das hört sich alles höchst merkwürdig an? Nun, der Film heißt nicht umsonst "Der seltsame Fall des Benjamin Button“. Aber aus der Inhaltsangabe allein geht bestimmt nicht hervor, warum der Streifen 13 Oscar-Nominierungen erhalten hat. Dafür muss man schon ein bisschen Lebenszeit investieren: 166 Minuten, um genau zu sein.
"Benjamin Button": Der Mann, der jeden Tag ein bisschen jünger wird
Ganz am Anfang wird man sich noch fragen, ob es eine gute Idee war. Der Film über den Mann, der am letzten Tag des Ersten Weltkriegs geboren wurde und sein Leben sozusagen verkehrt herum lebt, beginnt reichlich düster, und der Erzählfluss mäandert so langsam dahin. Dem Sog der bizarren Story, die in New Orleans beginnt, kann man sich jedoch nicht lange entziehen. In der Originalfassung "The Curious Case of Benjamin Button" trägt der melodische Südstaaten-Singsang der Hauptfiguren viel dazu bei – vor allem Benjamins schwarze Pflegemutter, die warmherzige Queenie (Taraji P. Henson, nominiert für die beste weibliche Nebenrolle), ist einfach zum Küssen. Und dann wird auch das Treiben immer bunter.
Drehbuchautor Eric Roth wurde für seine Lust am Fabulieren schon bei "Forrest Gump“ mit einem Oscar belohnt – bei "Der seltsame Fall des Benjamin Button" durfte er sich wieder einmal richtig austoben. Der Stoff basiert auf einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald, die lange als unverfilmbar galt. Dass so ein Film heute möglich ist, mag man als technischen Triumph betrachten; störend wirkt dabei allenfalls, dass man ständig versucht, Brad Pitts Züge unter dem dicken Make-up des knittrigen Männleins zu erkennen.
Pitt hatte darauf bestanden, die Figur in allen Altersstufen – ausgenommen im Babyalter – zu spielen, und dafür brauchte es mehr als vielstündige Sitzungen in der Maske: Sein Kopf wurde digital auf den Körper eines kleinwüchsigen Schauspielers gepfropft. Die Faxen des jungen Benjamin sind per Computeranimation am Bildschirm entstanden.
Brad Pitt und starke Frauen – auch die Schauspielerinnen beeindrucken
Als ein Rotschopf mit Stupsnase auftaucht, ist es um Benjamin geschehen. Die kleine Daisy entdeckt schnell, dass sich ein Kindskopf unter der Glatze verbirgt. Daisy (im Erwachsenenalter gespielt von Cate Blanchett) wird Benjamins große Liebe. Aber erst einmal muss er noch in die weite Welt hinaus; er heuert auf einem Schiff an, das ihn in ferne Gewässer und schließlich in eine Seeschlacht im Zweiten Weltkrieg bringt. Zwischendurch hat er in einem russischen Hotel noch eine Affäre mit der Engländerin Elisabeth, verkörpert von Tilda Swinton – an beeindruckenden Schauspielerinnen mangelt es in diesem Film gewiss nicht.
Den Wechselfällen des Lebens steht Benjamin erstaunlich unbeteiligt gegenüber, und auch sein eigenes Schicksal hat er offenbar klaglos akzeptiert. Ein Einfaltspinsel also? Nicht ganz, denn immerhin führt er Tagebuch. Dieses Tagebuch ist im Film der Grund, warum wir überhaupt von der Geschichte erfahren – in der Rahmenhandlung lässt eine alte Frau auf dem Sterbebett ihre Tochter aus den Aufzeichnungen Benjamins vorlesen. Der Ort: ein Krankenhaus in New Orleans zur Zeit des Hurrikans Katrina. Während draußen der Sturm tobt und irgendwann die Deiche brechen, versinkt die Tochter (Julia Ormond) ganz in den Erinnerungen des Benjamin Button. Welche Rolle sie in dieser Geschichte spielt, wird sie bald erfahren.
Benjamins Tagebuch und Hurrikan Katrina bilden die Rahmenhandlung
Die karge Krankenhauseinrichtung steht dabei im Kontrast zur zentralen Handlung des Films, die in immer leuchtenderen Farben erscheint. In der opulenten Kino-Erzählung, von Regisseur David Fincher geradezu verschwenderisch inszeniert (Kamera, Ausstattung, Kostüme, Schnitt, Maske, Sound und digitale Effekte sind nominiert) geht es dabei immer wieder um das Eine: den Tod. Egal, von welcher Seite man sich ihm nähert – das Ende ist unausweichlich. Und so kommen alle Handlungsstränge zusammen.
Langsam aber sicher zu altern mag unerfreulich sein; Jüngerwerden macht jedoch genauso wenig Spaß, wie sich an Benjamins Beispiel zeigt. Obwohl es zunächst anders aussieht: Als die Welt nach dem Krieg immer moderner wird und die Autos neu und glänzend aussehen wie noch nie, ist der Held im Zenit seines Lebens angekommen. Und für eine kurze Zeit begegnen sich Benjamin und Daisy auf der derselben Lebensstufe. Aber schon wird klar, dass sie sich bald verlieren. Oder wie es Benjamin ausdrückt: „Ich dachte gerade, nichts währt ewig, und was für ein Jammer das ist.“
Update vom 23.02.09: Für 13 Awards nominiert, kann das Filmepos "Benjamin Button" letztendlich gerade mal drei Oscars verbuchen – für Spezialeffekte, für die Ausstattung und fürs Make-up. Trostpreise.
"Der seltsame Fall des Benjamin Button" (USA 2008)
Originaltitel: "The Curious Case of Benjamin Button"
Regie: David Fincher
Kinostart in Deutschland: 29. Januar 2009
Verleih: Warner Bros.
Laufzeit: 166 Minuten
