In einem „M.Mini“, eine chinesische Version des Trabi, trifft U Pyi Aung Shwe bei seinem bevorzugten Tee-Ausschank ein, der mit seinem Dutzend Korbstühlen unter einigen Sonnenschirmen und einer zweirädrigen Anrichte, auf der eine junge Frau Teekanne und Tassen bereithält, bereits zu den luxseriöseren Teestuben zählt. Gemütlich lehnt sich Aung Shwe zurück und liest die neuesten Nachrichten im „Messenger“, dessen Titelseite – wie beinahe jeden Tag – ein ganzseitiges Photo der Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi schmückt. Seit Myanmars regierende Militärs vorsichtig aus ihrer selbstgewählten Isolation nach Westen lugen, haben die Zeitungsverkäufer des Landes tatsächlich Arbeit. Mit bunten und marktschreierischen Aufmachungen werben neuerdings Dutzende von Tages- und Wochenzeitungen wie der „Golden Scanner“, die „7 Day News“, die „8 days a week“, die „Popular News“, die „True News“ oder Burmas „Kicker“, die „90 Minutes“, um Leser.

Regierungsamtliche Blätter als Langweiler der Nation

Vorher gab’s kaum mehr als das schon 1914 unter britischer Kolonialherrschaft gegründete und bis heute regierungsamtliche „The New Light of Myanmar“, das mit so aufregenden Nachrichten aufzumachen pflegt wie: „Präsident U Thein Sein wohnt dem Abschluss der Sommeraussaat auf den Reisfeldern in Pyinmana bei“. Immerhin ist dem Artikel nicht nur zu entnehmen, dass auch der Informations- und Kulturminister, der Landwirtschaftsminister, der Minister für Kooperativen, Viehzucht und Fischereiwesen, zahlreiche stellvertretende Minister, Regionalvertreter, Kommunalvertreter, Repräsentanten der Industrie- und Handelskammer, der Vereinigung der Reisproduzenten, der Vereinigung der Kooperativen und Bauern dem Ereignis beiwohnten, sondern sogar „Einheimische“ anwesend waren.

Importiert wird alles, von Hybridreis bis Brillen

Mit atemberaubender Geschwindigkeit haben die USA die derzeitige Öffnung des Landes genutzt, um den Burmesen den Segen von Hybridreis zu bringen, wie Landwirtschaftminister U Myint Hlaing mitteilt. Und von dem Elektrokonzern Samsung könnten vielleicht sogar deutsche Exportwelt- oder Vizeweltmeister noch lernen. Da noch nicht alle Sanktionen aufgehoben sind, bieten die Japaner die Klimaanlagen, Kühlschränke und LCD-Fernseher in ihren Ausstellungsräumen in Yangon, dem früheren Rangun, einfach als „medizinische Geräte“ an. Immerhin, Rodenstock hat Burma auch schon erreicht. Gleich neben der über 2000 Jahre alten Sule-Pagode, in deren Hauptstupa ein Haar Buddhas aufbewahrt wird, werden seine Brillen verkauft.

Die heimlichen Mitspieler im Machtpoker

Wie in allen Ländern, wo die Vereinigten Staaten einen System- oder Regierungswechsel anstreben, sind auch in Myanmar die üblichen Verdächtigen aus Washington oder Maryland bereits eingetroffen: Die Repräsentanten der National Endowment for Democracy (NED), das International Republican Institute, das National Democratic Institute for International Affairs, das Center for International Private Enterprise, die Eurasia Foundation oder Georges Soros Open Society Foundations, die alle gerne den Status von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) für sich reklamieren, weit eher jedoch regierungsorganisierten NGOs, also GONGOS gleichen, und der Opposition und deren Publikationen mit kräftiger finanzieller Unterstützung den Weg zur Machtübernahme ebnen.

Bücher aus der Raubdruckpresse versus…

Bescheidener geht es auf dem Buchmarkt zu, der immer noch von Kopiermaschinen und vereinzelt sogar noch von Matrizen dominiert wird. Früher hätten sie ganze Schulbücher auf Matrizen geschrieben die sie dann durch die Kopierpresse genudelt hätten, erzählt Tun Htein, der sich als Verleger beschreibt. Mit etwas Glück konnten sie auf diese Weise ein Schulbuch etwa 60 bis 80mal vervielfältigen, ehe die Matrize unbrauchbar wurde. Später ersetzten Photokopierer die alten Matrizen. So machte das Embargo aus den Burmesen wahre Experten in der Kunst des Raubdrucks und des Raubkopierens.

… uralte Originale

Zwar hält sich das Angebot im Bagan Buchladen in Yangons 37. Straße noch in Grenzen, was aber weniger der Zensur zu schulden ist, als dem jahrelangen Embargo. Die meisten Bücher in Yangons Buchhandlungen und –ständen sind fest gebundene, gut geleimte Photokopien zwischen zwei harten Buchdeckeln, sozusagen Hardcover-Raubdrucke. Doch zwischen den zahlreichen photokopierten Standardwerken über Burma wie Thant Myint-U’s „The River of Lost Footsteps“, G.E. Harveys „History of Burma“ oder Andrew Marshall’s „The Trouser People: A Story of Burma in the Shadow of the Empire” finden sich sogar ein paar Originale. Neben gebrauchter Literatur wie ein „Wörterbuch: Französisch-Latein“, George Orwells „Burmese Days“ – nicht in Englisch sondern in Deutsch (Tage in Burma) –, Klabunds Familienroman „Borgia“ oder einer Sammlung deutscher Gedichte von Hölderlin bis Brecht mit burmesischer Übersetzung sind sogar ein Original-Spiegel, dessen Titelblatt den toten Uwe Barschel in der Badewanne zeigt, oder ein zehn Jahre altes Newsweek-Heft zu finden, auf dem ein amerikanischer Krieger im afghanischen Schnee hinter Sandsäcken die Stellung hält.

Und während die Fernsehprogramme immer noch von importierten Serienschnulzen aus Südkorea oder Thailand dominiert werden, bieten Hunderte fliegender Händler und fragiler Verkaufsstände neben den üblichen Kriegsgemetzeln aller amerikanischen Rambos von Sylvester Stallone bis Chuck Norris und Kung-Fu-Filmen aus Hongkong oder Taiwan auch die neuesten Hollywoodproduktionen mit Brad Pitt, Sean Penn oder Jennifer Lopez an – natürlich als Raubkopien.