Indische Bildexporte in das aufgeklärte Europa

Indira Viswanathan Peterson bei einem Vortrag - Marlene Hofmann
Indira Viswanathan Peterson bei einem Vortrag - Marlene Hofmann
Das thüringische Lindenau-Museum Altenburg hat in seinen Archiven einen über 200 Jahre alten, indischen Schatz gehoben: hundert wertvolle Gouachen.

Genau in der Bildmitte lodert ein Feuer, ein wahrer Scheiterhaufen. Perspektivisch nicht korrekt, kann man sowohl die davor stehenden Menschen von der Seite sehen als auch in Vogelperspektive auf das Feuer blicken. Aufgebahrt ist ein toter Mann und neben ihm liegt seine noch lebende Ehefrau, die sich freiwillig ins Feuer geworfen hat. Die Menschen herum strecken verzweifelt die Arme in die Luft. Die Szene zeigt „Sati“, eine Witwenverbrennung. Das Bild ist inzwischen über 200 Jahre alt und erst vor kurzem zusammen mit 99 anderen indischen Gouachen überraschend in den Beständen des thüringischen Lindenau-Museums aufgetaucht. Die Witwenverbrennung, eine Tradition der höheren Kasten Indiens, gehörte zu den exotischen Schauergeschichten, die lange die Vorstellung der Europäer über das ferne Land prägten. Es gibt keine religiöse Grundlage für das Ritual, aber Dokumente aus der Provinz Tanjore (heute: Thanjavur) zeigen, dass die Frauen der Herrscherfamilien es als ihre Pflicht ansahen, ihrem Mann in den Tod zu folgen. Den Vorschlag der britischen Kolonialherren, sich diesem grausamen Brauch zu entziehen, lehnten sie empört ab. Schließlich griffen die Briten zum Mittel des Verbots.

Die in Altenburg aufbewahrten hundert Gouachen aus Tanjore gehören zu den so genannten Company school paintings, die sich am europäischen Geschmack orientieren, doch gleichsam die Vorstellungswelt der indischen Maler nach Europa trugen. Sie zeigen aber nicht nur Gruselszenen wie Schlangenbeschwörer und die Witwenverbrennung. Vor allem werden die verschiedensten Menschentypen – immer Mann und Frau – detailgenau vorgestellt: unterschiedliche islamische Berufe, arabische und bengalische Einwanderer sowie eine große Zahl indische Berufsgruppen – Töpfer, Spinner, Schuster, Schneider, Korbmacher, etc. – bis hin zum Raja selbst, zu Kriegern, Soldaten, Dienern, Tempeltänzerinnen, aber auch Gauklern und Bettlern. Darüber hinaus zeigen die Bilder verschiedene Lebens- und Alltagssituationen, wie pflügen und pflanzen, baden und waschen im Fluss, eine Hochzeit und einen Barbier unter einem Baum. Den Höhepunkt bilden religiöse Prozessionen, in denen die berühmten, Shivas, Vishnu oder Mariamman geweihten Tempel Tanjores in Bewegung gesetzt werden.

Ein verborgener Schatz in der Kunstbibliothek

Durch Zufall entdeckte man in der wertvollen Kunstbibliothek des Lindenau-Museums im vergangenen Jahr zwei prachtvolle Bildbände mit hundert Gouachen. Die Qualität dieser Originale ist erstaunlich. Die zwei Alben mit dem Titel „Oriental costumes drawn after nature“ sind heute unter der Nummer 1 H 34 im Bestand der Kunstbibliothek zu finden. Sie enthalten hundert originale, mit englischen Untertiteln versehene indische Gouachen, die nun erstmals präsentiert werden.

Die in den Beständen des Lindenau-Museums gefundenen Gouachen stammen aus der Provinz Tanjore, die im 18. und 19. Jahrhundert britische Kolonie war. Der in Tanjore zu dieser Zeit ohne wirkliche weltliche Macht herrschende, von den Briten eingesetzte indische König hieß Raja Serfoji II. Er war im späten 18. Jahrhundert von Hallenser Missionaren ausgebildet worden und fast so etwas wie ein indischer Lindenau, wie die amerikanische Indologin Indira Viswanathan Peterson in einem Vortrag vor Eröffnung der Ausstellung den Vergleich zum Gründer des Lindenau Museums zog.

Von Indien nach Altenburg

Der sächsisch-thüringische Staatsmann, Gelehrte und Kunstsammler Bernhard August von Lindenau (1779-1854) interessierte sich für Künste und Wissenschaften aller Art. Seine umfangreichen Sammlungen früher italienischer Tafelbilder des 13. bis 16. Jahrhunderts, antiker Gefäße sowie von Gipsabgüssen nach plastischen Werken vorwiegend der Antike und der Renaissance stiftete er nebst der Kunstbibliothek per Testament dem Staat Sachsen-Altenburg, wenn dieser sie in einem Museum einer breiten Öffentlich zugängig machen würde. Diese Schenkung legte den Grundstein für das Lindenau-Museum in Altenburg.

Mit der Aufklärung und im Zuge der Kolonialisierung hatte sich im Europa des 19. Jahrhunderts eine neue bürgerliche Bildungskultur etabliert, die authentische Bilder aus den bisher unbekannten Welten nachfragte. Im Einklang mit den modernen Naturwissenschaften strebte man nach einer Kartierung, Vermessung und authentischen Dokumentation der Welt (siehe auch Daniel Kehlmanns Klassiker „Die Vermessung der Welt“). Dies schloss Tier- und Pflanzenwelt, aber auch die verschiedenen menschlichen Kulturen ein. Auch der von der Aufklärung geprägte Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha und Altenburg (1745–1804), für den Bernhard August von Lindenau arbeitete, förderte Wissenschaft und Kunst. Im Altenburg des frühen 19. Jahrhunderts nahmen die Lexika von Pierer und Brockhaus ihren Ausgangspunkt und der Sprachforscher Hans Conon von der Gabelentz bewahrte hier seine umfangreiche Bibliothek auf.

Wie kamen die Gouachen von Indien nach Altenburg?

Bernhard August von Lindenau selbst reiste nie nach Indien, aber sein Interesse an fremden Kulturen ist gut belegt. Per Brief teilte er 1809 seine Faszination für das ferne Land beispielsweise mit Alexander von Humboldt und bereits 1807 beschäftigte er sich in einer Fachzeitschrift mit der korrekten Kartierung Indiens. Über die genaue Herkunft der hundert Gouachen in seiner Sammlung konnten in den Archiven jedoch bislang keine Hinweise gefunden werden.

Zur weiteren Lektüre:

In Kooperation mit dem Centre for Southeast Asian Art in Passau zeigt das Lindenau-Museum Altenburg noch bis 11. September 2011 die hundert indischen Gouachen. Der Katalog mit Texten von Indira Viswanathan Peterson, Werner Kraus, Klaus Jena und Sabine Hofmann sowie Abbildungen der Werke selbst ist erhältlich über das Lindenau Museum Altenburg: „Indien als Bilderbuch. Die Konstruktion der pittoresken Fremde. Einhundert indische Gouachen um 1800 aus Lindenaus Kunstbibliothek“. Reihe: Bernhard von Lindenau als Gelehrter, Staatsmann, Menschenfreund und Förderer der schönen Künste; Ausstellung des Lindenau-Museums Altenburg; Hrg.: Lindenau-Museum Altenburg, 2011.

Marlene Hofmann - 1984 im Altenburger Land, Thüringen, geboren. Nach ihrem Studium der Journalistik, Skandinavistik und Museumsmanagement in Hamburg ...

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