Im Kino: Johnny Depp in "Public Enemies"

Michael Manns Krimi mit 1930er-Kulisse ist akribisch recherchiert

Filmplakat „Public Enemies“  - Universal Pictures
Filmplakat „Public Enemies“ - Universal Pictures
Als Amerikas Gangster längst ihrem eigenen Mythos aufgesessen waren, rüstete das FBI zum Kampf gegen Staatsfeinde wie John Dillinger. Ein Film über das Ende einer Epoche.

„Public Enemies“, zu Deutsch „Staatsfeinde“, spielt zu einer Zeit, als Männer in Amerika noch Hüte trugen und Bankräuber den Status von Hollywoodstars hatten – jedenfalls, wenn sie Bonnie und Clyde hießen. Der Ruhm von John Dillinger, im Film verkörpert von Johnny Depp, mag an den des legendären Gangsterpärchens nicht ganz heranreichen, aber auch er hatte seine Bewunderer und galt manchen als moderner Robin Hood. In der Großen Depression waren Banken nicht gerade Sympathieträger, und ein gelungener Coup sorgte stets für Schadenfreude. Außerdem ließ Dillinger den Bankkunden das Geld, das sie gerade abgehoben hatten, und seine Überfälle hatten Stil. Leichtfüßig setzte er über Bankschalter und andere Hindernisse, und ebenso elegant machte er sich wieder aus dem Staub. Johnny Depp spielt das sehr schön, und auch der Fedora, ein weicher Filzhut mit breiter Krempe, steht ihm ausgezeichnet. Wie leicht vorauszusehen war, hat die amerikanische Filmkritik Depp bereits zum „sexiest gangster ever“ erklärt. Zu Recht.

Johnny Depp spielt John Dillinger, den Gangster mit Starallüren

Aber wie tickte der Mann, der im Film einen jungen Edgar Hoover dazu bringt, „im Namen von Amerika den ersten Krieg gegen das Verbrechen“ auszurufen? Tatsächlich geht die Gründung der Bundespolizei FBI auf die Epoche der public enemies zurück. „Ich bin John Dillinger. Ich raube Banken aus“, erklärt der Gangster bei seiner ersten Begegnung mit der bezaubernden Billie Frechette (Marion Cotillard), die seine große Liebe wird. Und viel mehr erfährt auch der Zuschauer nicht über Dillinger, der nach neun Jahren Haft das Leben in vollen Zügen genießen will. Gefühle zeigt er höchstens einmal, wenn er mit seinem Mädchen zusammen ist.

Dillinger überfällt Banken in Chicago, um „Geld zu verdienen“, und das FBI will dies mit allen Mitteln verhindern: Über weite Strecken des Films geht es schlicht Cop gegen Gangster. Regisseur Michael Mann, der im Krimi-Genre schon länger zu Hause ist („Heat“, „Collateral“), bietet auch bei Dillingers Gegenspieler nicht gerade eine Charakterstudie, was allerdings ebenso auf das Konto das Darstellers geht: Christian Bale kann als FBI-Agent Melvin Purvis nicht wirklich überzeugen; er wirkt in dieser Rolle kalt und blutleer. Und so weiß das Publikum nicht recht, auf welche Seite es sich schlagen soll: Mann glorifiziert Dillinger zwar nicht ausdrücklich, aber die Sympathien liegen eindeutig beim Schurken der Geschichte.

Befriedigend ist das allerdings nicht. Der Widerspruch zwischen der scheinbaren Leichtigkeit des Gangsterlebens und der brutalen Natur der Verbrechen – Dillinger ist für den Tod mehrerer Polizisten verantwortlich – bleibt letztlich einfach so stehen. Man erfährt nur, dass der Bankräuber sehr um seinen Ruf besorgt war: Auf das Angebot, bei einem Kidnapping mitzumachen, geht er nicht ein. Wer mag schon Kidnapper?

