In Jena wird Kunstgeschichte geschrieben

Jena wurde im 20. Jahrhundert architektonisch nachhaltig geprägt. Ein Bildtextband stellt den gebauten Reichtum der Universitätsstadt an der Saale vor.

Jena gelang das seltene Kunststück, eine Großstadt zu werden ohne an kleinstädtischem Flair einzubüßen. Das macht die thüringische Metropole als Studien-, Wohn- und Arbeitsort so attraktiv. Trotz der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, die 15 Prozent der Altstadt und 50 Prozent des gesamten städtischen Areals betrafen, haben sich hier Bauwerke aus fast allen kunsthistorischen Epochen erhalten. Und diese Geschichte, die wohl nicht erst mit der Ersterwähnung 1236 begann, schreibt die Gegenwart durch eifrige Bautätigkeit stetig fort.

Bis 1880 eine kleinteilige Stadt

Erstmals wird die Universitätsstadt so gewürdigt, wie es ihrer kunsthistorischen Bedeutung entspricht: mit einem deutsch- und englischsprachigen, von der Stadt Jena herausgegebenen Bildtextband, der den Reichtum an bebauter Umwelt präsentiert. Einem Überblick über die städtebauliche Entwicklung folgt die Vorstellung von repräsentativen Objekten. Petra Zippel und Matthias Lerm beschreiben die Jenaer Stadt- und Architekturgeschichte ebenso bündig wie umfassend im Wort. Michael Miltzow wiederum hat die bedeutendsten privaten und öffentlichen Gebäude nicht nur im Bild dokumentiert, sondern – das spricht für die Dauer des ambitionierten Projekts – in unterschiedlichen jahreszeitlichen Stimmungen festgehalten. Die Farbaufnahmen werden von den Autoren jeweils mit kurzen Erläuterungstexten versehen.

Bis 1880 wurde Jena von einer kleinteiligen Altstadt geprägt, die 650 Jahre zuvor planmäßig angelegt wurde. Einzig die am Beginn des 19. Jahrhunderts geschleifte, zwischen Johannistor und Pulverturm fragmentarisch erhaltene Stadtbefestigung kündet noch davon. Um 1900 begann Jenas einzigartiger wirtschaftlicher Aufschwung, der sich mit den Namen Abbe, Zeiss und Schott verbindet. Singuläre Industriearchitektur entstand hier in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So vor allem die Gebäude der unmittelbar im Zentrum errichteten Zeiss-Werke. Bei dem heute „Jentower“ genannten Hochhaus gehen die Meinungen seit seiner Errichtung 1969-72 auseinander. Von dem Berliner Architekten Hermann Henselmann entworfen, sollte der Turm das Zeiss-Forschungszentrum aufnehmen, kam aus funktionellen Gründen jedoch zur Universität und dient heute als Multifunktionsgebäude. Für Henselmann war der Turm ein stilisiertes Fernrohr, für die meisten Jenenser eine nur widerwillig akzeptierte Keksrolle.

Großes wurde in 100 Jahren auch für den Wissenschaftsstandort Jena geschaffen. So schuf der Münchener Architekt Theodor Fischer 1905-08 mit dem Hauptgebäude der Universität nichts weniger als einen gewaltigen Bildungspalast. Just an jener Stelle, an der bis dahin das Stadtschloss gestanden hatte. In der Formensprache des ausklingenden 20. Jahrhunderts gehalten, können sich, einen Katzensprung entfernt, die Studenten heute über eine Bibliothek freuen, wo man dank einer luftig-leichten Glas-Stahl-Fassade sowohl in die Bücher als auch in die bezaubernde Landschaft des Saaletals blicken kann. Wissenschaft, Forschung und Bildung haben in den letzten 20 Jahren zahllose architektonisch individuelle Entwürfe Gestalt werden lassen. Seien es nun Schul- und Institutsgebäude oder Unternehmenszentralen.

Heute avantgardistisch und ökologisch

Sehr bedauerlich für die deutsche und europäische Architekturgeschichte, dass die politische Wende für den Zuschauerraum des Theaters Jena gut zwei Jahre zu spät kam. Mit diesem verschwand im Jahr 1987 der einzige Theaterentwurf des Bauhaus-Gründers Walter Gropius. Und mit dem pavillonartigen Abbe-Denkmal findet man in Jena ein architektonisches Zeugnis jenes Architekten, der bei seinem Abgang aus Weimar weise genug war, Gropius als seinen Nachfolger im Amt des Direktors der Kunsthochschule vorzuschlagen: Henry van de Velde.

Auch bei Betrachtung der Villen-Architekturen und der modernen, mal avantgardistischen, mal ökologischen Grundsätzen folgenden Wohnhäuser könnte man ins Schwärmen geraten. Jena ist ein Ort der Forschung, Wissenschaft und Industrie und deshalb auch der Architektur. Dieses Buch bietet nicht nur einen überraschenden Blick auf Jena, sondern zeigt auch, dass die Saalestadt architekturhistorisch so bedeutend ist wie Chemnitz, Dresden oder Leipzig.

Stadt Jena (Hg.): Architektur in Jena, deutsch-englisch. Hinstorff-Verlag, Rostock 2010. 255 S., geb., 24,90 €.

Kai Agthe, Barbara Braun (Berlin)

Kai Agthe - Ich bin freier Journalist und Literaturwissenschaftler. Meine Stärken liegen im Feuilleton. Meine Vorlieben sind die bildende Kunst ...

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