
- Hesse: Ein Verbreiter des romantischen Indienbilds - ereader-store
Indien: Ein vor allem in der Geschichte viel diskutiertes Land. Doch was waren die prägenden Faktoren für unsere heutigen Vorstellungen des östlichen Staates? Dieser Artikel behandelt die Auseinandersetzung besonders Deutschlands mit Indien, die Entwicklung von Indienbildern und schließlich jene zwei, welche sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts etablierten.
Von den ältesten griechischen Autoren wurde Indien als das Land der Wunder und Absonderlichkeiten, der Menschen ohne Mund, der Menschen mit Hundeköpfen oder Spinnenbeinen und als das der Gold grabenden Ameisen beschrieben. Diese Vorstellung bestätigte sich, als das Heer Alexanders des Großen einen „nackten Weisen“ aus Indien mitbrachte, der bald den Scheiterhaufen bestieg und sich selbst verbrannte, dieses Ereignis fügte aber auch den Glauben, dass es das Land der Todesverachtung, der Abgeklärtheit und der Weisheit sei, hinzu. In der Antike war Indien als Herkunftsland wertvoller Waren und Rohstoffe für viele Menschen der Inbegriff des Reichtums. Im Mittelalter nahm dann auch die Kirche zu jenem kaum bekannten Land Stellung: Unter den christlichen Würdenträgern galt es als christliches Reich, welches von dem Priester Johannes als König angeführt wurde, und ebenso als das Paradies, in dem Milch und Honig fließen.
Entdeckung literarischer Reichtümer Indiens
Als im 18. Jahrhundert schließlich Vasco da Gama mit seiner Ostindien-Kompanie den Seeweg zwischen Europa und Indien eröffnete, stieß man auf alte hinduistische Schriften, welche immer mehr Begeisterung für die literarischen Schätze des Landes hervorriefen. Die deutsche Übersetzung jener Schriften galt als intellektuelles Ereignis ersten Ranges und verursachte aus diesem Grund eine Indienbegeisterung, wie sie in sonst keinem anderen Land herrschte. Vor allem innerhalb einer literarischen Strömung, der Romantik, ging das Indienlob mit der Europakritik einher. Indien wurde als das positive Gegenbild zum modernen, fortschrittlichen Europa, also überhaupt zur Moderne, gesehen. Diese Einstellung war großteils in Deutschland vertreten und wurde unter anderem von Hermann Hesse gefördert. Noch heute gibt es in Deutschland die meisten Sanskrit-Lehrstühle in der Welt außerhalb Indiens.
Englisches Sendungsbewusstsein
Beinahe zur selben Zeit, als sich in Deutschland das romantische, positive Indienbild durchsetzte, verbreitete sich in England das utilitaristische, negative. Dieser englische Utilitarismus vertrat die Ansicht, dass in Indien dringend Reformen notwendig seien, um es zu modernisieren und zu zivilisieren. Die Evangelikalen Englands, welche das hinduistische Indien als „Inbegriff des Götzendienstes und des Heidentums“ ansahen, machten es sich zur Aufgabe, das entfernte Land zum Christentum zu bekehren und schickten Missionare dorthin. Jedoch gab es auch in Deutschland Vertreter der utilitaristischen Grundposition: Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Karl Marx bezeichneten Indien als Land, das noch in einem Stadium vor der eigentlichen Weltgeschichte zurückgeblieben, und das nicht fähig sei, seine „Stagnation“ von sich aus zu beenden. Die Kolonialherrschaft sei ein Werkzeug der Geschichte, um diese Stagnation von außen zu bekämpfen.
So begannen diese beiden Grundpositionen – das utilitaristische Indienbild, welches vor allem in England vertreten war, und das romantische, das hauptsächlich in Deutschland herrschte – nebeneinander zu existieren:
Das romantische Indienbild
Romantiker sahen in der indischen Kultur das, was das moderne Europa verloren haben soll: die ursprüngliche Vollkommenheit der menschlichen Existenz, die Harmonie zwischen Mensch, Natur und Gott sowie religiöse Geborgenheit. Diese Begeisterung für Indien lebte man in der Verehrung und dem Studium des traditionellen Indiens aus. Die Menschheitsentwicklung bezeichneten Romantiker als einen einzigen Abstieg, daher hatten sie eine sehr kritische Einstellung zur Moderne.
Das utilitaristische Indienbild
Für Utilitaristen nahm die Aufklärung einen hohen Stellenwert ein. Während Europa eine hohe Stufe in der Weltgeschichte einnehme, gestanden sie Indien nur einen Platz ganz unten zu. Sie hatten in ihrem Glauben an den westlichen Fortschritt vor allem eins im Sinn: die indische Gesellschaft zu reformieren, zu modernisieren und zu verwestlichen. Durch die Entwicklungshilfe beispielsweise versuchten sie, „Stolpersteine“ wie die Tradition und die Kultur Indiens zu entfernen. Die Menschheitsentwicklung sahen Utilitaristen im Gegensatz zu den Romantikern durch ihren Fortschritt als eine konstante Aufwärtsbewegung an. Dieses Indienbild verbreiteten und verbreiten auch heute noch Entwicklungsökonomen, Politiker und teilweise die Medien.
Schriftsteller fördern Enthusiasmus
Seit dem 20. Jahrhundert bis heute gibt es immer wieder Wellen der Indienbegeisterung und der „Heile Welt“-Vorstellungen, die auf Indien projiziert werden, welche sich besonders in Krisenzeiten durchsetzen: Die erste Indienwelle ergriff vor allem Schriftsteller und Intellektuelle wie Hesse, Dauthendey oder Zweig, die vor dem Ersten Weltkrieg nach Indien reisten, unter anderem, um Europa kurzweilig zu entkommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Vereinigten Staaten von einer zweiten großen Indienwelle ergriffen, welche die Hippie-Kultur der 60er Jahre ausgelöst hatte. Diese war wiederum durch Hermann Hesse verursacht worden, dessen „Siddhartha“ oder auch dessen „Steppenwolf“ in den USA größte Begeisterung hervorgerufen hatten. Heute wird das ursprünglich eher romantisch denkende Deutschland als moderner Industriestaat auch von der utilitaristischen Vorstellung Indiens durchdrungen.
Quelle:
