„War in der Heimat bittere Not, in Holland gab‘s Verdienst und Brot.“ – Dieser Reim, der auf einem Notgeldschein aus dem Jahr 1922 zu lesen war, sollte damals die notleidende Bevölkerung an ihre Leidensgenossen vergangener Zeiten, die sogenannten „Hollandgänger“, erinnern, die seit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-48) bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu bestimmten Zeiten des Jahres zur Saisonarbeit in die benachbarten Niederlande zogen, um ihr mageres Auskommen zu verbessern.

Weite Teile Nordwestdeutschlands litten lange Zeit unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges

Während weite Teile Nordwestdeutschlands unter den Folgen des besagten Krieges litten und sich aufgrund schlechter Böden und gesellschaftlichen Strukturen (z.B. das viele Bauernsöhne und -töchter ohne wirtschaftliche Grundlage hervorbringende „Anerbenrecht“ – Vererbung eines Hofes an einen einzigen Erben) kaum weiterentwickeln konnte, erlebten die Niederlande einen wirtschaftlichen Aufschwung als See- und Handelsmacht. Die holländischen Landarbeiter wanderten in die Städte ab, wo es durch den ökonomischen Aufschwung bessere Verdienstmöglichkeiten gab. So wurden in der niederländischen Landwirtschaft saisonale Arbeitskräfte von außerhalb benötigt. Vor allem Heuerleute zog es in der Folge zur mehrmonatigen Arbeit in das Nachbarland. Auch aus der Grafschaft Tecklenburg verdingten sich dort viele Menschen.

Schlechte Arbeitsbedingungen

August Karl Holsche (1746-1830) schreibt dazu 1788 in seiner Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg: Es „gehen alle Jahr im Sommer, wenn die Feldarbeit vorbey und das Linnen fertig ist, viel hundert Menschen nach Holland auf Arbeit, zum Torfmachen, Ziegelbrennen, Grasmähen, Heuen, in den Gärten zu arbeiten, und andere Beschäftigungen zu verrichten, und bleiben 6, 8, 12 bis 18 Wochen aus. Diese bringen 30, 40 bis 80 Gulden baar Geld mit zu Hause, wenn sie nicht erkranken; viele erwerben dies Geld aber auf Kosten ihrer Gesundheit, werden steif, vor der Zeit alt, und haben einen siechen Körper, besonders die in den Torfmooren arbeiten, weil sie die ganze Zeit über bis an die Knie im Wasser stehen müssen und schlecht beköstiget werden. Man rechnet, daß jährlich über 600 Menschen auf Arbeit nach Holland gehen.“ Viele, vor allem junge "Hollandgänger" blieben ganz im Nachbarland und gründeten dort Familien.

Gruppenwanderungen

Von der Auswanderung nach Übersee im 19. Jahrhundert ist bekannt, dass die Menschen in Gruppen an Orte emigrierten, wo bereits Familienangehörige oder Bekannte lebten. Doch auch die "Hollandgänger" zogen an ganz bestimmte Orte, wie ein Mitgliedsverzeichnis („Lidmatenboek“) der reformierten Kirchengemeinde Linschoten (ca. 10 km westlich von Utrecht und 250 km von Lienen) belegt. In dieses Register wurden in der Zeit von 1767 bis 1829 insgesamt 34 „Linschotengänger“ eingetragen, die eindeutig aus Lienen stammten.

Lienener "Linschotengänger"

Den Anfang machte ein Henrik Vennecord (1767). Ihm folgten: Conrad Heinrich Kalmerten (1770, 1772 weiter nach Montfoort), Jacob Heemann (1770, 1771 nach Lienen zurück), Gerd Henrich Hersmann (1773), Johann Heinrich Blömker (1773), Everd Hersmann (1773), Everd Jacob Börger (1777), Gerd Wilhelm Teckenbrock (1779, 1788 zurück nach Lienen), Hermann Henrich Gersie (1779), Everd Jacob Kriege (1785), Everd Jürgen Hölscher (1785), Johann Henrich Schomberg (1786), Everd Jacob Kuck (1787, 1795 zurück nach Lienen), Hermann Heinrich Brewe (1789, 1798 zurück nach Lienen), Hermann Heinrich Hölscher (1789), Johann Wilhelm Lammers (1790, 1800 weiter nach Waarder), Johann Hilge (1792), Everhard Conrad Laig (1794, 1797 weiter nach Woerden), Everhard Jacob Vennewald (1796, 1810 weiter nach Streefkerk), Hermann Kriege (1796, 1798 zurück nach Lienen), Johann Eberhard Holtmeier (1797), Everd Jürgen Kriege (1798), Johann Hermann Hilgemann (1798, 1798 weiter nach Waarder), Johann Eberhard Tigges (1801, 1801 weiter nach Waarder), Johann Eberhard Hilgemann (1804, 1809 weiter nach Kamerik), Evert Jörgen Domann (1807, 1812 zurück nach Lienen), Johann Henrich Otte (1807), Johann Heinrich Hilgemann (1808, 1809 weiter nach Kamerik), Wilhelm Rudolf Gersie (1810, 1822 weiter nach Woerden), Ernst Wilhelm Jasper (1811), Conrad Ernst Grundmann (1814, 1821 weiter nach Woerden), Conrad Heinrich Bardelmeier (1818, 1825 weiter nach Woerden), Eberhard Ernst Schuster (1821), Johann Brüning (1829, 1834 weiter nach Woerden).

Anmerkung: Die Auflistung der „Linschotengänger“ bei Schlingmann (s.u.) nach der Auswertung des "Lidmatenboek" (Mitgliederverzeichnis) der reformierten Kirchengemeinde in Linschoten enthält zahlreiche Lesefehler. Zur Identifizierung der einzelnen „Lienener Linschotengänger“ wurde die „Auswanderer-Chronik der Gemeinde Lienen“, erstellt von Friedrich Ernst Hunsche (s.u.), hinzugezogen.

Quellen und Literatur:

  • Schlingmann, Freek, Linschotengänger 1767-1829, in: Heemtijdinghen. Orgaan van de Stichts-Hollandse Historische Vereniging 34 (1998), Nr. 2, S. 48-60.
  • Hunsche, Friedrich Ernst (Bearb.), Auswanderer-Chronik der Gemeinde Lienen, hrsg. v. d. Gemeinde Lienen, Lengerich 1990 [Das Buch ist noch bei der Tourist-Information Lienen erhältlich].
  • Nolte-Schuster, Birgit; Vogel, Jaap u. Woesler, Winfried, Zur Arbeit nach Holland. Arbeitswanderung aus der Region Osnabrück zwischen 1750 und 1850. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung der Universität Osnabrück, 1. Aufl., Osnabrück 2001.