Immer wieder klagte der 13jährige Christoph seiner Mutter Silvia K., er sei zu müde, um in die Schule zu gehen, habe Kopf - oder Bauchschmerzen. "Mein Sohn hat nicht simuliert", betonte Frau K. man konnte ihm ansehen, dass es ihm nicht gut ging. Allerdings fand er bei den Lehrern wenig Verständnis, stattdessen wurde er als Simulant und Schulverweigerer abgestempelt.
Depressionen und andere Störungen im Jugendalter
Der Psychologe Ludwig Bilz von der TU Dresden warnt, man dürfe psychische Auffälligkeiten nicht sofort als typisches Merkmal des Erwachsenwerdens abtun und leichtfertig von Banalitäten sprechen. Seiner Ansicht nach beeinflusst die Schule die psychische Gesundheit junger Menschen viel stärker, als bislang angenommen. In einer 2008 groß angelegten Studie mit über 4400 Kindern an sächsischen Gymnasien im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation hat er festgestellt, dass Depressionen, Ängste und psychosomatische Erkrankungen viel weiter verbreitet sind als bisher angenommen. "In den letzten Jahren haben sie sogar zugenommen", erläutert er in einem Interview der GEW Zeitschrift "Erziehung und Wissenschaft". Bilz wies nach, dass Schüler, die gemobbt wurden, ein deutlich höheres Risiko aufwiesen, später an psychosomatischen Beschwerden zu erkranken. Auch die Schulform, so Bilz, spiele eine Rolle, zeigten sich doch wesentlich mehr Mittelschüler als Gymnasiasten belastet. Dieses Ergebnis bestätigt eine Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) und der Leuphana Universität Lüneburg aus dem Jahre 2009. Danach leidet jeder dritte Schüler an depressiven Stimmungen, fühlt sich unverstanden oder antriebslos.
Die Bedeutung der Schule für Jugendliche
Der Dresdener Forscher Bilz unterstreicht, dass die Schule neben dem Elternhaus das wichtigste soziale Umfeld sei, an der es Entwicklungsaufgaben zu bewältigen gelte. Darauf wies auch schon der bekannte Jugendforscher Klaus Hurrelmann hin, der zu den wesentlichsten Aufgaben Jugendlicher den Aufbau einer intellektuellen und sozialen Kompetenz zählt. Deshalb, so Bilz, hätten er und sein Team sich vor allem mit der Einschätzung der Lernbedingungen durch die Jugendlichen an ihrer Schule und das jeweilige soziale Klima beschäftigt. Ihr Ergebnis: Es konnte ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Schule und der Entstehung psychischer Probleme nachgewiesen werden. Ängste und Depressionen seien die unmittelbare Folge von Mobbingerfahrungen, aber auch das Ergebnis ständiger schulischer Überforderung. Dies, so Bilz weiter, verschlechtere massiv das Selbstbild des Schülers. Insofern seien nicht die schlechten Noten an sich Ursache für die Entstehung einer Depression, sondern vor allem das dabei entstehende negative Selbstbild.
Auch das Turbogymnasium macht krank
Klaus Hurrelmann sieht negative Folgeerscheinungen jedoch auch zunehmend am G8 Gymnasium. Er hält zwar die Eingliederung in international übliche Strukturen für begrüßenswert, doch sei es versäumt worden, den Lehrplan angemessen zu entrümpeln. Dies habe in den meisten Bundesländern zu einer Verdichtung des Lehrstoffes geführt, die vor allem die Schüler und Schülerinnen in den Klassen sieben und acht zu spüren bekämen. Die seien jedoch in einem Alter, in denen jungen Menschen gerade mit ihrer Identitätsfindung begännen und natürlicherweise sehr viel mit sich selbst beschäftigt seien.
Muss jeder Lehrer Psychologe sein?
Diese Frage verneint Bilk in dem Interview mit der Zeitschrift „Erziehung und Wissenschaft“. Allerdings, so betont er, brauche jede Schule wesentlich mehr Unterstützung durch Psychologen. So kommen beispielsweise in Niedersachsen auf eine Schulpsychologenstelle bis zu 28000 Schüler. Seiner Ansicht nach gelte es bei der Diskussion über die Verbesserung der Qualität von Schule nicht so sehr die Lese - und Mathematikkompetenzen, sondern viel mehr die psychische Entwicklung der Schüler in den Blick zu nehmen. Zudem müsse man den Umgang mit psychischen Störungen enttabuisieren und sie zum Thema im Unterricht machen. Auf diese Weise hätte man auch dem eingangs erwähnten Christoph K. eher gerecht werden können. Bilks Einschätzung, so lässt sich schlussfolgern, ist auch ein deutlicher Hinweis auf die Bedeutung eines Unterrichtsfaches Pädagogik / Psychologie, das zwar an beruflichen und manchen allgemeinbildenden Gymnasien unterrichtet wird, aber viel dringender als das Unterrichtsfach „Wirtschaft“ zur Pflicht an allen Schulen gemacht werden müsste.
