
- Die Eisenbahn förderte Kohle- und Stahlindustrie. - Martin Wegner / pixelio.de
Die Industrialisierung begann im 18. Jahrhundert. Gemeinhin wird gesagt, dass der Industrialisierungsprozess in England um 1770 einsetzte. Im Zuge dieser Entwicklung kam es zu großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, die bis heute andauern und sich kontinuierlich weiterentwickeln. Im Zentrum steht die industrielle Produktionsweise, aber auch der Trend, sich von der Landwirtschaft abzuwenden und das Gewerbe und den Dienstleistungsbereich zu steigern. Die Industrialisierung war ein Ergebnis mehrerer Entwicklungsstränge.
Voraussetzungen für die Industrialisierung in Europa
Seit dem 17. Jahrhundert stieg die Bevölkerungszahl beständig an. Damit ging nicht nur ein erhöhter Produktionsbedarf einher, sondern auch ein gesellschaftlicher Wandel. Es kam zu einer Umverteilung der Bevölkerung. Immer mehr Menschen zogen von dem Land in die Stadt. Weiterhin wurden im 18. Jahrhundert viele technische Entwicklungen ermöglicht. Die Wissenschaft und die Technik förderten den Entwicklungsprozess mit praktischen Erfindungen, wie zum Beispiel der Dampfmaschine. Auch im medizinischen Bereich konnten große Fortschritte erzielt werden, so dass die Sterbe- und Krankheitsrate sinken konnte. Im gesellschaftlichen Bereich kam es zu strukturellen Veränderungen, da das einfache Volk mehr Mitbestimmungsrecht erhielt. Auch die Erklärung der Menschenrechte hatte einen großen Einfluss auf den Werdegang.
Deutschland am Beginn der Industrialisierung
England und Frankreich waren die führenden Industrienationen. Besonders zu Beginn des Industrialisierungsprozesses musste Deutschland hinter jenen Nationen nachstehen. In Deutschland setzte die rasante Entwicklung zur führenden Industrienation ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Hier waren es vor allem die Eisenindustrie und die Montanindustrie, die den Aufstieg Deutschlands entscheidend geprägt haben. Aber bereits ab 1830 konnte sich in Deutschland die Industrialisierung durchsetzen. Der Eisenbahnbau, besonders die Bahnstrecke von Nürnberg nach Fürth, ist bis heute das Symbol der deutschen Industrialisierung. Zu Recht, denn der Eisenbahnbau förderte die Entwicklung des Bergbaus und der Stahlindustrie.
Die deutsche Industrienation
Deutschlands rasante Entwicklung ist der Eisen- und Stahlwirtschaft zu verdanken. In der Mitte des 19. Jahrhunderts übertraf der Export den Import, was für eine sehr gute Wirtschaftslage spricht. Jedoch ist der Weg zur Industrienation nicht allein auf die wirtschaftlichen Entwicklungen zurückzuführen. Auch die politischen Veränderungen haben entscheidend dazu beitragen, dass sich Deutschland so schnell und effektiv entwickeln konnte. Vor allem die Vereinheitlichung des Wirtschaftsgebietes konnte den Werdegang positiv beeinflussen. Ein gemeinsames Handelsgesetzbuch, ein Strafgesetzbuch, eine Zentralnotenbank und eine einheitliche Währung kräftigten die deutsche Wirtschaft.
Die Reichseinigung 1871
Das hervorragendste Ereignis im 19. Jahrhundert war für die Deutschen die Einigung des Reiches. Dieser Einigungsprozess schaffte die Grundlage für einen sehr starken wirtschaftlichen Aufstieg der Deutschen. Diese Phase wird auch als „Gründerjahre“ bezeichnet. Eine von vielen günstigen Voraussetzungen für Deutschland war der gewonnene Krieg gegen Frankreich, denn Frankreich wurde dazu verpflichtet, vier Milliarden Mark an Deutschland zu zahlen. Auf diese Weise konnte sich die deutsche Wirtschaft etablieren. Das Geld wurde von der Regierung genutzt, um eigene Schulden abzuzahlen und um die heimische Wirtschaft zu stärken. Man investierte in die eigene Bau- und Schwerindustrie und förderte die Gründung neuer Aktiengesellschaften. Ab 1873 geriet der wirtschaftliche Aufstieg in Deutschland ins Stocken und viele Unternehmen gingen Bankrott. Man spricht dabei vom „Gründerkrach“.
Folgen und Krisen der Industrialisierung
Die Fortentwickelung in vielen wissenschaftlichen und technischen Gebieten brachte einen schnellen Bevölkerungsanstieg mit sich. Die Verbesserung der Medizin, vor allem der Hygiene, und die Erweiterung der Landwirtschaft sorgten dafür, dass die Massen gesünder leben konnten und alle Gesellschaftsteilnehmer Nahrung zur Verfügung hatten. Innerhalb eines Jahrhunderts wuchs die deutsche Bevölkerung um über 100% an. Die sich daraus ergebende Konsequenz war eine Bevölkerungsbewegung. Immer mehr Menschen verließen die ländlichen Räume und zogen in die Städte. Es kam zu Binnenwanderungen aus dem Osten Richtung Westen und zu Auswanderungen nach Übersee.
Die unteren Bevölkerungsschichten hatten es schwer, sich in der Gesellschaft zu behaupten. Bereits vor der Industriealisierung waren viele Teile der Bevölkerung verarmt. Diese Armut konnte mit der Industriealisierung nicht behoben werden. Es entstanden verschiedene Konzepte, wie man die „Soziale Frage“ lösen könnte. Unter anderem kam es so zur Veröffentlichung des wissenschaftlichen Sozialismus durch Marx und Engels.
Literatur
- Kinder, Hermann; Hilgemann, Werner; Hergt, Manfred: dtv-Atlas Weltgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2000.
- Rürup, Reinhard: Deutschland im 19. Jahrhundert. 1815-1871. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1992.
- Völker-Rasor, Anette (Hrsg.): Frühe Neuzeit. München: Oldenbourg Verlag, 2006.
