Indoktrination der Wehrmacht - Antisemitismus als Lernziel

Ab 1939 wurde der Wehrmacht das Feinbild Judentum in Form von Schulungsheften eingetrichtert.

Bereits 1933/34 in der Reichswehr gab es Ansätze, die nationalsozialistischen Ideologien im Heer zu verankern. Ab Februar 1939 aber nahm die Art der Erziehung ganz neue Formen an. Das Oberkommando der Wehrmacht (OKW), an deren oberster Spitze Hitler selbst saß, gab von nun an Schulungshefte für Wehrmachtssoldaten heraus und ließ diese an alle Stellen von Heer, Marine und Luftwaffe verteilen. Heft 5 des 1. Jahrgangs dieser Schulungshefte hat eine Abhandlung zur "Judenfrage" von Dr. Clemens Hoberg zum Inhalt: "Der Jude in der deutschen Geschichte"

Feindbild Judentum

"Der Jude hat keinen Anteil an der wunderbaren und einzigartigen Größe der deutschen Geschichte", heißt es im ersten Teil dieser Belehrung. Als Gründe nennt Hoberg zum einen solche, welche direkte Tugenden des Heeres, wie Treue und Kameradschaft aufgreifen: Die Juden hätten sich im 1. Weltkrieg vor dem Frontdienst gedrückt, ihre Kameraden im Stich gelassen und das deutsche Volk aufgehetzt. Nach der Novemberrevolution 1918 schließlich, sei die deutsche Spitze fast ausschließlich von Juden besetzt gewesen. Nicht zu vergessen sei auch der 1922 von Walther Rathenau angetriebene Freundschaftsvertrag mit dem bolschewistischen Russland.

Zum anderen führt Hoberg allerdings Gründe an, die ausschließlich auf rassistisches Gedankengut zurückzuführen sind: Die "Judenherrschaft" habe nicht nur der Wirtschaft und Kultur Deutschlands geschadet, sondern auch das deutsche Volk "in seiner biologischen Existenz" bedroht. Die zahlreichen Mischehen in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg hätten eine "Schändung deutschen Blutes" zur Folge gehabt, denn das jüdische Blut sei nicht nur fremd, sondern auch minderwertig und fördere Geisteskrankheiten, moralische Minderwertigkeit und Kriminalität.

Vernichtung des Weltjudentums

Obwohl hier noch nicht direkt die Rede von der Ausrottung des jüdischen Volkes ist, geben die genannten Ziele eine eindeutige Richtung vor. So heißt es weiter in dem propagandistischen Aufsatz Hobergs: Ziel sei es "die Juden aus dem Bereich deutschen Lebens auszuschalten, wie es für Fremdkörper, Schmarotzer und Krankheitserreger das Richtige ist." Doch sei mit der Vertreibung aus dem deutschen Reich nicht alles getan: Die Wehrmacht müsse dazu beitragen, "alle Nachwirkungen des jüdischen Einflusses auszumerzen, vor allem in Wirtschaft und Geistesleben." Auch der "Kampf gegen das Weltjudentum" müsse vorangetrieben werden, da jenes "alle Völker der Welt gegen Deutschland aufhetzen will."

Abschließend heißt es: "Das Weltjudentum bekämpfen wir, wie man einen giftigen Parasiten bekämpfen muss, wir treffen in ihm nicht einen Feind unseres Volkes, sondern auch eine Plage aller Völker. Der Kampf gegen das Judentum ist ein sittlicher Kampf um die Reinheit und Gesundheit des gottgewollten Volkstums und für eine neue gerettere Ordnung der Welt."

Hoberg als gläubiger Katholik glaubte offenbar voll und ganz an den Inhalt seiner Schrift. Und auch in den Reihen der Offiziere fand diese Form des Antisemitismus offenbar Anklang, zumindest gibt es keine Belege über Kritik an solchen Schulungsinhalten, die in keiner Weise mit dem Kampf von deutschen und feindlichen Soldaten im Krieg in Verbindung standen. Auch die meisten jüngeren Soldaten, die mit der schrittweisen Ausgrenzung der Juden aufgewachsen waren, erkannten dieses konstruierte Feindbild anscheinend kritiklos an.

Quellen:

Wette, Wolfram: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Überarb. Aufl., Frankfurt am Main 2005.