Buch von Ingrid Eissele – Kalte Kinder

Ein Plädoyer für mehr Empathie und neue Werte

Eissele: Kalte Kinder - Herder Verlag
Eissele: Kalte Kinder - Herder Verlag
Ein Buch, das nachdenklich macht. Gut recherchiert, von vielen Seiten beleuchtet, souverän geschrieben. Und mit einem wichtigen Appell.

Gibt es einen neuen Menschentypus, wie das neulich in der „Welt“ zu lesen war? Wenn man die heutigen „coolen“ Kinder beobachtet, die kaltblütig und ohne Mitgefühl andere Menschen quälen oder gar umbringen, ist man versucht, dies zu glauben. Es verunsichert, und schnell findet man „Schuldige“ wie Eltern, Lehrer, Erziehende ... Denn das ist einfacher, als sich zu überlegen, inwieweit man selbst im Alltag Werte vertritt, die nicht gerade Vorbildfunktion haben. Doch Ingrid Eissele sucht nicht nach „Schuldigen“, sie spricht mit Menschen, Opfern und Tätern und verbindet das mit ihrer Recherche rund um das Thema Empathie.

Nächstenliebe und das Zeigen von Gefühl und Mitgefühl sind nicht im Trend

Denn für Ingrid Eissele liegt – wie für viele ihrer Gesprächspartner aus der Medizin oder Psychologie – der Knackpunkt für Gewaltbereitschaft in der fehlenden Empathie. Und daran sind wir alle beteiligt. „Empathie ist nicht etwas, das man hat oder nicht hat, wir lernen sie wie das Laufen und Sprechen, wir vermitteln sie nahezu unbewusst an die nächste Generation, wir stehen unseren Kindern Modell. Nicht was wir sagen, steht dabei an erster Stelle, sondern was wir tun.“ Und gerade da scheint es nicht immer zu stimmen. Nächstenliebe und das Zeigen von Gefühl und Mitgefühl sind nicht gerade die Eigenschaften, die vorgelebt werden und die im Trend sind.

Entwicklung von Empathie fängt bei kleinen Kindern an

„Es gibt zwei wichtige Zeitfenster in der Empathieentwicklung. Die Tendenz zu helfen, zeigt sich etwa ab anderthalb Jahren, die Fähigkeit überdies einzuschätzen, was der andere konkret braucht, zeigt sich im Alter von etwa vier Jahren.“ Dies sind wohlgemerkt keine Behauptungen der Journalistin, die seit 1994 für den „Stern“ schreibt. Alle Theorien sind gut untermauert und lassen sich anhand der 158 Quellenangaben im hinteren Teil des Buches nachlesen. Und dazu zeigt Eissele Projekte, die Mut machen, wie zum Beispiel das aus den USA nach Deutschland importierte „BASE-Babywatching“ in Kindergärten. Dafür besucht eine Mutter eine Zeit lang wöchentlich mit ihrem Säugling für eine halbe Stunde einen Kindergarten, um ihr Baby zu stillen, zu wickeln und Gefühle zum Säugling zu zeigen. Eine speziell ausgebildete Erzieherin spricht mit den Kindern, die im Stuhlkreis sitzen, über die Gefühle von Mutter und Kind. Die Kinder in den Kindergärten waren danach ruhiger, einfühlsamer und weniger überaktiv.

Projekte, die das Mutter-Kind-Verhältnis verbessern, werden schlecht bezahlt

Auch das „Faustlos“-Projekt, das von dem Heidelberger Familientherapeuten Manfred Cierpka entwickelt wurde, zeigt gute Erfolge. In Schulen wird in mehreren Lektionen mit speziell ausgebildeten Lehrern und im Klassenverbund Kommunikation geübt. Hier lernen Kinder, über Gefühle zu sprechen und schwierige Situationen mit Worten statt mit Fäusten zu lösen. Auch wenn die Empathie in frühen Jahren nicht gelernt wurde, zeigen sich durch die Arbeit unter Gleichaltrigen gute Erfolge. Wichtiger wäre es allerdings von Anfang an ein gutes Verhältnis zwischen Mutter und Kind zu schaffen, berichtet Eissele. Nicht nur Mütter aus der Unterschicht, auch Akademikerinnen haben Probleme damit, ihr Kind anzunehmen. Speziell geschulte Hebammen können präventiv viel leisten, als „Baby-Dolmetscherin“ fungieren und der Mutter die Bedürfnisse ihres Kindes näher bringen. Gerade die Qualität der frühen Hilfe sollte dem Staat viel wert sein. Eine Hebamme erzählt, dass sie 13 Euro brutto für einen halbstündigen Familienbesuch bezahlt bekommt.

Die Entstehungsgeschichte des Einfühlungsvermögens im Buch „Kalte Kinder“

Wer Empathie aber nie lernt, wird unter Umständen zu einem kalten Killer oder auch zu einem Mensch, der ohne zu zögern anderen Schmerzen (seelische und tatsächliche) zufügt und – was noch schlimmer ist – diese Empathielosigkeit auch an die eigenen Kinder weitergibt. Ingrid Eissele beschäftigt sich auch mit der Entstehungsgeschichte der Empathie. Der Begriff kommt aus dem Griechischen (em – hinein, pathos – starkes Gefühl) und bedeutet, sich in andere hineinzufühlen. Dazu ist es aber wichtig, selber fühlen zu können. So gibt es mehrere Stufen der Empathie, die mit der Gefühlsansteckung beginnt. Ein Säugling beginnt zurückzulachen, wenn man ihm zulächelt und mitzuschreien, wenn andere Säuglinge schreien. Stimmt die Kommunikation zwischen Mutter und Kind nicht, kann ein Baby Gefühle nicht erlernen. Die nächste Stufe ist die Selbst-Andere-Unterscheidung, dann folgt die kognitive Empathie, die durch eine bestimmte Art zu Denken gekennzeichnet ist, dann das Mitgefühl und zum Schluss die aktive Fürsorge für andere Menschen.

Auch Erwachsene lernen es, sich in ihre Opfer hineinzufühlen

Von dieser höchsten Stufe sind viele Kinder und Jugendliche weit entfernt. Nicht nur digitale Medien und die oft verdammten „Killerspiele“ sind dafür die alleinige Ursache, sondern auch die Unfähigkeit vieler Erwachsener, auf seltsame Verhaltensweisen von Kindern (die erste Anzeichen für Empathielosigkeit sein könnten) zu achten. Und dann auch entsprechend zu reagieren und vor allem zu agieren. Würden mehr Menschen Empathie vorleben und weitergeben, könnte manches Kind viel lernen, bevor es als Erwachsener im Knast in speziellen Therapiegruppen das erste Mal darüber nachdenkt, wie man sich als Opfer fühlt. So sagt Ingrid Eissele in ihrem Nachwort: „Empathie als Gemeinschaftsaufgabe zu verstehen könnte heißen: nicht nur das eigene Kind liebevoll im Blick zu haben, sondern auch das des Nachbarn, nicht nur auf das fehlende Mitgefühl von Jugendlichen zu schauen, sondern auf unser eigenes.“

Ingrid Eissele: Kalte Kinder. Herder Verlag 2009. Kartoniert, 220 Seiten. Euro 18,95.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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