Immersion und Mehrsprachigkeit

Die "natürliche" Methode des Spracherwerbs

Mehrsprachigkeit ist ein Geschenk. Kinder aus einer binationalen Ehe können diese im Alltag erleben, "monolinguale" Kinder können sie auch in Kita und Schule erlernen.

Immersion heißt soviel wie "Eintauchen in ein Sprachbad". Diese Lernmethode eignet sich besonders gut für Kinder vor der Pupertät, da bis zu einem Alter von etwa 10 Jahren mehrere Sprachen in ein und der selben Hirnregion abgelegt werden. Später hinzu kommende Fremdsprachen werden in einer anderen Hirnregion gespeichert. Die Kinder tauchen folglich in die neue Sprache ein. Dabei wird die neue Sprache zur Umgangs- und Arbeitssprache, auch wenn die Kinder sie zu Beginn noch nicht kennen. Sie erschließen sich die neue Sprache selbst aus dem Zusammenhang, in dem sie gebraucht wird.

Verstehen kommt immer vor dem Sprechen. Immersion folgt deshalb den Prinzipien der Psycholinguistik. Denn so lernt ein Mensch auch seine Muttersprache. Immersionslernen überfordert Kinder nicht, weil die Sprache an sich nicht zum Thema gemacht wird und insbesondere die Grammatik und das konkrete Erlernen von Vokabeln nicht im Vordergrund stehen. Die Kinder werden von Erziehern oder von Lehrern nicht sprachlich korrigiert. Dadurch ist der Spracherwerb frei von Druck. Die Erzieher bzw. die Lehrer unterstützen alles, was sie sagen, insbesondere durch Gestik, Mimik, Bilder, Geräusche etc. Man kann sagen, dass Immersionslernen die derzeit weltweit erfolgreichste Methode für den Spracherwerb bei Kindern ist. Einer der führenden Forscher in Deutschland zum Thema Immersion ist Prof. Henning Wode von der Universität Kiel

Was bedeutet Immersionslernen in Kindergarten und Schule?

Im Kindergarten heißt Immersionslernen: Es gibt zwei Erzieher-Innen, eine Erziehungskraft spricht konsequent deutsch, die andere ausschließlich die zweite Sprache. Im Idealfall ist es die jeweilige Muttersprache. Die fremdsprachliche Kraft unterstützt das, was sie tut, mit Zeigen und Gesten. Wenn sie sich beispielsweise bückt, sagt sie: „Ich bücke mich.“ Wenn sie dem Kind einen roten Stift gibt, wird sie sagen: „Hier, der rote Stift." Wenn es rausgeht, wird sie sagen, "Komm, wir ziehen Schuhe an", und das muss man dann auch tun.

In der Schule heißt Immersionslernen, dass der Unterricht in möglichst vielen Sachfächern in der neuen Sprache stattfindet. Die neue Sprache wird allerdings selbst nicht zum Thema gemacht. Es gibt folglich keinen bzw. nur wenig formalen Sprachunterricht. Die Kinder werden nicht korrigiert. Es kommt vielmehr darauf an, den Inhalt des Unterrichts zu begreifen. Dafür muss ein Kind nicht jedes einzelne Wort verstehen (das ergibt sich mit der Zeit von selbst). Die Sprache ist nur das Unterrichtswerkzeug, mit dem Kinder sich die Sachinhalte selbstständig erschließen.

Wann funktioniert das Immersionslernen denn besonders gut?

Voraussetzung ist, dass der Kontakt zur Sprache möglichst regelmäßig ist, dabei so vielfältig wie möglich und auch so intensiv wie es irgend geht. Vor allem sollte der Sprachkontakt über längere Zeit anhalten. Wichtig ist, die neue Sprache in möglichst konkreten Sachzusammenhängen zu gebrauchen: Wenn also über Äpfel gesprochen wird, sollten natürlich auch Äpfel vorhanden sein. Es gilt immer die einfache Regel: Je mehr Sinne angesprochen werden, desto besser ist es für das Kind. Also sollten die Kinder den Apfel auch anfassen, riechen, aufschneiden, angucken und schmecken können.

Es ist sehr erfolgreich und kindgemäß, eine zweite Sprache schon im Kindergarten zu beginnen und im Idealfall auch in der 1. Klasse fortzuführen.

Sollen die Eltern zu Hause das Sprachenlernen unterstützen?

Eltern können ihren Kindern vermitteln, dass ihnen selbst Fremdsprachen wichtig sind. Da schließt schnell die Frage an, wieso man als Mutter oder Vater nicht auch selbst eine Sprache erlernt oder aufbessert? Für den Sprachkontakt außerhalb des Kindergartens oder der Schule gibt es außer der (teuren) Variante Urlaub in einem anderen Land andere Möglichkeiten wie den EInsatz von Büchern, Filmen, Musik, Computerspielen oder Zeitschriften. Sie sollten natürlich altersgemäß sein, und auf die Kinder sollte niemals Druck ausgeübt werden.

Was ist der Unterschied zwischen Immersionslernen und herkömmlichem, lehrgangsorientierten Unterricht?

Immersionslernen macht die Sprache an sich nicht zum Unterrichtsgegenstand, sondern setzt sie als Werkzeug ein. Mit ihr erschließen sich die Kinder dann selbst die Inhalte, zum Beispiel in Fächern wie Mathematik, Sport oder Geschichte. Das Lernen wird den Kindern überlassen, sie finden ihr eigenes Tempo. Immersionsunterricht ist deshalb auch sehr individuell, gleichzeitig ist er frei von Druck. Die Sach-Kenntnisse, die sich das Kind in der Fremdsprache erworben hat, stehen dann natürlich auch in der Muttersprache zur Verfügung. Die Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten steht im Vordergrund.

Wie geht Immersionslernen ?

Beim immersiven Lernen brauchen die Kinder nicht die Worte zu verstehen. Es genügt, wenn sie mitbekommen, worum es geht. Wiederkehrende Rituale und formelhafte Dinge wie Grüßen etc. werden die Kinder folglich zuerst begreifen. Dabei durchschauen sie die sprachlichen Strukturen zwar nicht. Das macht aber auch nichts. Hauptsache, die Kinder können sich selbständig erschließen, worum es geht. Genau das tun sie ja auch beim Erwerb ihrer Muttersprache. Sie sind ja auch dabei nicht überfordert.

Hierbei hat die aktuelle Hirnforschung bestätigt: Kinder haben die Fähigkeit, Sprache bewusst zu reflektieren. Sie fassen selbstständig Informationen zusammen, bilden Beziehungen, Zuordnungen und Oberbegriffe. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Muttersprache und der Fremdsprache finden sie von sich aus. Wer also mit Kindern spricht und dabei die Sprache der jeweiligen Situation angemessen gebraucht, unterrichtet automatisch Grammatik. Weil natürliche Sprachen immer eine Struktur haben, haben sie auch eine Grammatik. Das Schöne ist, dass das menschliche Gehirn diese Strukturen weitgehend unbewusst entdecken kann. Bewusst gelernte Regeln werden dagegen leider oft wieder vergessen. Sprache wenden wir Menschen an, weil wir Inhalte vermitteln bzw. weitergeben wollen oder wir unsere persönlichen Gefühle und Beziehungen ausdrücken wollen. Nicht um der Sache selbst lernt der Mensch Sprache. Sie ist, einfach gesagt, immer das Mittel zum Zweck!

Claudia von Holten, Claudia von Holten

Claudia von Holten - Inhaberin von Amiguitos - Sprachen für Kinder, einer Spielsprachschule für Kinder von 1 bis 10 Jahren und freiberufliche ...

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