Andere Figuren in "Public Enemies" bleiben merkwürdig profillos

Besonders nachlässig verfährt der Regisseur mit dem Rest der „Public Enemies“, sprich: Dillingers Gang, darunter so berüchtigte Bankräuber wie Baby Face Nelson (Stephen Graham). Keine einzige Figur wird ordentlich eingeführt, und der Zuschauer hat Mühe, einzelne Bandenmitglieder auseinanderzuhalten. Irgendwelche besonderen Merkmale gehen ohnehin im Maschinengewehrfeuer unter. Schlimmer noch: Bei einigen Verfolgungsszenen, vor allem in Little Bohemia, weiß man Ende nicht mehr, wer hier eigentlich hinter wem her ist. Die vielen Schießereien wirken ermüdend. Und irgendwann beschleicht einen das Gefühl, man habe die besten Szenen längst gesehen – nämlich im Trailer in der Vorschau.

Dafür überzeugt „Public Enemies“, dessen Skript auf dem gleichnamigen Buch von Bryan Burroughs basiert, mit einem sorgfältig recherchierten historischen Hintergrund. Die 13 Monate aus Dillingers Leben, die der Film beschreibt, orientieren sich zwar nur grob an den biografischen Daten, aber dafür war der Regisseur fast obsessiv bemüht, eine authentische Kulisse aus den Dreißigern zu rekonstruieren. Michael Mann habe sogar Straßenbahnschienen verlegen lassen, staunt der bekannte Chicagoer Filmrezensent Roger Ebert, der in der Nähe des Drehortes wohnt. Ebenfalls bemerkenswert: Johnny Depp adoptierte für die Produktion den fast schon südlichen drawl der Bewohner von Indiana, wo Dillinger aufwuchs, und die Französin Cotillard (für ihre Edith Piaf in „La vie en rose“ mit dem Oscar ausgezeichnet) spricht in der Originalversion das typische Englisch des Mittleren Westens, das sie akzentfrei hinbekommt – erstaunlich, was ein Sprachcoach erreichen kann. Billie Frechette war französisch-indianischer Abstammung, das erklärt die Besetzung.

Der Bankräuber Dillinger gilt mancherorts bis heute als Volksheld

Nach Möglichkeit drehte Mann an Originalschauplätzen, was zumindest im Falle der bereits erwähnten Little Bohemia Lodge kein großer Aufwand war: Der rustikale Waldgasthof im Norden des Bundesstaates Wisconsin ist seit Dillingers Zeiten praktisch unverändert – bis heute sieht man die Einschusslöcher der Schießerei von 1934, die sich der Bankräuber und seine Kumpane mit dem FBI lieferten. Dillinger konnte damals entwischen, musste allerdings Koffer und Kleider zurücklassen. Die Garderobe des Gangsters mit Volkshelden-Status ist bis heute dort ausgestellt; der Kostümschneider konnte sie für die Produktion einfach kopieren.

Dillinger scheint es in den nördlichen Wäldern allerdings nie lange ausgehalten zu haben – auch im Film zieht es ihn immer wieder nach Chicago zurück, in die Höhle des Löwen, was ihn bei Gelegenheit zu einem amüsanten kleinen Schelmenstück animiert. Vor allem kann man in der Großstadt ins Kino gehen. Dass Dillinger zum Finale den schnulzigen Krimi „Manhattan Melodram“ im Biograph Theater anschaut, ist dokumentiert: Den Gangster in jenem Film spielt Clark Gable. Es nimmt kein gutes Ende mit ihm.

"Public Enemies" (USA 2009)

Originaltitel: "Public Enemies"

Regie: Michael Mann

Kinostart in Deutschland: 6. August 2009

Verleih: Universal

Laufzeit: 143 Minuten

Cornelia Schaible, Cornelia Schaible

Cornelia Schaible - Geboren 1963, verbrachte nach dem Abitur ein Jahr in Marseille, studierte anschließend Germanistik sowie Allgemeine ...

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