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Immer mehr Studenten aus Marokko an deutschen Universitäten

Marokkanische Deutschlerner mit dem Botschafter - Ute Kiefer
Marokkanische Deutschlerner mit dem Botschafter - Ute Kiefer
Einst kamen ihre Eltern als Gastarbeiter aus Marokko. Heute macht sich die nächste Generation auf den Weg nach Deutschland, oft als Studenten.

Zaio ist eine gesichtslose, staubige Kleinstadt mit gut 30.000 Einwohnern im Nordosten Marokkos. Von hier kommen der Zucker für den süßen marokkanischen Pfefferminztee und erstaunlich viele junge Marokkaner, die Deutsch lernen, so auch Mohsin M. und Hamza M. Ihre Väter und Onkel arbeiten in der hiesigen Zuckerfabrik al Gazal, der größten ihrer Art in Marokko oder in Deutschland bei Opel in Bochum oder Rüsselsheim, oder in den Industriebetrieben des Ruhrgebiets und der Rhein-Main-Region. Etwa jeder zehnte Marokkaner lebt außerhalb Marokkos, wobei Deutschland allerdings eher eine unbedeutende Nebenrolle spielt. Der Nordosten Marokkos jedoch ist eine Art Hochburg der marokkanisch-deutschen Migration. Von hier aus emigrierten in den 1960er Jahren viele in die Fabriken der Textil- und Chemieindustrie und in die Bergwerke nach Deutschland.

Aufbruch einer neuen Generation

Heute macht sich die nächste Generation auf den Weg nach Deutschland, jedoch nicht als Arbeitskräfte, sondern als Studenten. Die marokkanisch-deutsche Migration ist im Wandel: Von einer Arbeitsmigration hin zu einer Bildungsmigration. Seit den 1990er Jahren kommen viele junge Marokkaner zum Studium nach Deutschland und stehen dort laut dem deutsch-akademischen Austauschdienst (DAAD) ganz vorne unter den wichtigsten Herkunftsländer ausländischer Studenten. Mohsin und Hamza pauken seit gut einem halben Jahr jeden Tag in einer Privatschule in Oujda, dem Zentrum der Region Ostmarokko, trennbare Verben und und Präpositionen. Sie bereiten sich dort gerade auf ihre erste Sprachprüfung vor, bevor sie bei der Deutschen Botschaft in Rabat ein Visum beantragen können

Hamza ist nervös, er wiederholt die Prüfung. Mohsin dagegen wirkt ruhiger und zuversichtlicher. Es ist nicht leicht, meinen beide, aber sie möchten unbedingt nach Deutschland. Was sie genau studieren wollen, wissen sie, wie die meisten in ihrer Klasse, noch nicht so genau. "Etwas Technisches", meint Mohsin, "Maschinenbau vielleicht". Das mache auch schon sein Bruder Mohamed, der vor zwei Jahren nach Deutschland gegangen ist. Nach dem Studium möchten sie zurückkommen, "mit einem Projekt natürlich", und das am liebsten ins heimatliche Zaio und mit etwas Erfahrung und Geld aus Deutschland im Gepäck. Für Mohsins Bruder an der Universität Darmstadt läuft es bisher ganz gut, aber längst nicht alle schaffen es.Viele ausländische Studenten haben große Probleme an deutschen Hochschulen. Schwierigkeiten machen neben der Orientierung im Studium vor allem die Finanzierung des Studiums, manchmal auch der Kontakt zu deutschen Studenten. Etwa die Hälfte bricht das Studium ab.

Chancen und Schwierigkeiten der Rückkehrer

Aber auch eine Rückkehr mit einem deutschen Diplom in der Tasche ist nicht leicht. So gibt es für heimkehrende Akademiker in Marokko praktisch keinen Stellenmarkt und so bleibt den Heimkehrern neben einer Karriere an einer Universität meist nur der Weg in die Selbstständigkeit. Einer, der es geschafft hat, ist Noureddine M., nach dem Studium an der Universität Siegen ist er in seine Heimatregion zurückgekommen. Sehr geholfen habe ihm für diesen Schritt das Programm der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) für rückkehrende Fachkräfte, denn die Anerkennung seines deutschen Diploms in Marokko hat ein Jahr gedauert.

Heute hat er in seiner Heimat ein Architekturbüro und möchte mit Solarenergie auf die Sonne bauen. Durch sein Studium in Deutschland hat er auch einen anderen Blick auf die Ausbildung in Marokko bekommen: Das Studium in Marokko sei sehr theoriebasiert, junge Leute in Marokko kämen aus der Universität oder von der Schule und könnten mit ihrem Wissen oft wenig anfangen. Deshalb setzt er sich heute auch für die Einrichtung eines Aufbaustudiengangs für Erneuerbare Energien an der Universität in Oujda ein, in dem anschaulich und praktisch gearbeitet wird.

Fatimas zu kurze Erfahrung beim Studium in Deutschland

Fatima H. ist eine der wenigen Frauen, die sich auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, aber die ganz schnell wieder zurückgekommen ist. Sie hat keine Familie in Deutschland und konnte kein bezahlbares Zimmer in Bayreuth finden – und so ist sie schon vor Studienanfang wieder heimgekehrt. Nicht zufrieden war sie, wie viele ausländische Studenten auch, mit der Anerkennung ihrer Studienleistungen, die sie aus Marokko mitbrachte. Sie hat bereits einen marokkanischen Universitätsabschluss in Biologie und sollte in ihrem Fach in Deutschland von Anfang an beginnen. "Jetzt mache ich erst einmal meinen Master und vielleicht einen Doktor in Marokko. Trotzdem will ich Deutsch nicht vergessen, vielleicht gibt es ja später noch einmal eine Möglichkeit nach Deutschland zu gehen", sagt sie, "so wie meine Biologieprofessorin."

Engagement für interkulturelle Zusammenarbeit

Malika A. lehrt heute Biologie an der Universität in Oujda und war mit einem Forschungsstipendium der Humboldt Stiftung nach Stuttgart gekommen. Sie meint, viele Marokkaner gingen zu früh ins Ausland und rät, in Marokko zuerst einen Master oder eine Promotion zu machen. Dann gebe es auch interessante Fördermöglichkeiten. Marokko strebe seit jeher eine Öffnung zu anderen Ländern und zur Praxis an. Interdisziplinäre Zusammenarbeit schafft Verbindungen und stärke die Wettbewerbsfähigkeit der Absolventen, meint sie. Deshalb möchte sie gern mehr Studenten und junge Wissenschaftler aus Marokko in Kontakt mit Deutschland und anderen Ländern und Kulturen bringen.

Quellen:

  • GIZ (Hg.): Die marokkanische Diaspora in Deutschland.
  • Wissenschaft weltoffen 2009 (DAAD).
  • Hochschulstatistik und Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks.
Ute Kiefer, Rabat 2010, Ute Kiefer

Ute Kiefer - Ute Kiefer lebt und arbeitet in Marokko.

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