
- Fohlen und seine Mutter - Klaus Peter Wolf, pixelio
Ein Hoch auf die Kinderstube ! Denn hier wird die Grundlage gelegt für die spätere Umgänglichkeit des Pferdes. So sieht es nicht nur der amerikanische Tierarzt Robert Miller. Das wissen seit jeher auch die Züchter. Für sie ist es in der Regel ein ganz normaler Handlungsablauf, das neugeborene Fohlen abzustreichen, nach dem Nabel zu schauen, den Beinen und Hufen. Durch diese Notwendigkeit hervorgerufen bewegen sich Züchter im direkten Umfeld, auch dann wenn sie nach der Mutterstute schauen.
Prägephase nutzen
Tierarzt Robert Miller hat diesen für Züchter selbstverständlichen Umgang mit dem Fohlen ausgebaut und zum Prinzip erhoben. Sein "Imprint-Training" soll helfen das Pferd früh auf den Menschen zu prägen. Diese Prägung soll sich darin positiv äußern, dass sich geprägte Pferde in späteren Jahren im Umgang und beim Anreiten rittiger oder fügsamer zeigen. Eine Methode, die nicht unumstritten ist.
Wichtiges Zeitfenster
Prägung ist eine schlaue Erfindung der Natur, die für Pferde in freier Wildbahn überlebenswichtig ist. Der Begriff Prägung bezeichnet einen Lernvorgang, der ausschließlich in einem zeitlich eng begrenzten Rahmen möglich ist und in der Regel lebenslang bestehen bleibt. Dass man die Prägungsphase junger Tiere auch für andere als die von der Natur vorgesehene Verknüpfungen entfremden kann, haben Versuche mit frisch geschlüpften Entenküken gezeigt. Sahen die Küken als erstes statt des Muttertiers einen Menschen, akzeptierten sie ihn als Elternteil und folgten ihm ab sofort überall hin. Der amerikanische Tierarzt Robert Miller muss wohl an diese Studien gedacht haben, als er anfing das Imprint-Training zu entwickeln.
Hintergrund
Er störte sich daran immer wieder miterleben zu müssen, wie schlecht erzogene Pferde im Umgang oder beim Training sich selbst und ihre Ausbilder in Gefahr brachten. Miller beschäftigte sich mit der Prägungsphase von Fohlen und überlegte, wie der Mensch diese Phase für sich nutzbar machen kann. Sein Ansatz zielt darauf ab, den Umgang mit dem Pferd für den Menschen leichter zu gestalten. Herausgekommen ist ein Bündel an Übungen, das Miller als Imprint-Training bezeichnet. Dazu gehört es das neu geborene Fohlen innerhalb der Begrenzung durch die Boxenwände unbekannten Reizen auszusetzen. Die Erfahrung, in diesen Situationen nicht flüchten zu können, soll die grundsätzliche Unterordnung des Pferdes unter den Menschen bewirken. Im späteren Umgang und im Training soll jedes auf diese Weise trainierte Pferd willig mitarbeiten. Millers Meinung nach bewirkt das beim Fohlen korrekt durchgeführte Imprint-Training, dass sich ein Pferd dem Menschen unterordnet, weil es ihn als Leittier erlebt. Langzeit-Wirkung erzielt Miller, in dem er seine Übungen in den ersten Stunden nach der Geburt, auf jeden Fall in den ersten beiden Lebenstagen - der Prägephase - des Fohlens durchführen lässt
Reizüberflutung
Ein Streitpunkt in Millers Training ist allerdings, wie intensiv der Umgang mit dem Fohlen in den ersten Stunden sein soll, und wie viel Zeit der Stute allein mit dem Fohlen gelassen wird. Miller geht in seinem Ansatz sehr weit. Er behauptet es sei von Vorteil, wenn man dem wenige Stunden alten Fohlen tief in alle Körperöffnungen fasse – Nüstern, Ohren und After. Viele Züchter lehnen das ab. Miller setzt die Fohlen in dieser sehr frühen Phase auch bereits lauten Geräuschen aus, bringt sie in Kontakt mit flatternden Objekten und Planen. Spätestens bei diesen Übungen scheiden sich die Geister in Gegner und Befürworter der Methode. Einer der Gegner des Imprint-Trainings ist Tierarzt Conny Faißt.
Stute und Fohlen
Ein Crashkurs à la Miller, gerade in den ersten zwei Lebenstagen, sieht er als Gefahr für die Bindung des Fohlens an die Mutterstute. Fehlprägungen können entstehen. Sind die Pferde zu sehr auf den Menschen geprägt, können sie mit ihren Artgenossen nichts mehr anfangen, und finden sich in der Herde nicht zurecht. Studien der Universität Rennes haben die Auswirkung von Trainings während der Prägephase auf Fohlen untersucht. Und sie scheinen Imprint-Gegnern Recht zu geben. Fohlen, die in der Prägephase trainiert wurden, spielen weniger mit Gleichaltrigen und zeigen sich der Umgebung gegenüber weniger neugierig. Auch der von Miller gelobte Lernvorsprung soll einer anderen Studie zufolge nach nur drei Monaten von den Fohlen der Vergleichsgruppe aufgeholt worden sein.
