Zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls im Herbst 2009 wurden im Fernsehen ja haufenweise Filme und Reportagen gesendet. Den flockigsten Beitrag zum Thema liefert, wenn auch mit ein paar Monaten Verspätung, der Kinofilm „Friendship!“. Die Komödie des bisher weitgehend unbekannten Regisseurs Markus Goller erzählt die Geschichte der beiden besten Freunde Tom (Matthias Schweighöfer) und Veit (Friedrich Mücke), die in der DDR aufgewachsen sind. Als die Mauer fällt, sind sie um die 20 – und beschließen spontan, die neue Freiheit mit einem Trip nach San Francisco zu feiern.
55 Dollar und ein schlechteres Englisch als Günther Oettinger
Dass das Begrüßungsgeld nur für einen Flug nach New York reicht, ist ihnen erst mal egal. Dann wird der Rest der Strecke eben getrampt! Ein abenteuerliches Unterfangen für zwei Jungs, die bisher nie weiter gen Westen gekommen sind als bis nach Wernigerode im Harz. Dass die Distanzen in den USA etwas größer sind als daheim, schreckt die beiden nicht ab. Ebenso wenig, dass sie außer ein paar Klamotten und zwei selbst gedrehten Super 8-Filmen nur lumpige 55 Dollar im Gepäck haben und ihr Englisch noch lückenhafter ist als das von Günther Oettinger.
Letzteres erweist sich am Ende sogar noch als Segen. Mangels profunderer Sprachkenntnisse stellen sie sich den Einheimischen als „Communists from East Germany“ vor – und erkennen schnell, dass sich aus der Neugier der Amis auf diese unbekannte Spezies gut Kapital schlagen lässt. Und so drehen die beiden Schlitzohren den Bewohnern eines Provinzkaffs selbst bemalte Betonklötze als Teile der Berliner Mauer an, und in Las Vegas verdingen sie sich als Stripper, die in russischen Uniformen zu den Klängen der DDR-Hymne blank ziehen. Beides bessert die Reisekasse zumindest kurzfristig auf.
Regisseur Markus Goller gelingt mit „Friendship!“eine wunderbare sensible Komödie
Was nach Klamotte klingt, ist in Wahrheit eine wunderbar sensible Komödie. Bei allen vordergründigen (meist exzellenten) Gags stellt die Geschichte nämlich stets die besondere Beziehung der beiden Kerle ins Zentrum. Tom ist der Draufgänger, Veit etwas stiller – trotzdem passt zwischen die beiden kein Blatt. Sie sind Freunde fürs Leben, das merkt der Zuschauer gleich. Selbst als Tom erkennt, dass Veit ihm den wahren Zweck ihrer Reise verheimlicht hat, ist das schnell vergeben. Auch die Eifersüchteleien, die ihre hübsche Reisebekanntschaft Zoe (Alicja Bachleda) zwischen ihnen heraufbeschwört, sind nicht von Dauer. Am Ende ist es doch nur ihre Freundschaft, die zählt.
„Friendship!“ ist ein humorvoller, kluger Film über zwei charismatische Vertreter jener besonderen Generation, die in der Blüte ihrer Jahre aus einer untergegangenen Heimat gerissen und in eine völlig neue Welt verpflanzt wurde. Wie Tom und Veit beim ersten Hotdog ihres Lebens vor Freude fast durchdrehen, ist witzig – aber eben auch rührend. Und bei allen Lachern, die das aufgekratzte Road-Movie bietet, bleibt am Schluss eine Spur Beklemmung. Denn das Finale hat für Veit eine Wendung parat, die bei allen vorherigen „Communist“-Witzen zeigt, dass die DDR nicht nur ein komisches Land war. Sondern auch eines, das seine Bürger mit eiskaltem Zynismus und unmenschlichen Methoden triezte.
Film-Vorlage waren Erlebnisse des Produzenten Tom Zickler
Trotzdem: Über 110 Minuten überwiegen die komischen Momente bei Weitem. Auf ihrer Odyssee quer durch die USA erleben Tom und Veit im Minutentakt merkwürdige Episoden und treffen viele skurrile Figuren. Sie geraten an einen durchgeknallten Cartoon-Zeichner, der sich an präparierten Äpfeln berauscht. Und an den schießwütigen Vater zweier Südstaaten-Schönheiten, der sie mit seiner Flinte bedroht. Ein andermal gabelt eine Gang zotteliger Harley-Fahrer sie auf, von denen einer den Jungs aus heiterem Himmel einen schnittigen Sportwagen ausleiht. Und eine Nacht verbringen Tom und Veit durch eine Verkettung skurriler Umstände (und nackter Tatsachen) sogar im Gefängnis.
Selbst an einem tristen, trüben Winterabend macht „Friendship!“ garantiert gute Laune. Und das deutsche Publikum nimmt das Angebot an: Am 14. Januar 2010 gestartet, schoss der Film aus dem Stand auf Platz 2 der Besucher-Rangliste. Nur an „Avatar“ war kein Vorbeikommen. Aber im Gegensatz zu James Camerons bombastischem Hightech-Scifi-Märchen ist die Geschichte der Freundschaft von Tom und Veit nicht erfunden: Sie basiert auf den Erlebnissen des Filmproduzenten Tom Zickler (auch „Zweiohrküken“, „1 ½ Ritter“), der die abenteuerliche Reise nach der Wende tatsächlich gemacht hat.
